Stella Maris

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Sonnenaufgang in den Emmerwiesen von Lügde. Über den Wiesen steht noch der Nebel. Nur die Berge im Hintergrund und die Bäume im Vordergrund ragen heraus.

»Bitte nicht erschrecken, ihre Mutter hatte einen Schlaganfall.« Nach dem Anruf bin ich sofort zu ihr ins Pflegeheim geeilt. Das war heute vor einem Jahr.

Schon ein Jahr zuvor war meine Mom über mehrere Wochen dem Tod sehr nahe. Doch sie hatte es noch mal geschafft. Aber danach war sie vollständig bettlägerig und sehr schwach. In dem Jahr habe ich mich oft gefragt: Was kann ein Mensch alles aushalten? Und doch gab es auch in dem Jahr noch viele helle Momente. »Unsere Grinsekatze«, sagte ein Pfleger mal, nachdem er sie gereinigt und gewickelt hatte, und sie ihn dafür dankbar anstrahlte. In den eineinhalb Jahren vor ihrem Tod hat sie kaum noch gesprochen, und wenn, waren ihre Worte meistens nicht zu interpretieren. Aber ein Wort habe ich sie oft sagen gehört, manchmal hat sie es auch nur mit den Lippen formen können: »Danke«.

Nach dem Schlaganfall war klar, dass ihr Tod unmittelbar bevor stand. Der Schlaganfall hatte auch ihren Schluckmechanismus in Mitleidenschaft gezogen. Sie konnte nicht mehr trinken und essen. Ich nahm mir frei und blieb bei ihr; erzählte ihr von schönen Erlebnissen, las ihr Geschichten aus Büchern1 und sang ihr Lieder vor, duftete sie mit ihrem Parfüm ein, lies das Smartphone Lieblingslieder von ihr spielen, stippte Mundpflegeschwämmchen2 in meinen Kaffee und befeuchtete damit vorsichtig ihren Mundraum und betete mit ihr. Oft aber hielt ich nur ihre Hand, streichelte sie sanft über ihre Arme, oder wachte einfach nur still an ihrm Bett.

Am dritten Tag geschah etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Sie wurde wacher, präsenter, strahlte mich an, wollte mit mir sprechen. Aber durch den Schlaganfall konnte sie ihre Zunge nicht mehr koordinieren. Ich fragte sie, ob sie wisse wo sie sei. Sie nannte mir den Namen des Heims. Sie hatte Mühe ihn auszusprechen. Aber er war zu verstehen. Ich nannte ihr nacheinander ein paar Namen von nahen Angehörigen und fragte sie jeweils, ob sie noch mal zu ihr kommen sollen. Jedes Mal antwortet sie mit einem deutlich zu verstehenden »Ja«. Ich rief die Lieben an und erzählte ihnen von ihrem Wunsch. So konnten auch sie meine Mom noch mal so erleben.

Das sehr seltsame daran ist, dass meine Mom dement und gerade in den vorausgegangenen Monaten meistens sehr geistesabwesend war. Später habe ich erfahren, das solche Begebenheiten nicht selten sind; Zeiten, in denen sterbenden Menschen, die nur noch Morphin bekommen, noch mal sehr wach werden.

Auch am vierten Tag war sie noch mehrmals so gegenwärtig. Dann aber wurde sie wieder stiller. Dennoch gab noch Momente, in denen mir deutlich wurde, dass sie noch sehr viel um sich herum wahrgenommen hat. Zum Beispiel, wenn ich ihr von ewig zurück liegenden Anekdoten erzählte. Manchmal glaubte ich, ein Grinsen ihrem Gesicht zu vernehmen. Oder bei einigen Liedern, die ich ihr mit dem Smartphone zu hören gab. Dann sah ich, wie sie für kurze Zeit sehr entspannt wirkte, geradezu verzückt. Einmal, nachdem wir uns das Lied Ave Maria angehört hatten, sagte sie langsam und gedehnt: »Schön!« Und wenn ich ihr von Zeit zu Zeit mit einem feuchtwarmen Lappen vorsichtig über die Stirn, die Schläfen und die Mundwinkel wusch, spürte ich, dass sie auch das sehr genossen hat.

Den Rat eines guten Freundes folgend, habe ich die Zeit auch genutzt, mich ganz bewusst von ihr zu verabschieden. Ich hatte Zeit, mich bei ihr zu bedanken, für alles was sie für mich getan hat. Hatte Zeit, sie um Entschuldigung zu bitten, für das Unrecht was ich ihr getan habe. »Weißt du noch, wie du mir, nachdem ich dich wegen irgendeiner Lappalie ausgeschimpft habe, gesagt hast: ›Auch du wirst mal dahin kommen!‹«, fragte ich sie. Das war, als ich sie noch zu Haus gepflegt habe. Und ich gestand ihr: »Du hast recht. Ich werde das nie vergessen! Auch ich werde mal dahin kommen.« Auch ich werde mal Hilfe brauchen und froh sein, wenn ich sie von einem geduldigen, einfühlsamen Menschen erhalte.

