Lächeln ist kein Indiz

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Sonnenaufgang. Im Hintergrund Berge. Der himmel ist stark errötet.

»Schau dir das mal an!« sichtlich bestürzt zeigte sie auf eine Todesanzeige. »Das war mein Kollege! Er ist erst kürzlich in Rente gegangen. Ich verstehe das nicht. Der war doch total fit!« Es war offensichtlich, dass der Tod ihres Kollegen ihr sehr nahe ging. Ein paar Tage später schrieb sie mir, dass ihr ehemaliger Kollege sich das Leben genommen hat.

Ich rief sie an und sie erzählte mir, dass die Familie des Verstorbenen nicht genau wisse, was bei ihm den Suizid ausgelöst hat. War es eine Leere nach dem Ende seines Arbeitslebens? Haben die Corona-Einschränkungen das verstärkt? Fragen über Fragen.

Die Geschichte erinnerte mich an den Suizid eines meiner besten Freunde.1 Auch wir waren damals fassungslos. Und immer wieder die Frage: Warum? Die, die ihm nahe standen, wussten jedoch schon lange, dass ihn tief in seinem Innersten etwas bedrückte. Aber in den letzten Jahren vor seinem Tod habe ich ihn nicht mehr gefragt, was genau ihn quälte, wann die Gedanken und Gefühle auftreten, wie intensiv sie sind und wie lange sie andauern.

„Man muss die richtige Gelegenheit abpassen.“ Das habe ich mir damals auch gesagt. Aber diese „Gelegenheit“ hat er mir nicht mehr gegeben. Stattdessen genossen auch wir, die ihn besser kannten, seine intensive Sonnenseite. Und sie war intensiv! So intensiv, dass sie mich blind machte – für seine Depression und seine Suizidgedanken, mit denen er sich höchstwahrscheinlich rumgeplagt hat.

„Man guckt den Menschen nur vor den Kopf.“ Das mag platt klingen, aber ich glaube, dass man sich immer daran erinnern sollte. Mein Kumpel wirkte kraftvoll und selbstbewust, gleichzeitig war er einfühlsam und unglaublich motivierend. Offensichtlich hat er alles daran gesetzt, uns die dunkle, die tief traurige Seite seiner Seele nicht zu zeigen. Möglicherweise wollte er, dass wir uns davon nicht runterziehen lassen. Möglicherweise.

Und wir? Wir haben uns von seinem Lachen, seinem Witz, seinem Charme ablenken lassen. Wir haben verdrängt, dass da etwas in ihm nagte, was ihm offensichtlich sehr zugesetzt hat.

Depressionen. Suizdgedanken. Puh! Wer will sich schon freiwillig damit auseinandersetzen? Wann immer ich über diese Themen spreche, fühle ich mich unbehaglich, verlegen – ich kann es nicht richtig beschreiben. Von einem gebrochenem Bein zu reden ist einfacher.

Diese Gefühle erinnern mich an eine andere Erkrankung. Auch sie hat solche Irritationen bei mir ausgelöst – Demenz. Lange Zeit ist es mir schwergefallen frei zu sagen, dass meine Mom an Demenz erkrankt ist.2 Bei meinem Freund war es genauso. Alle kannten ihn als Strahlemann. Ich hätte nicht erzählen wollen, dass er mit Depressionen zu kämpfen hat.

Und das ist das große Problem, welches sowohl bei einer Demenz als auch bei einer Depression besteht. Viele Menschen wissen nicht (richtig), wie sie damit umgehen sollen. Es ist, als könnten wir die Erkankungen als solche nicht akzeptieren.

»Stell dich nicht so an!«, »Das bildest du dir nur ein!«, »Denk mal positiv!«, »Früher gab es auch keine Depressionen!«3, sind solche Sätze, die darauf schließen lassen. Aber wenn sich schon die Mitmenschen damit schwertun, wie viel schwerer ist es dann für die Betroffenen, sich ihre Erkrankung einzugestehen – sie anzunehmen um sie behandeln zu lassen?

„Zu viele nehmen sich das Leben – darüber müssen wir reden“4, schrub Martin Gommel5 kürzlich unter krautreporter.de. Er hat recht. Wir müssen mehr über Depressionen und Suizid lernen.

Wenn Dich jemand anlächelt, ja, sogar anstrahlt, ist das kein Indiz dafür, das er in seiner Seele keine schwere Last trägt. Warte nicht auf die richtige Gelegenheit.


  1. Siehe: Passt auf Euch auf! ↩︎

  2. Siehe: Wir müssen die Demenz vom Schamgefühl befreien↩︎

  3. Die Sätze habe ich aus einem Artikel von Martin Gommel. Siehe: krautreporter.de, Worte, auf die ich verzichten kann, wenn ich depressiv bin, 4.3.2021. ↩︎

  4. Siehe krautreporter.de: Zu viele nehmen sich das Leben – darüber müssen wir reden, 19.2.2021. ↩︎

  5. Siehe krautreporter.de: Martin Gommel, Reporter für psychische Erkrankungen. ↩︎