Irgendwann kennst du nur noch Vanille

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Ein Fachwerkhaus. Im Hintergrund ein tiefblauer Himmel. Es droht ein Gewitter.

Eine Geschichte über eine Sprache in einer Sprache.

Innerhalb der deutschen Sprache gibt es eine Sprache, die immer mal wieder für Gesprächsstoff sorgt. Wobei es dabei vornehmlich um das geschriebene Wort dieser Sprache geht. Sie schimpft sich: Behördendeutsch, Beamtensprache, Verwaltungssprache, Amtssprache … Viel Titel, viel Ehr.

Als ich vor Ewigkeiten bei einer Behörde zu arbeiten begann, habe ich alles daran gesetzt, sie zu erlernen. Ich war wirklich davon überzeugt, diese Sprache hat Klasse.

Der Stil ist kompakt und auf Genauigkeit bedacht. Er dient dazu, eine Verwaltungsentscheidung zu übermitteln, die an objektiven und bloß rechtlichen Erwägungen orientiert ist.1

Das klingt nach Klarheit durch Minimalismus. Die Sache ist nur die, dass das nicht alle Menschen so sehen. »Die Behörden wollen doch gar nicht, dass ich sie verstehe!« »Wenn ich sowas lese, bekomme ich üble Augenschmerzen!« Und so weiter.

Irgendwann aber begann ich auch zu zweifeln. Ich glaube, dass war in der Zeit, als von den kommunalen Fachverbänden das Motto „bürgerfreundliche Verwaltung“ herausgegeben wurde. Dann sollten wir aber auch das Behörden-Deutsch entsorgen, befand ich. Das dachten sich natürlich auch wichtige Leute. Und bald darauf postulierten sie die „bürgernahe Verwaltungssprache“. – Das war vor über 20 Jahren.

In der Zwischenzeit ist viel passiert. Doch das Behördendeutsch hat sich gehalten. Ich finde das bemerkenswert. Und ich habe mich schon oft gefragt, welche Gründe es dafür gibt.

Kommunikation ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen2. Wenn ich aber schon weiß, dass ein großer Teil der Empfängerïnnen mich mit der von mir gewählten Sprache nicht, oder nur schlecht verstehen wird, dann muss ich doch ins Grübeln kommen. Will ich, wenn ich so schreibe, wirklich kommunizieren? Will ich überhaupt, dass meine Botschaft ankommt?

Ich muss wieder3 an das Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun denken. Was gibt eine Behörde damit von sich zu erkennen (Selbstkundgabe)? Was hält sie von den Bürgerïnnen? Wie steht sie zu ihnen (Beziehungshinweis)? Was will sie damit bei den Bürgerïnnen erreichen? Wie sollen sich die Bürgerïnnen damit fühlen (Appell)? Das Behördendeutsch mal aus diesen Perspektiven genauer zu betrachten, könnte spannende Ergebnisse liefern.

Aber ich möchte hier nicht den Pontius Pilatus geben und meine Hände in Unschuld waschen. Auch mir rutschen nach wie vor noch merkwürdige Formulierungen und Begriffe aus der Feder, die aus dem Beamtendeutsch stammen. (Das Problem der Mehrsprachigkeit, wissen schon.) Ich arbeite seit über 40 Jahren in einer Behörde und habe in all den Jahren unzählige in dem Stil verfasste Schriftstücke gelesen. Und ich habe das Beamtendeutsch 20 Jahre lang geübt, indem ich sie verwendet habe. Das prägt.

Die Filterblase Behördenspähre könnte aber auch eine Antwort sein. Wenn du lange im Vanille-Schaumbad liegst, wirst du nach dem Bad noch lange danach riechen. »Wie soll ich das denn sonst schreiben?« Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Und ich habe sie oft zu hören bekommen. Irgendwann kennst du nur noch Vanille. Dir fallen einfache Formulierungen einfach nicht mehr ein.

