Eine Frage der Empathie

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Eine große Wiese. Darauf steht eine kleine, verfallene Hütte. Im Hintergrund sind Bäume und ein bisschen von einem See zu sehen.

Auch in meinem Umfeld wird es immer mal wieder diskutiert. Oft auch heftig. »Ich finde dieses ›Innen‹ doof! Ich weiß gar nicht, was das soll! Wir haben das doch bis jetzt auch ohne hinbekommen!« Interessant ist, dass ich meistens Frauen treffe, die sich gegen das Gendern in unserer Sprache aussprechen. »Ich habe Kaufmann gelernt, nicht Kauffrau! Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, gebe ich immer: ›Ich bin Kaufmann‹, zur Antwort.«

Und während ich das hier so schreibe, frage ich mich: Warum habe ich eigentlich immer sofort argumentiert? »Du bist doch auch dafür, dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit auch gleich bezahlt werden sollten, oder? Gleichberechtigung beginnt mit der Sprache …«, und so weiter. Warum habe ich nie nachgefragt: Was genau stört dich denn am Gendern? Was widerstrebt dir dabei? Was löst diesen Widerstand bei dir aus?

Natürlich könnte ich jetzt spekulieren. Schließlich war ich ja auch mal ein ziemlich vehementer „Sprachbewahrer“. Und natürlich hatte ich auch Gründe dafür.

Aber darauf wollte ich nicht hinaus. Hier geht es mir um einen anderen Aspekt bei der Gleichberechtigung in unserer Sprache, und zwar um die Barrierefreiheit. Reflexartig denke ich dabei an barrierefreie Kommunikation, leichte Sprache, einfache Sprache und so weiter. Und dennoch ertappe ich mich oft dabei, dass ich die einfachsten Regeln daraus nicht beachte. Aber wenn ich selbst darüber stolpere, stöhne ich auf.

„Bringen Sie zum Untersuchungstermin bitte unbedingt die aktuellen PSA-, Crea-Werte1 …“, war auf dem Zettel für Patient:innen zu lesen. Und noch viele andere Dinge, von denen ich keine Ahnung hatte. Der Text war nur eine halbe Seite lang. Trotzdem habe ich fast Wort für Wort recherchieren müssen. Aber alle, die im medizinischen Bereich tätig sind, würden den Text höchstwahrscheinlich sofort verstehen.

Und das ist der Punkt, über den ich mich oft ärgere: Abkürzungen.

Vor Lichtjahren habe ich mal eine Diplomarbeit geschrieben. Im Vorfeld haben wir dazu ein Regelwerk in die Hand gedrückt bekommen. Haarklein wird darin erklärt, wie so eine Diplomarbeit zu verfassen ist, also: Seitenabstände, Schrifttyp, Schriftgröße und so weiter. Selbstverständlich gehört auch ein Abkürzungs-Verzeichnis dazu. Ich höre noch die Warnung eines Professors: »Auch wenn Sie Wörter wie ›beziehungsweise‹ abkürzen, gehören die Erklärungen dazu in das Abkürzungsverzeichnis!«

Die Abkürzung von „beziehungsweise“ erklären? Wozu das? In dem Fall kenne ich die Begründung nicht. Gleichwohl gibt es eine, die Barrierefreiheit. Es mag zwar sein, dass viele Menschen mit der Abkürzung etwas anfangen können, dennoch gibt es einige, die sie nicht zu „übersetzen“ vermögen. Und an die Menschen sollten wir auch denken – wenn uns unsere Mitmenschen wichtig sind.

Aber es geht nicht nur um das „Übersetzen“, sondern auch um die Lesbarkeit, beziehungsweise den Lesefluss. Abkürzungen stören den Lesefluss. Schaut mal in den Roman, den ihr vielleicht gerade lest. Wie viele Abkürzungen findet Ihr dort?

Okay, ich lese nicht nur Romane, auch Fachartikel und Sachbücher; dort sind Abkürzungen doch normal, oder? Wenn die Schriftwerke gut sind, werden die Abkürzungen sehr sparsam verwendet. Und die, die verwendet werden, werden an Ort und Stelle erklärt, und finden sich auch bei Sachbüchern im Abkürzungsverzeichnis wieder.

Die Falle, in die auch ich fast regelmäßig hineintappe, ist: Jede:r von uns ist vom Fach – aber nicht vom gleichen. Abkürzungen aus dem medizinischen Bereich sind mir nicht geläufig, Abkürzungen aus dem Bereich Informationstechnik dagegen schon eher. Wenn ich hier, auf meiner Website, etwas erklären möchte, muss ich darauf achten. Denn ich weiß nicht, wer diesen Text liest und inwieweit sie oder er im Thema ist.

Was aber hat mich dazu veranlasst, diesen Text zu schreiben? Gestern habe ich einen Tweet2 zum Thema gendern gelesen. Eine Lehrerin sagte, dass sogar ihre „SuS“ schon gendern. Mir ist diese Abkürzung bekannt, weil Schulangelegenheiten mal zu meinem Aufgabenfeld gehörten. „SuS“ steht für Schülerinnen und Schüler, wie „LuL“ für Lehrerinnen und Lehrer steht. Ich fragte also: »Warum „SuS“ und nicht Schüler:innen?«

Die Abkürzung „SuS“ sei doch geläufig, wurde mir gesagt. Woraufhin ich spontan mal einige Freund:innen gefragt habe, die auch schulpflichtige Kinder hatten. Keiner von ihnen war diese Abkürzung bekannt. Und auch hier wieder der Punkt: Wir gehen viel zu oft von uns selbst aus: »Das ist doch klar! Das weiß man doch!« Aber das ist ein Trugschluss. – Hier ist Empathie gefragt.

Gestolpert bin ich aber über etwas anderes. Auf der einen Seite wird in dem Tweet herausgestellt, dass bereits Schüler:innen schon gendern. Auf der anderen Seite werden in dem Tweet Abkürzungen verwendet, die nicht allen Menschen bekannt sind. Wenn aber die gerechte Sprache das Ziel ist, ist das ein Widerspruch.

Gerechte Sprache allein schafft noch keine gerechte Welt. Aber indem wir sie verwenden, zeigen wir, dass wir eine gerechte Welt überhaupt wollen.

Anatol Stefanowitsch3

Ja, es ist nicht einfach, eine möglichst gerechte und barrierefreie Sprache zu verwenden. Aber ich glaube, das ist auch eine Frage der Empathie. Und Empathie gehört zum Fundament eines harmonischen Miteinanders.


  1. In diesem Fall waren Blutwerte gemeint. PSA steht für Prostataspezifisches-Antigen, und Crea für Kreatinin. ↩︎

  2. Ein Tweet ist eine telegrammartige Kurznachricht bei Twitter↩︎

  3. Aus dem Buch von Anatol Stefanowitsch: Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen↩︎