Wie ein Kerzenlicht

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Nachts. Viele brennende Kerzen auf dem Friedhof in Lügde. Im Hintergrund die Kilianskirche. Sie wird von Strahlern erhellt.

Allerseelen. Früher habe ich über die vielen Kerzen auf den Gräbern gelästert: »Ach, ist heute wieder Disko auf dem Friedhof?« Aber ich muss gestehen, je näher ich mich an mein Lebensende arbeite, desto nachdenklicher werde ich.

Wie auch immer. Nach einem sehr arbeitsreichen Tag sind wir am Montag, da war nämlich Allerseelen, spät am Abend zum Friedhof gewandert. Auch wir haben brennende Kerzen auf den Gräbern unserer verstorbenen Angehörigen gestellt. Bei den Gedanken an die vielen schönen Erlebnisse mit den verstorbenen Lieben, kullerten mir Tränen über die Wangen. Ewig her und doch noch so präsent.

Zwei stressreiche Tage später, wir brauchten unbedingt frische Luft, sind wir wieder los. »Ach komm, lass uns noch mal den Friedhof in die Runde einbauen. Wir haben auch noch Kerzen.« Doch die meisten der Kerzen, die wir Allerheiligen dort aufgestellt haben, brannten noch.

»Das ist schon merkwürdig«, flüsterte ich. »Was?« »Die vergangenen zwei Tage waren unglaublich hektisch. Wahnsinnig viele Gedanken sind in der Zeit durch meinen Kopf gerauscht. Gefühlt war ich gleich mehrmals dem Herzinfakt nahe.« »Und?« »Die Kerzen hier haben die ganze Zeit, die ganzen Stunden und Minuten, gebrannt. Morgens, mittags, abends, nachts. Ganz ruhig. Ganz still.«

Die Kerzen erinnerten mich an die Gedanken, die ich oft habe, wenn ich meine Mom besuche. Meistens schläft sie. Während ich, meistens hellwach durch das Leben rase, liegt meine Mom dort und schläft. All die Tage, all die Monate. Nur zu den Mahlzeiten, wenn sie gewaschen und gewendet wird, wacht sie auf. Doch schlafen zu dürfen, scheint ihr am liebesten zu sein. Was auch immer dann in ihr vorgeht, was auch immer sie dann träumt, ich wünsche Ihr von ganzem Herzen, dass sie zufrieden und glücklich dabei ist.

Wie ein Kerzenlicht. – Vielleicht sollten wir „Weltverbesserer“ viel häufiger mal so sein. Ganz ruhig. Ganz still.