Wie ein Exponat in einer Vitrine

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Eine Gardine im Sonnenlicht

»Ich finde das nicht gut! Alles wird gelockert, aber die bettlägerigen Menschen in den Seniorenheimen werden behandelt wie Exponate in einem Museum!« »Doch! Es ist wichtig, dass wir dort die Schutzmaßnahmen aufrecht erhalten!« »Also bei uns hat mein Vater entschieden: ›Mir ist der Kontakt zu meiner Familie, zu meinen Kindern und Enkelkindern wichtiger. Ich bin über 80 Jahre alt. Ich will in meinen letzten Jahren nicht von meiner Familie isoliert werden!‹, meinte er.«

Drei Aussagen. Die erste von einer Freundin, die jahrelang in einem Seniorenheim gearbeitet hat. Die zweite von einer Freundin, die sich in einer Corona-Hotline engagiert und sich schon viele Dinge hat anhören müssen. Die dritte Aussage ist von einem guten Bekannten, der in einer sozialen Einrichtung für bedürftige Familien tätig ist.

Es sind ihre Stellungnahmen zu der Situation meiner Mom.1 Besonders vor dem jeweiligen persönlichen Hintergrund kann ich ihre Antworten nachvollziehen. Aber es hilft mir nicht über den Konflikt hinweg. Mein Kopf sagt, es ist besser, die Schutzmaßnahmen zu beachten. Mein Herz fragt mich: »Wo bleibt da die Liebe? Ihr fehlt sie. Und dir fehlt sie. Du willst sie ihr geben. Aber du darfst es nicht.« Es ist, als würden sich in mir ein Gerontologe und ein Virologe einen ständigen Schlagabtausch liefern.

Bleibt die Frage: Was würde meine Mom sagen? Ich bin mir sicher, dass sie wie der Vater meines Bekannten antworten würde. Doch würde ich entsprechend handeln, könnte ich ungewollt die Pflegekräfte und die Mitbewohner:innen des Heimes gefährden.

Und so bleibt die Liebe auf der Strecke.

Für die Mitbewohner:innen und die Pflegekräfte bringe ich dieses Opfer gern. Aber wenn ich an die Menschen, die jetzt wieder in den Urlaub fliegen können oder an die wieder stattfindenden Bundesligaspiele denke, dann hadere ich schon mit mir.

All diese Gedanken und vor allem die damit verbundenen Gefühle, zerren ziemlich heftig an meiner Seele. So sehr ich mich auch anstrenge dabei ruhig zu bleiben, bin ich oft gereizt, ja, auch zornig. Und manchmal, wenn ich kann, ziehe ich mich in mein Schneckenhaus zurück, will einfach nur noch allein sein.

Im Zimmer meiner Mom sitzend schaue ich in ihr eingefallenes Gesicht. Sie schläft. Wie immer, wenn ich in den vergangenen Wochen bei ihr war. Ihr Mund steht offen. Nur ein Schneidezahn ist ihr noch geblieben. Ihr Kopf ist so klein. Ich denke an das Foto von ihr, worauf sie als junge Frau zu sehen ist; sie lächeld, scheint überglücklich. »Was hast du in dem Moment gefühlt? Was hast du gedacht? Was waren deine Wünsche an das Leben?«, flüstere ich.

Ich darf sie nicht berühren, nicht ihr Gesicht streicheln, nicht ihre Hand halten. Ich sitze eineinhalb Meter von ihr entfernt in Schutzkleidung, worin mich schon ein gesunder Mensch nur schwer erkennen wird. Selbst wenn sie wach wäre, würde sie, schwerhörig, meine Stimme durch die Maske wohl kaum erkennen. Vielleicht könnte sie die Liebe in meiner Stimme spüren.

Wie ein Exponat in einer Vitrine.

Während ich da draußen mein Leben lebe, mich am Arbeitsplatz über die vielen Dinge ärgere, mich am Wochenende über das Grün in meinem Garten und in den Wäldern freue, liegt sie – tagein tagaus in ihrem Zimmer. Keine Abwechslung. Keine Liebe. Wann immer mir dieser Gedanke kommt, wünsche ich ihr, dass sie dort wo ihr Geist ist, ob wach oder schlafend, zufrieden ist, dass sie schöne Träume hat.

Im Hintergrund läuft leise ihr Radio. Die Pfleger:innen machen ihr das immer an, damit sie etwas hört. Es ist ein Sender, der, was die Musik betrifft, in den 80ern hängen geblieben ist. Es laufen solche Klassiker wie Kayleigh oder Time of My Life. Ich fühle diese Zeit. Für mich war es eine stürmische, schöne Zeit. Und wieder poppt das Bild von meiner Mom auf, dass sie in jungen Jahren zeigt. Ich fühle mich alt. »Du bist es auch!«, sagt eine Stimme in mir, »Schau dich um. Die Zeit rennt.« Das tut sie, vor allem wenn man schon lange keine 30 mehr ist.

Unglücklich schaue ich in das Gesicht meiner Mom. Es ist verrückt. Wir tun so, als müsste immer alles aufwärts, besser, schneller gehen. So viele Dinge sind unglaublich wichtig. Aber wenn ich sie mir aus der Perspektive meiner eigenen Vergänglichkeit betrachte, bleibt nur noch ein mildes Lächeln. Wenngleich das von einem Gefühl der Wehmütigkeit begleitet wird, die Dinge aus diesem Blickwinkel zu bewerten beruhigt.


  1. Viele Schutzmaßnahmen wurden nach dem Corona-Lockdown wieder runtergefahren. Seit dem 10. Mai 2020 dürfen Angehörige auch wieder ihre Lieben in den Seniorenheimen besuchen. Jedoch gelten nach wie vor die Auflagen: ein Angehöriger darf nur ein Mal die Woche zu Besuch kommen. Meine Mom ist sehr dement und bettlägerig. In solchen Fällen werden die Angehörigen von den Pflegekräften direkt in das Zimmer des hilfebedürftigen Menschen geführt und müssen dabei Schutzkittel, Handschuhe und eine Mund-Nase-Abedeckung tragen. [return]