Thank you for seeing me

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 3 Minuten

Ein Obstbaum mit vielen Blüten. Zwischen den Ästen Sonnenstrahlen.

Es war ein langer, oft schwerer Weg – vom Beginn ihrer Demenz bis zu ihrem Tod. Ihre letzten zehn Tage waren auch für mich unglaublich schmerzhaft. Doch trotz des Schmerzes, trotz der unendlichen Trauer gab es noch ein anderes Gefühl, welches, wenngleich es sich im Hintergrund hielt, präsent und stark war, ein Gefühl, das mir Halt gegeben hat, ohne dass ich das zu der Zeit hätte so sagen können – Dankbarkeit.

Ohne meine Mom wäre ich nicht. Ohne sie würde ich hier nicht schreiben. Ohne sie hätte ich nicht so viel gelernt.

Dennoch war ich ein wenig verwundert darüber: Warum war das Gefühl, besonders in den letzten Tagen vor und nach ihrem Tod, so gegenwärtig? Natürlich habe ich mich darüber gefreut, war ich dankbar für die Dankbarkeit. Aber woher kam sie, woraus speiste sie sich?

In der Zeit kamen mir auch viele, so vermeintlich alte Begriffe wie Aufrichtigkeit, Güte, Barmherzigkeit und Demut in den Sinn. Warum kommen mir gerade jetzt diese Gedanken?, habe ich mich gefragt.

Ich glaube, dass diese Gefühle und Haltungen ein und denselben Ursprung haben – die Liebe. Auch in der Dankbarkeit zeigt sich die Liebe.

Kürzlich erzählte mir eine Freundin, dass sie, in einer Zeit als es ihr ziemlich schlecht ging, aus einer inneren Eingebung heraus sich jeden Abend noch mal bewusst gemacht habe, über welche Dinge sie sich tagsüber gefreut hat, wofür sie dankbar war. Das habe ihr Halt gegeben. Ich habe eine Weile gebraucht bis mir klar wurde, wie gut diese Idee ist.

Bei aller Alltags-Coolness, wir sind verletzliche Wesen, wir brauchen Halt, das Gefühl von Verbundenheit und Geborgenheit1 - wir brauchen Liebe. Dennoch scheint es mir, als sei es – zumindest im Alltag – ein Zeichen von Schwäche, sich das offen einzugestehen. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass wir über das was uns nervt, was uns auf den Keks geht viel mehr nachdenken, reden und schreiben, als über das, worüber wir dankbar sind.

Ich habe daher die Anregung meiner Freundin aufgegriffen. Jeden Abend rufe ich mir die Momente des Tages in Erinnerung, für die ich dankbar bin. Dazu zähle ich auch die Situationen, in denen ich Glück hatte. »Huch, Vorfahrt übersehen! Gut das nichts passiert ist!« Auch Beobachtungen die mich gerührt haben, lassen mich dankbar sein. Wie die Frau im Wartezimmer der Arztpraxis, die einen älteren, sehr hilfsbedrüftigen Herrn, so liebevoll zur Seite stand. Wie schön ist es, soetwas zu beobachten; Menschen, die einander helfen. Wichtig finde ich ebenso, sich der vielen Selbstverständlichkeiten zu besinnen, wie das Brot zum Frühstück, das ich mir mit leckerem Käse belegen konnte.2

Das mache ich jetzt schon eine Weile. Und ich bin verblüfft darüber, wie viele Begebenheiten ich im Laufe eines Tages erlebe, für die ich dankbar sein kann – und dann auch bin. Aber nur weil ich diese Momente noch mal vor dem inneren Auge abspielen lasse, wird mir bewusst, dass noch eine Menge drin ist, in dem Glas.

Dass es ein unglaublich schönes Gefühl ist dankbar zu sein, und das Dankbarkeit umso nachhaltiger ist, wenn man sie auch zeigt, war mir klar. Doch je mehr ich mich mit ihr beschäftige, desto erstaunter bin ich darüber, welche Wirkung sie entfalten kann.3

Thank you for hearing me,
thank you for loving me,
thank you for seeing me.

— Aus dem Stück „Thank you for hearing me“ von Sinéad O’Connor.4


  1. In seinen Büchern „Wege aus der Angst“ und „Lieblosigkeit macht krank“ stellt Gerald Hüther immer wieder diese beiden Grundbedürfnisse des Menschen heraus, das nach Verbundenheit und Geborgenheit und das nach Autonomie und Freiheit. [return]
  2. Dass ich das hier erwähne, hat noch einen weiteren Grund. Ich habe darüber mal geschrieben: Es ist nicht ihre Schuld. [return]
  3. Allein in der Wikipedia gibt es dazu schon reichlich zu lesen. Siehe de.wikipedia.org: Dankbarkeit, Empirische Ergebnisse. [return]
  4. Siehe youtube.com: „Thank you for hearing me“ und de.wikipedia.org: Sinéad O’Connor. [return]