Wir leben in einer Wertschätzungskrise

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Gelbblühende Pflanzen wachsen zwischen dem verwelkendem Laub des Vorjahres.

Biden drohte seinen Mitarbeitern im Weißen Haus, er persönlich werde, sofort und noch an Ort und Stelle („on the spot, I repeat, on the spot“) jeden entlassen, der einen anderen respektlos behandelt. 1

Ich finde das bemerkenswert. Weil, sollten wir nicht immer respektvoll miteinander umgehen? Ist das nicht selbstverständlich? Schön wäre es. Ist es aber leider nicht. Und das ist komisch. Jeder will respektvoll behandelt werden, aber immer weniger handeln so.

Und darum finde ich die Ansage von Joe Biden grundsätzlich gut. Zwei Einschränkungen habe ich aber dennoch. Mit einer prophylaktisch Drohungen kann ich mir vielleicht Respekt verschaffen, respektvoll ist das aber nicht. Für ihn scheint die Regel also nicht zu gelten, womit er dann ein schlechtes Vorbild wäre.

»Aber Volker, das ist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika! Das ist der Chef!« Vielleicht habt Ihr jetzt solche Gedanken: Ein Chef darf das. Das sehe ich nicht so. Wer Wasser predigt und Wein trinkt, ist ein schlechtes Vorbild. Und wer das tut, obwohl er eine Leitungsfunktion inne hat, ist ein „Superspreader“.

Aber nochmal: Die Idee hinter der Ansage von Joe Biden ist gut. Sie muss aber anders umgesetzt werden; zum Beispiel mit einer Vereinbarung, die dann für alle gilt. Und ja, das große Problem dabei ist die Definition: Was genau ist respektlos, und was zählt noch zu einer verzeihlichen, sagen wir Dummheit? Der Teufel steckt im Detail.

Dennoch, stellt Euch mal ein Unternehmensleitbild vor, in das die Wertschätzung aller Mitmenschen, egal ob Betriebsangehörige oder Kund:innen, ganz oben auf der Liste steht: „Wir möchten respektvoll miteinander umgehen. Das ist uns wichtig. Und wir werden uns gegenseitig daran erinnern, wenn wir es mal nicht waren.“ Das klingt albern?

Kürzlich las ich einen Tweet von Lorenz Meyer2. Darin zitiert er Prof. Dr. Reinhard Haller3:

Ich möchte vermitteln, dass mit dem Nebenmenschen immer auch ein sehr verletzliches Wesen vor uns steht. Die Menschheit wird nur überleben, wenn sie die Empathie rettet.

Aufgrund des Tweets habe ich ein bisschen recherchiert, und bin dabei auf einen Vortrag von Prof. Dr. Reinhard Haller bei youtube.com gestoßen. Der Vortrag trägt den Titel: „Das Wunder der Wertschätzung“4. Wenn Ihr keine Zeit habt Euch den ganzen Vortrag anzuhören, hört einfach mal so ab der 12. Minute hinein. Reinhard Haller beginnt dort von einem kleinem Beispiel zu erzählen, was mich hellhörig gemacht hat.

„Wir leben in einer Wertschätzungskrise“, meint Prof. Dr. Reinhard Haller. Jeder will wertgeschätzt werden - weil wir Wertschätzung brauchen, weil Wertschätzung zu einem Grundbedürfnis gehört. Aber immer weniger handeln wertschätzend. – Die „Ansage“ von Joe Biden beinhaltet eine Idee, die mithelfen könnte, das zu ändern.


  1. Siehe www.rnd.de: Joe Biden: Der alte weise Mann, von Matthias Koch, 31.1.2021. [return]
  2. Siehe twitter.com/shengfui: Lorenz Meyer, 16.3.2021. [return]
  3. Siehe de.wikipedia.org: Reinhard Haller. [return]
  4. Siehe www.youtube.com: Reinhard Haller: Das Wunder der Wertschätzung, Vortrag vom 12.2.2019. Reinhard Haller hat auch ein Buch dazu herausgebracht. Es trägt denselben Titel wie der Vortrag. [return]