Gendern, aber wie?

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 3 Minuten

Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt. Im Laufe der Jahre habe ich dabei die verschiedensten Methoden verwendet; vom Binnen-I, über das Sternchen bis zum Doppelpunkt. Sicher war ich mir nie. Sicher war ich mir nur darin: Ich möchte meine Texte in einer gerechten und barrierefreien Sprache verfassen.

Beim Schreiben des Textes „Eine Frage der Empathie“ war mir schon klar, dass ich einen Punkt unterschlage. Wenn ich „Schüler:innen“ schreibe, ist das vielleicht geschlechtergerecht, aber nicht gerade barrierefrei. Dabei erinnerte ich mich an einen Twitter-Thread von Enno Park, den ich vor einiger Zeit gelesen habe. Leider hatte ich es versäumt, mir den Thread irgendwie wiederauffindbar zu machen. Aber, nach einigen Minuten des Suchens habe ich ihn vorhin wiedergefunden.

In dem Thread erklärt Enno Park, warum er mit einem Trema auf dem „i“ gendert. Warum er also Politikerïnnen statt Politiker:innen schreibt. Seine Begründung zu der Methode finde ich schlüssig. Gleichwohl relativiert er sie, sie sei nicht perfekt, aber halbwegs elegant und halbwegs angemessen.

Aber, die Methode sei auch nicht komplett ausgedacht, weil das in anderen europäischen Sprachen ähnlich hervorgebracht worden sei. Außerdem schreibt er: „Diese Art zu gendern führt automatisch zu einer Art generischem Femininum“, und er findet, das sei: „nach Jahrhunderten des generischen Maskulinums charmant.“ Ja, das sehe ich auch so. Ich habe schon oft gesagt, dass ich kein Problem damit hätte, ab sofort nur noch das generische Femininum zu verwenden.

Und dann führt Enno Park noch ein Argument an, welches für mich große Bedeutung hat: „Deshalb möchte ich als cis-männliche Person, die wegen ihrer Behinderung aus eigenem Erleben weiß wie strukturelle Diskriminierung funktioniert und sich anfühlt, versuchen, mich selbst nicht als Norm zu denken und dies auch meinen Leserïnnen zu kommunizieren.“1

„Mich selbst nicht als Norm zu denken“, bedeutet Empathie. Es geht nicht darum, ob ich mich nicht daran störe, es geht darum, dass sich andere daran stören könnten.

Weiter erläutert Enno Park: „Dafür verwende ich eine sprachliche Markierung. Als behinderte Person möchte ich Barrierefreiheit und habe hier erfahren müssen, dass Satzzeichen in der Mitte von Wörtern zu Barrieren führen“, und ergänzt: „Als Typograph finde ich sie hässlich.“2

Auch das ist ein Aspekt: Typografie. Der Typografie wird nach meinen Beobachtungen häufig zu wenig Beachtung geschenkt.

Und dann spricht er noch einen Punkt an, der mir bislang auch Bauchschmerzen bereitet hat: „Als Informatiker merke ich, dass [Satzzeichen in der Mitte eines Wortes] sich gegen verschiedene Formen der Textverarbeitung sperren.“3

Wenn eine schlüssige Argumentationskette so abgeschlossen wird:

Gendert wie ihr wollt und wie ihr es für angemessen haltet! Spielt mit der Sprache! Probiert euch aus! Lebt die Vielfalt!4

— Enno Park

… Hach! Absolut fraulich!5

Trotzdem hat Enno Park, auch von Expertïnnen, für seinen Vorschlag viel Kritik geerntet. Wie ich finde, oft in einem Ton, der dem von ihm verwendeten nicht gerecht wird. Das ist schade. Nach meinem Kenntnisstand gibt es noch nicht die Lösung für das richtige Gendern. Wir sind auf der Suche. Und so lange wir auf der Suche sind, sind wir in Bewegung. Das finde ich besser, als stur verharren zu wollen. Denn so geht das Leben nicht. Leben ist ständige Veränderung. Und das kann niemand verhindern.


  1. Siehe twitter.com: Tweet von Enno Park zum Thema „Gendern“ vom 14.9.2021. ↩︎

  2. Siehe twitter.com: Tweet von Enno Park zum Thema „Gendern“ vom 14.9.2021. ↩︎

  3. Siehe twitter.com: Tweet von Enno Park zum Thema „Gendern“ vom 14.9.2021. ↩︎

  4. Siehe twitter.com: Tweet von Enno Park zum Thema „Gendern“ vom 14.9.2021. ↩︎

  5. Fraulich für herrlich. ;-) ↩︎