Trotz ihrer Erkrankungen war meine Mom ein sehr zufriedener und dankbarer Mensch. Vielleicht war sie es auch gerade wegen der Erkrankung. Sie hat sie mit Demut ertragen.

Mich haben ihre letzten Tage unglaublich berührt. Ich habe oft versucht, meine Gefühle zu beschreiben. Da war natürlich die Trauer. Sie war stark. Aber auch Liebe und Dankbarkeit. Und dauernd gingen mir uralte Begriffe durch den Kopf. Begriffe wie Güte, Barmherzigkeit, Geduld, Aufrichtigkeit und Demut. Erklären kann ich das nicht. Doch es war, als würde ich die Bedeutung dieser Begriffe fühlen. Es war ein intensives Gefühl.

Liebe, Barmherzigkeit, Güte, Aufrichtigkeit, Demut, Dankbarkeit – ich wünschte, ich würde mich häufiger daran orientieren.

All das wollte und will ich nicht vergessen. Jeden Tag habe ich Fotos von ihr gemacht. Wenn ich sie mir jetzt anschaue, erschrecke ich jedes Mal, dass ihr der Tod jeden Tag ein bisschen mehr anzusehen war. Als ich bei ihr war, habe ich das kaum bemerkt. Obwohl sie vor dem Schlaganfall schon sehr entkräftet war, hat sie noch 10 Tage gelebt.

Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass ich auch an ihren letzten Tagen bei ihr sein durfte. Denn das hatte ich mir vor über 20 Jahren geschworen, nachdem mein Dad gestorben ist; ohne Angehörige, mehrere hunderte von Kilometern von uns entfernt.

In einem anderen Zusammenhang hat mir ein guter Kumpel vor kurzem ein afrikanisches Sprichwort zu denken gegeben: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen.“ Ich glaube, dieses Sprichwort trifft auch für die Pflege von kranken und alten Menschen zu. Wir brauchen einander. Wir brauchen auch die Menschen hinter den ersten Reihen. Die, die wir nicht sehen, die aber trotzdem ihren Teil für die Gemeinschaft beitragen.

Ohne den Rückhalt von vielen lieben Mitmenschen, hätte ich meine Mom nicht pflegen und später betreuen können. Ihnen, wie auch den Pflegerïnnen in dem Seniorenheim, die sich auch an ihren letzten Tagen rührend um sie aber auch um mich gekümmert haben, bin ich unglaublich dankbar.

Meine Eltern waren sehr gläubig. Darum haben sie mich auch viele Marienlieder gelehrt, so wie das Lied: „Meerstern, ich dich grüße.“ Welche Bedeutung der Name hat, habe ich erst vor etwas über zehn Jahren gelernt.3 – Stern des Meeres, lateinisch: Stella Maris.

Er symbolisiert den rettenden Stern, der der einzelnen Seele auf dem „Meer des Lebens“ die Richtung weist.

— de.wikipedia.org: Stella Maris.

Ich glaube, meine Mom hat diesen Stern für sich gefunden. Und ich wünsche uns allen, dass auch wir diesen Stern finden und uns an ihm orientieren; im Alltag, wie auch bei der Bewältigung der globalen Herausforderungen.

Schon lange wollte ich mir diese Gedanken von der Seele schreiben. Die Tür dazu geöffnet hat ein Lied, das ich vor ein paar Tagen zufällig entdeckt habe: Stella Maris von Moby.


  1. Am meisten und am liebsten habe ich ihr aus einem Buch vorgelesen, welches ich ihr vor Jahren mal geschenkt habe. Es ist voller wunderschöner Geschichten. Es heißt: Die Kuh, die weinte und ist von Ajahn Brahm↩︎

  2. Die Mundpflegestäbchen sehen aus wie Dauerlutscher. Statt einer Süßigkeit ist auf dem Stiel ein kleiner Schwamm angebracht. Den kann man in Wasser tauchen und damit den Mundraum reinigen. Er wird aber auch benutzt, um Mundtrockenheit zu lindern. Meine Mom konnte ja nicht mehr trinken. Und sie liebte Kaffee. ↩︎

  3. Ein schönes Stück von den Einstürzenden Neubauten hat mich darauf gebracht. ↩︎