Wenn es bergan geht, geht es auch irgendwann wieder bergab

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Ein schmaler Weg führt schlangenlinienförmig den Berg hinab.

Wanderst Du lieber bergan oder bergab? Oder wenn Du Fahrrad fährst, radelst Du den Berg lieber hoch, oder runter?

Es kommt darauf an, würde ich sagen. Bei mir beobachte ich mitunter, dass ich motivierter bin, wenn es bergauf geht. Klar, der Gipfel ist das Ziel, er ist der Magnet, welcher mich anzieht, er ist die Belohnung für den Kraftaufwand, dort oben erwartet mich das Glücksgefühl schlechthin – könnte man meinen. Aber trifft es das?

»Wenn es bergan geht, geht es auch irgendwann wieder bergab.« Damit hat mein Dad uns Kinder früher getröstet, wenn wir uns beim Wandern über die Steigungen beklagten. Aber bergab zu wandern oder zu radeln, ist auch nicht in jedem Fall einfach.

Ich bin viel gejoggt, gewandert und geradelt. Und ich habe es immer gemocht, wenn die Strecken bergig waren. Was ich aber erst spät gelernt habe ist, meine Kräfte einzuteilen. Nun ja, ich war jung und naiv. Lange habe ich geglaubt, dass mich so schnell nichts erschöpft. Aber eines Tages, bei einem relativ leichten Anstieg, versagten meine Waden. Humpelnd musste ich mein Rad schieben.

Auch das Leben vergleiche ich gern mit einem Berg. Wenn es bergan geht, geht es auch irgendwann wieder bergab. So ist die Natur – wachsen und vergehen. Ich gehe schon eine ganze Weile wieder bergab. Nur mein Kopf mag sich damit noch nicht abfinden.

Ich habe oft mehr von mir verlangt, als gut für mich war. Mein Leben war wie mein Sport – mit einem Unterschied. Meine Kräfte einzuteilen, beginne ich erst jetzt, auf dem Weg bergab, zu lernen.

Warum erst jetzt? Dafür gibt es mehrere Gründe. Aber ein Grund ist der wohl entscheidende. Dabei denke ich an eine Prägung, und zwar die, die das Streben nach Status, Ansehen, Macht, Besitz unweigerlich mit sich bringt. So aberwitzig das ist, ist sie wie ein Berg, bei dem es nur ein bergauf gibt. Wer aufhört zu klettern, oder gar bergab geht, ist raus.

Viel zu oft habe ich den Antrieb aus dieser Prägung bevorzugt. Das war ein Fehler. Nicht nur, dass sie ungesund ist, weil sie Drehzahlen im roten Bereich idealisiert. Gefühle wie Liebe, Fähigkeiten wie Empathie und Tugenden wie Geduld oder Zufriedenheit sind ihr fremd. Es ist diese Prägung, die einen angemessenen Umgang von (eigenen) Ressourcen unmöglich macht.

Dabei verfüge ich auch über andere Motoren; zum Beispiel einen, der auch gern mal recht ungestüm daherkommt, aber aus ganz anderen Gründen. Und obwohl ich mich glücklich schätze, dass ich mir diesen Antrieb bewahrt habe, habe ich seinem Ursprung und ihm lange keine Beachtung geschenkt. Ich meine den Spieltrieb meines inneren Kindes. Aber statt dem Kind in mir zu vertrauen, habe ich es verängstigt.

Dabei verdanke ich ihm eine Menge. Ich wäre nicht so begeisterungsfähig, neugierg, kreativ, nicht so beweglich, hätte keine unbändige Freude am Lernen – hätte ich den Draht zu ihm verloren. Mit seinem Antrieb gelingt es mir zuweilen sogar, unbefangen und spontan zu sein. Ich glaube, dass ich ohne diese Verbindung wesentlich sturer, intoleranter und unreflektierter wäre.

Ich liebe es, das Kind in mir beim Spielen zu beobachten. Manchmal stürmt es den Berg hinauf, ein anderes Mal erkundet es die Seitenwege. Es liebt die Gemeinschaft von Spielgefährtïnnen, und es legt Pausen ein, wenn es erschöpft ist … und bei allem was es tut, ist es in der Gegenwart.

Tja, das ist das, worum ich mich gerade bemühe – ich möchte mich mit dem Kind in mir versöhnen. Klingt komisch für einen alten Mann, nicht wahr?

Wenn es bergan geht, geht es auch irgendwann wieder bergab. – Halt mal! Wo war eigentlich der Gipfel?