Mit Achtsamkeit für ein gutes Miteinander und mehr Erfolg

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Das Licht der Abendsonne blendet. Nur sehr schlecht ist der Weg der durch den Wald herunter führt zu sehen.

Ich finde die Art und Weise wie wir mit einander umgehen, wie wir kommunizieren, übereinander reden oder schreiben, oft grauenvoll. Ich nehme mich davon nicht aus. Wie oft erschrecke ich mich über mich selbst? Viel zu oft! Meckern, herumnörgeln scheint en vogue zu sein. Negatives hat Vorfahrt. – Was hat das für Folgen? Und wie könnten wir das ändern?

Kleinigkeiten

»Hallo Volker!« »Dankeschön!« »Würdest du bitte?« – Fast alle von uns bekommen täglich unzählige E-Mails, Messages und so weiter. Und manchmal möchte ich nachfragen: Weißt du was eine Anrede ist? Warum benutzt du dann keine? Oder: Erkennst Du einen Unterschied zwischen einem stumpfen »Hallo« und »Hallo Volker«? Stehen wir jetzt schon so unter Zeitdruck, dass wir nur noch im Befehlston miteinander kommunizieren können, und dass wir alles, was andere tun selbstverständlich ist? »Muss der doch eh machen. Wird er doch für bezahlt. Warum sollte ich mich bedanken?«

Natürlich gehen im Alltag solche, vermeintlichen Kleinigkeiten schon mal unter. Und mir passiert das auch viel zu oft. Der Alltag, Termindruck, Stress sind „Argumente“, die regelmäßig dafür herhalten müssen, dass sowas wie Freundlichkeit, Höflichkeit und Dankbarkeit unter den Tisch fällt. Aber: Das sind keine Kleinigkeiten! Wenn wir schon bei diesen grundsätzlichen Umgangsformen des Anstands scheitern, dann kann uns das Große erst recht nicht gelingen.

»Aber Volker, du weißt doch, wir leben in einer Leistungs-Gesellschaft. Wir müssen …« »Größer, höher, schneller, weiter, schöner. – Ja, ich weiß.«

Kolbenfresser

Aber ich weiß auch, dass wenn ich dem Motor in meinem Auto kein Öl mehr gönne, er irgendwann streikt. Dann ist nichts mehr mit Leistung.1 In diesem Bild steht das Auto für meine Mitmenschen – vor allem für die, von denen ich in irgendeiner Form abhängig bin. Für meine Familie, für meine Freund:innen, für meine Kolleg:innen.

Wenn wir uns keine Zeit mehr einräumen, um das Miteinander zu pflegen, dann ziehen wir uns gegenseitig runter. Und damit bewirken wir das Gegenteil von dem was wir wollen. Denn mit einem kaputten Motor ist schlecht Vorwärtskommen.

Was motiviert Dich mehr: Wenn Dich jemand freundlich behandelt, oder wenn er Dich von der Seite anranzt? Wenn er auf Dich zukommt, oder wenn er Dich ignoriert?

Ein liebevolles Miteinander ist motivierend, ein schlechtes demotiviert. Hinzu kommt: Ärger kostet nicht nur Nerven, sondern auch kostbare Zeit.

Erfolgreicher

Wie viel erfolgreicher könnten wir sein, wenn wir solche Umgangsformen wie Anstand, Dankbarkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit, Respekt, Wertschätzung wieder Ernst nehmen; wenn wir ihnen die höchste Priorität einräumen?

»Alles gut und schön. Das kann man sich vornehmen. Aber wie soll das gehen? Der Alltag holt uns doch jedes Mal wieder ein.«

Vielleicht bietet diese Geschichte einen Lösungsansatz:

Gegenwart

Vor ein paar Tagen stieß ich zufällig auf den Film: Walk With Me. In der Dokumentation erklärt der buddhistischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh: »Die Vergangenheit ist nicht mehr und die Zukunft noch nicht da. Es gibt nur den gegenwärtigen Moment.« Das ist eine von mehreren Anregung, die der Film geben möchte: Versuche häufiger in der Gegenwart zu leben.2

So spinnert wie das auch klingen mag, mir geht es oft so, dass ich genau das nicht tue. Meine Gedanken kreisen zwischen Vergangenheit und Zukunft, aber in der Gegenwart sind sie selten. »Hm, wo ist das Problem?«

Ich versuche das mal mit einem Bild zu umschreiben. Es ist so, als würde man ständig durch einen dichten Nebel gehen. Die Sicht ist eingeschränkt, die Konturen unscharf, die Farben schwach und verlaufend. In diesem Bild steht der Nebel für das Kreisen der Gedanken in der Vergangenheit und oder der Zukunft.

Akustisch bietet sich auch der Tinnitus als Metapher an. Ein ständiges Rauschen verhindert, dass ich die Klänge und Worte um mich herum klar und deutlich wahrnehme.

Und das ist der Punkt. Wenn ich nicht gegenwärtig bin, ist meine Wahrnehmung für das was mich jetzt umgibt eingeschränkt.

»Auch da ist was Wahres dran. Wir lassen uns regelmäßig von unseren Gedanken ablenken. Und weil wir mit unseren Gedanken so oft woanders sind, achten wir zu wenig auf unsere Mitmenschen. Doch was soll jetzt die Lösung sein?«

Rituale

In Plum Village, dem Praxiszentrum von Thich Nhat Hanh, gibt es eine Glocke. Wann immer sie geläutet wird, halten die Mönche inne und legen eine kurze Pause ein um bewusst ein- und auszuatmen. Die Glocke soll die Mönche daran erinnern, in die Gegenwart zurückzukehren.

Wann achten wir schon auf das Atmen? Wir machen das einfach. Weil wir es müssen. Doch wie oft sind wir dankbar dafür, dass wir es können?

In dem Fim „Walk With Me“ sind mehrere Szenen zu sehen, in denen die Mönche gemeinsam mit den Besucher:innen spazieren gehen, ob im Wald oder mitten durch New York. Erst habe ich mich gewundert: Die gehen aber ziemlich langsam. Dann wurde mir klar, auch das ist eine Übung: um bewusst, um achtsam zu gehen – um klarer sehen und hören zu können.

»Okay. Willst du jetzt überall eine Glocke anbringen? Und nur noch von Büro zu Büro schreiten statt gehen?«

Warum nicht? Es muss ja auch nicht unbedingt der Klang einer Glocke sein, von der wir uns regelmäßig erinnern lassen, freundlich miteinander zu kommunizieren.

In dem Fim „Walk With Me“ ist eine Szene zu sehen, wie eine kleine Gruppe von Mönchen und Besucher:innen gemeinsam musizieren. Als die Glocke erklingt, legen die Musiker:innen ihre Instrumente beiseite und halten für einen kurzen Moment inne.

Stellt Euch zum Beispiel mal Sitzungen vor, in denen es üblicherweise hoch hergeht. Und in Abständen von, sagen wir mal einer Stunde, ertönt der Klang vom Big Ben. Alle halten inne und denken zum Beispiel mal bewusst und wertschätzend über die Argumente der Gegenseite nach.

Ich bin davon überzeugt, dass Rituale helfen können, achtsamer zu werden: Denk daran, sei freundlich, liebevoll, mitfühlend, dankbar. – Von meiner Mom habe ich zwei solcher Rituale übernommen. Ich schrub darüber: Es ist nicht ihre Schuld und Es ist, als hätte man mir einen Stecker gezogen.