Zeit für die schönen Dinge des Lebens

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Der Ast eines alten Baumes im Licht von einem Sonnenuntergang.

Was sagst Du jemandem, der mit dem Brustton der Überzeugung behauptet, dass es im Leben darauf ankommt, erfolgreich zu sein? Der davon überzeugt ist, dass Konkurrenzkampf und Leistungsdruck die entscheidenden Triebfedern für Fortschritt und Weiterentwicklung sind. Dessen Maxime lautet: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Was würdest Du dem sagen?

Diese Fragen sind mir vor ein paar Tagen gestellt worden. Meine Antwort war, ganz untypisch für mich, spontan und recht kurz: »Ich würde ihm die Geschichte vom mexikanischen Fischer zu lesen geben.«

In einem kleinen Fischerdorf beobachtete ein namhafter Professer für Betriebswirtschaft, wie ein einheimischer Fischer mit seinem Boot anlegte und den Fang des Morgens auslud. Der Professor ging auf den Fischer zu und fragte ihn, warum er schon so früh am Tag mit der Arbeit aufhöre.

»Ich habe genug Fische gefangen um meine Familie davon zu ernähren. Ich kann sogar noch einige davon verkaufen«, antwortete der Fischer. »Jetzt möchte ich mit meiner Familie zu Mittag essen und nach dem Mittagsschläfchen mit den Kindern spielen. Und heute Abend werde ich mich auf einen Drink mit meinen Freunden in der Taverne treffen. Vielleicht machen wir dann auch noch ein bisschen Musik.«

Der Professor erklärte dem Fischer, dass dieser noch viel mehr Geld verdienen könne, wenn er jeden Tag bis zum Abend fischen würde. In einigen Monaten könne er sich dann ein größeres Boot kaufen, Mitarbeiter:innen anheuern und noch mehr Fische fangen. Und wenn er fleißig auf diese Weise weiter arbeiten würde, könne er schon in wenigen Jahren stolzer Besitzer einer Fischereiflotte sein. Der Professor war in seinem Element. »Stellen Sie sich vor, Sie können dann Ihren Sitz in eine Großstadt verlegen und mit ihrem Unternehmen vielleicht sogar an die Börse gehen!«

»Aber Herr Professor, was sollte ich mit so viel Geld anfangen?« »Damit könnten Sie sich zur Ruhe setzen und dem Leben die schönen Seiten abgewinnen!« »Dem Leben die schönen Seiten abgewinnen?«, fragte der Fischer schmunzelnd. »Ja!«, rief der Professer und ergänzte begeistert: »Sie hätten dann viel mehr Zeit, um die schönen Dinge zu genießen! Sie könnten sich zum Beispiel in einem malerischen Fischerdorf wie diesem ein hübsches Haus kaufen, und morgens mit einem kleinen Boot auf das Meer hinausfahren um Fische zu fangen. Jeden Tag könnten Sie gemütlich mit Ihrer Frau und Ihren Kindern zu Mittag essen, nachmittags mit ihnen etwas unternehmen, und abends mit Ihren Freunden in der Tarverne gemeinsam etwas trinken und musizieren!«

Der Fischer lächelte noch immer: »Sie möchten wirklich, dass ich mir die Zeit für die schönen Dinge des Lebens nicht jeden Tag einfach nehme, und mir stattdessen die Zeit erst erarbeite? Damit ich die schönen Dinge später, also in einigen Jahren genießen kann?«

PS: Das erste Mal gelesen habe ich die Geschichte vom mexikanischen Fischer in einem Buch von Ajahn Brahm1. Das Buch trägt den Titel „Die Kuh, die weinte“.2 Ich habe den Text ein bisschen zusammengefasst und hier und da auch etwas geändert.


  1. Siehe de.wikipedia.org: Ajahn Brahm. [return]
  2. „Die Kuh, die weinte“ von Ajahn Brahm. Verlagsgruppe Random House GmbH, 2. Auflage 2007, Seiten 178 bis 180. [return]