Doch ich beobachte auch, dass es noch eine Reihe von Menschen gibt, die von dem Behörden-Deutsch überzeugt sind. Und das sind nicht nur Menschen, die ihren zweiten Wohnsitz in einer Behörde haben. Ich habe Briefe von Bürgerïnnen gelesen, die im feinsten Beamtendeutsch verfasst wurden. Vielleicht dachten sie aber auch, dass sie nur so verstanden werden, was ja für viel Empathie spricht. Der Haken ist, dass alle, die dieses Deutsch verwenden, dazu beitragen, dass es fortbesteht.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, weshalb viele Briefe von Behörden so kryptisch sind. Ich denke dabei an ein Problem, an dem ich mir schon oft die Zähne ausgebissen habe. Es tritt auf, wenn juristische Fachsprache erforderlich wird.

Sehr viele Briefe einer Verwaltung haben einen rechtlichen Hintergrund; zum Beispiel, wenn der Antrag von Herrn Steller abgelehnt werden muss. Dann muss natürlich benannt werden, aufgrund welcher Rechtsgrundlage:n das geschieht. Und es muss ausgeführt werden, warum der oder die Paragrafen in dem konkreten Fall angewendet werden müssen. Dieser Vorgang wird auch subsumieren genannt.

Weil die meisten Verwaltungs-Mitarbeiterïnnen aber keine Juristen sind, gibt es eine ungeschriebene Regel die da lautet: Wenn du subsumierst, halte dich streng an den Gesetzestext. Denn einen Paragrafen so umzuformulieren, dass er besser zu verstehen ist, kann schnell daneben gehen. Sehr leicht kann man dabei den Sinn eines Paragrafen verändern. Das wäre dann übel. Sicher ist sicher, denkt sich unsereins deshalb, und ändert nichts.

Zu diesem Zweck werden Begriffe und Definitionen aus Gesetzen und Verordnungen oft unverändert übernommen.1

Das heißt, solche Briefe enthalten gern mal stapelweise Zitate aus Paragrafen. Allein das kann dazu führen, dass solche Briefe schwer verdaulich sind. Werden diese Briefe dann noch mit der Behördensprache angereichert, wird daraus ein Behörden-Burger; eine Schicht Behördensprache, eine Schicht Juristensprache, eine Schicht … und so weiter. Gut lesbar und verständlich sind solche Briefe so gut wie nie.

Inspiriert diesen Text zu schreiben, hat mich übrigens eine Podcast-Folge von Deutschlandfunk Kultur. Sie trägt den Titel: Ein Satz mit 81 Wörtern. Und worum geht es in der Folge? Genau. Darum: „Die deutsche Behördensprache ist verquast, umständlich und für die meisten unverständlich. Dabei gibt es seit Jahrzehnten Versuche, sie einfacher zu gestalten. Warum klappt es nicht?“

Zu der oben beschriebenen Angst um die „Rechtssicherheit“ sagt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider:

„Eine gute Kommunikation einer Verwaltung ist am Ende Teamwork, das Zusammenarbeiten verschiedener Kompetenzen. Da gehört die fachliche Richtigkeit dazu. Da gehört die Rechtssicherheit dazu. Und dazu gehört aber dann auch die Verständlichkeit. Und jede Gruppe sollte der anderen nicht die Fähigkeit absprechen, zu einer Verbesserung des Textes beizutragen. Aber die Juristen sollten nicht darüber entscheiden, was verständlich ist. Das ist Sache der Kommunikatoren, und die Kommunikatoren sollten nicht darüber entscheiden, was juristisch richtig oder falsch ist.“4

Das kann ich unterschreiben. Aber in Kommunen ohne Juristen ist das kaum möglich. Außerdem glaube ich, dass vorher noch etwas anderes erforderlich ist. Bringt mehr Gerüche in die Behörden! Lavendel zum Beispiel und Patschuli und Flieder und Rosenholz und Zimt …

Ich glaube, dass uns die Behörden-Sprache noch eine ganze Weile erhalten bleibt. Doch auch sie verändert sich, langsam zwar, aber in positiver Richtung.


  1. Siehe de.wikipedia.org: Verwaltungssprache↩︎

  2. Siehe de.wikipedia.org: Kommunkation↩︎

  3. Siehe: Entscheidend ist, wie es ankommt↩︎

  4. Siehe www.deutschlandfunkkultur.de: Behördendeutsch; Ein Satz mit 81 Wörtern, vom 4.10.2021. ↩︎