Unkraut vergeht nicht

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Eine Heuchera wächst in den Fugen einer gepflasterten Fläche. Ein Pupurglöckchen. Ist das Unkraut oder kann das weg?

»Da müssen doch mal die Hecken geschnitten werden!« »Und da, seit Wochen wuchert da das Unkraut! Das sieht schlimm aus!« »Guck dir das mal an! Was macht das für einen Eindruck auf die Touristen, die an diesem Park vorbeigehen?! Schrecklich!«

In den vergangenen Wochen habe ich Sätze wie diese besonders häufig zu hören bekommen. Dass solche Kommentierungen in diesem Jahr so oft zu hören und zu lesen sind, liegt schlicht an dem Wetter. Es bietet für viele Pflanzen optimale Bedingungen, sodass sie wie „Unkraut aus dem Boden schießen“. Ich habe selbst einen kleinen Garten und komme mit dem Rückschnitt nicht mehr hinterher. Und so geht es allen, die Grünanlagen pflegen müssen – sie haben dadurch in diesem Jahr noch mehr Arbeit.

Eigentlich sollten wir uns darüber freuen, dass die Pflanzen so gut wachsen, oder noch besser: Wir sollten dankbar dafür sein! Doch es ist schwer, es allen Menschen recht zu machen. Uns selbst gelingt das nicht, dem Wetter eh nicht, und der Natur auch nicht.

Apropos: „Wie Unkraut aus dem Boden schießen.“ Was ist eigentlich Un-Kraut? Sind Löwenzahn, Ackerwinde, Giersch, Brennnesseln Un-Kräuter? Und wenn ja, warum? Wird das in einem Regelwerk festglegt? Von wem?

»Das ist alles eine Frage des Betrachters«, gab mir kürzlich jemand zur Antwort. »Stimmt, die Tiere werden das anders sehen. Und die Natur erst recht.«

Einen Gedanken dazu kann ich mir nicht verkneifen. Auch wenn mir klar ist, dass viele Leser:innen daraufhin den Kopf schütteln werden: »Also Volker, das ist aber jetzt sehr weit hergeholt!« Gleichwohl, mir geht es um das „Un-Kraut“ und die Hybris von uns Menschen. – „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, heißt es im ersten Satz der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Der Gleichheitsgrundsatz. Was maßen wir uns eigentlich an, bei Pflanzen das anders zu handhaben? Gehören sie nicht auch, wie wir Menschen, zur Natur?

Die jüngsten Hochwasser, die Waldbrände, die Stürme – sind alles Folgen unseres Handelns. Die Natur, das Klima „reagieren“ auf uns, auf unser Verhalten. Und von wegen „Klimaschutz“, wir müssen das Klima nicht schützen, es wird, wie die Natur, uns überleben. Was wir schützen müssen ist uns selbst, und zwar vor uns selbst.

Wenn wir uns nicht selbst abschaffen wollen, dann müssen wir unsere Einstellung zur Natur ändern. Und das beginnt mit solchen vermeintlichen Kleinigkeiten wie die Suche nach Antworten auf Fragen wie: Was ist Unkraut? Was ist ungepflegt? Was ist Laub, das auf mein gleichmäßig gehaktes Blumenbeet fällt?

Stichwort: Laub. Ich habe das hier schon des Öfteren geschrieben, für mich ist Laub Natur, ein Rohstoff – Dünger für die Pflanzen. 99,9 Prozent von dem was in meinem Garten an Schnittgut und dergleichen anfällt, verbleibt in meinem Garten. Wenn ich darauf zu sprechen komme, frage ich oft: »Was ist wohl in den Plastik-Säcken, auf denen in grellen Farben „Pflanzenerde“ oder „Blumenerde“ zu lesen ist?«

In Erwartung eines heißen Sommers twitterte im Frühjahr jemand eine Grafik, aus der zu sehen war, wie sich je nach Höhe des Rasens die Bodentemperatur verändert – je höher der Rasen, desto geringer die Bodentemperatur. Das leuchtet ein. Ich habe daraufhin sofort meinen kleinen Rasenmäher um eine Schnittstufe höher gestellt.

Warum schreibe ich das? Auch das Schnittgut, welches ich zwischen den Pflanzen, Büschen und Bäumen verteile, kühlt den Boden und verhindert, dass er zu schnell austrocknet. Zudem bietet es Unterschlupf und Nahrung für unzählige kleine und winzige Tiere, was wiederum Vögel und Igel anzieht.

»Okay, aber in meinem Garten bekomme ich so viel Laub und Schnittgut nicht unter«, bekomme ich häufig zur Antwort. Sicher, das mag bei dem ein oder anderen Garten so sein. Aber ich behaupte, bei mindestens 75 Prozent der Gärten wäre es möglich – wenn sie anders angelegt werden.

Die Natur findet einen Weg, so wie die Pflanzen; zum Beispiel in den Fugen der gepflasterten Wege. Das kann man schlimm finden. Oder normal. Oder noch besser: gut. Natur, wie schön das es dich gibt!

»Bitte nicht rausreißen, höchstens abschneiden. Das Wurzelwerk der Pflanzen hilft dabei, dass die Steine fester sitzen«, ist auch so ein Satz, den ich bei solchen Gesprächen gern mal anbringe. Ist das Pupurglöckchen in den Pflasterfugen Un-Kraut? Es hat sich sich das Plätzchen dort selbst ausgesucht.

»Wie aus das sieht?« Ja, so ein Garten sieht anders aus; wilder, unordentlicher, nicht perfekt, könnte man das beschreiben. Und ganz schnell sind wir dann wieder bei der gleichen Diskussion, die wir vorhin schon hatten. Was ist unordentlich? Ist die Natur unordentlich? Ist die Natur nicht perfekt?

Die Natur ist perfekt – so wie wir Menschen, denn wir sind Teil der Natur. Was nicht perfekt ist, ist unser Denken und Handeln. Daran müssen wir arbeiten. Wir müssen unsere Einstellung zur Natur ändern. Dem einen wird das zu pathetisch, dem anderen zu poetisch klingen, der richtige Weg ist es meines Erachtens trotzdem: Wir müssen lernen, mit der Natur im Einklang zu leben – zu unserem eigenen Schutz.

Unkraut vergeht nicht. Wir Menschen aber schon, wenn wir so weiter machen.