Priviligiert

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Ein kleiner Bach, teilweise zugefroren, fließt entlang einer alten Stadtmauer. Überall liegt Schnee.

Sonntag, 14. Februar 2021. Valentinstag. Trotzdem ist es hier in der Gegend kein guter Tag, um Schnittblumen zu verschenken. Denn das Themometer zeigt eine Außentemperatur von -20 °C an.

Derweil sitze ich in meiner Küche und schreibe. Neben mir dampft es aus einer mit heißem Kaffee gefüllten Tasse. Die Zimmertemperatur beträgt 20 °C. Ich schaue aus dem Fenster und denke: Da draußen ist es 40 Grad kälter als hier. 40 Grad! Ich finde das unglaublich.

Und da ist er wieder, einer der leider viel zu wenigen Momente, in denen mir klar wird, wie priviligiert ich bin. Wie oft bin ich unzufrieden und meckere über alles mögliche? Und wie oft mache ich mir klar, welche Vorteile ich habe? Ja, ich sage oft: »Ich stöhne auf hohem Niveau«, oder: »Ich bin Sklave meines eigenen Luxus.«

Aber mache ich mir das wirklich bewusst? Lasse ich das wirklich einwirken, damit ich das verinnerliche, damit das präsent bleibt? Ich glaube nicht. Denn dann müsste ich anders denken und handeln. Okay, ich bin ein Mensch. Ich mache Fehler. Aber müsste ich nicht ein paarmal am Tag, oder wenigstens ein paarmal in der Woche besser, demütiger sein?

Warum klappt das nicht? Ein Grund dafür ist vermutlich, dass es den allermeisten Mitmenschen in meinem Umfeld genauso geht wie mir. Sie sind priviligiert. Auch sie sitzen heute nicht im Kalten. Ich erkenne die Unterschiede zwischen ihnen und mir. Und in diesem, vergleichsweise marginalen „Themperatur“-Unterschied wäge ich ab. Das ist mein Standard-Horizont. Leider.

Doch den Unterschied zwischen mir und den unzähligen Menschen auf dieser Welt denen es viel, viel schlechter geht als mir, den kenne ich zumeist nur aus den Medien. Und diese Bilder und Worte lassen sich erschreckend einfach verdrängen.

Sonntag, 14. Februar 2021. Valentinstag. Ich bin dankbar. Sehr dankbar. Dennoch frage ich mich: reicht das? Ich bin nicht in einem Elendsviertel zur Welt gekommen. Ich bin priviligiert. Reicht es wirklich, deshalb einfach nur dankbar zu sein?