Warum mich die Digitalisierung an die Verkehrspolitik erinnert

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Ein von Algen grüner Teich in einem Wald, ein Erdfall.

Wie weit wir in mehr als 30 Jahren1 mit der Digitalisierung vorangekommen sind, und wie gut unsere Breitband-Internetzugänge wirklich sind, konnten viele während der Corona bedingten „Lockdown“-Phase erleben – auch die Schüler:innen und Lehrer:innen. Die Politik hat darauf reagiert und hat auch für die Schulen weitere Förderprogramme aufgelegt.

„Erstmals wird das Land alle Lehrerinnen und Lehrer an öffentlichen Schulen und an privaten Ersatzschulen mit digitalen Endgeräten ausstatten. Insgesamt werden dafür rund 103 Millionen Euro investiert.“2 Dennoch gibt es Kritik:

Es ist weder geklärt, wer für die Administration der IT-Netze, Finanzierung und Wartung der Geräte verantwortlich ist noch wissen die Schulträger, wie ein digitaler Unterricht überhaupt aussehen soll. Bis heute fehlen für digitale Schule didaktische und pädagogische Standards.

— Dr. Bernd Jürgen Schneider3

Dr. Bernd Jürgen Schneider ist Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes NRW. Der Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen ist ein Zusammenschluss von 360 kreisangehörigen Gemeinden in NRW. Er vertritt mehr als neun Millionen Einwohner.4

Es ist gut, dass nun wieder Bewegung in das Thema Digitalisierung gekommen ist. Aber bei mir erwecken diese Bemühungen den Eindruck, als wolle man die Abhilfe jetzt über das Knie brechen. Und auch auf mich wirken die mir bekannten Planungen nicht sehr durchdacht.

Ein anderer Experte gibt zu bedenken:

Am wichtigsten ist für mich dabei die Erkenntnis, dass Material zweitrangig ist. Das Wissen muss im Fokus stehen. Das Verhältnis der Budgets ist aber gerade genau andersrum: Fast alles wird für Hardware und Lizenzen ausgegeben, nur ein geringer Bruchteil fließt in Personal und Ausbildung.

Meine Erfahrung damit ist: Es wird Material abgekippt. Dann heißt es, man sei jetzt digital. Bei den Personen, die das umsetzen sollen, fehlt aber das Wissen. Lehrer:innen werden aber gar nicht richtig dafür geschult, sondern müssen sich selbst versuchen, da reinzuarbeiten – und fühlen sich doch unsicher im Umgang. Als Lösung gelten dann häufig iPads, die viel toller sein sollen. An etlichen Stellen kommt dann aber raus, das iPads für Schulen gar nicht gemacht sind.

— Daniel Schlep5

“Daniel Schlep ist selbstständiger Musiker und Medienkünstler und arbeitet als Medienpädagoge mit Menschen vom Kindergarten- bis zum Seniorenalter.“5

Aber ich kann die Politiker:innen verstehen, wenn sie nun auf das Gaspedal treten. Sie wollen sich nicht sagen lassen etwas versäumt zu haben, wenn wir möglicherweise schon im Herbst die nächste Lockdown-Phase erleben. Gleichwohl: Jahrelang glich die Digitalisierung einem tröpfelnden Wasserhahn, jetzt soll alles aufgeholt werden, indem Feuerwehrschläuche auf die „Brandherde“ gehalten und sie mit Hochdruck überflutet werden.

Was wird passieren, wenn jetzt alle Schulen auf den (Apfel-)Markt rennen und iPads kaufen? Werden sie rechtzeitig geliefert, so, dass sie pünktlich zum Schuljahresbeginn den Schüler:innen zur Verfügung stehen? Sind die Geräte dann auch schon installiert – im Netz eingebunden, mit den erforderlichen Apps bestückt? Wissen dann alle Lehrer:innen und Schüler:innen Bescheid, wie sie die Geräte einsetzen können?

Ja, der „Lockdown“ hat uns gezeigt, dass wir Lösungen für Probleme finden müssen, die wir bislang noch nicht hatten. Aber ich glaube nicht, dass die Lösung lautet: Wir brauchen noch viel mehr Material. Auch hier kommt mir wieder der Spruch meines Kumpels in Erinnerung: Was die Menschen wollen und was sie wirklich brauchen, ist oft ein himmelweiter Unterschied.

In dem Zusammenhang möchte ich noch an einen anderen Aspekt erinnern, den ich hier im Blog auch schon mehrmals angesprochen habe: die Tafelisierung.

Innerhalb von fünf Jahren ist die globale Elektroschrott-Menge um 21 Prozent gewachsen.

— www.heise.de: Weltweiter Berg an Elektroschrott wächst massiv an6

Wenn wir die Einrichtungen mit IT-Technik fluten, müssen wir auch intensiv nach Lösungen suchen, wie das Material nachhaltig entsorgt wird. Denn da kommt eine Menge Elektroschrott zusammen, wenn in fünf, sechs Jahren hunderte von Schulen ihre veralterten iPads und Notebooks wieder loswerden wollen.

Und deshalb erinnern mich die derzeitigen Bemühungen bei der Digitalisierung an die Verkehrspolitik. Elektro-Autos werden oft als die umwelt- und klimaschonende Lösung herausgestellt. Meines Erachtens ist das zu kurz gedacht. Auch Elektro-Autos tragen dazu bei, dass die Straßen, besonders in den Innenstädten weiter verstopfen. Dadurch werden breite Straßen und mehr Parkflächen nötig. Und das wiederrum geht auf Kosten der dringend notwendigen Grünflächen. Wir müssen den Individualverkehr verringern – auch um weniger Material zu verschwenden, welches irgendwann entsorgt werden muss.


  1. In einem anderen Artikel habe ich es schon mal erwähnt: Die Digitalisierung ist nicht neu. Der erste, funktionierende Digitalrechner wurde 1941 gebaut, die “Computerrevolution” begann in den 1970er Jahren, die erste Digitale Schulbank entstand 2001, und iPads, die ja immer als Sinnbild für die Digitalisierung herhalten müssen, gibt es bereits seit 2010. [return]
  2. Siehe www.schulministerium.nrw: Ministerin Gebauer: Digitale Ausstattungsoffensive für Lehrkräfte und Schüler in NRW, 29.6.2020. [return]
  3. Siehe www.kommunen.nrw: Fundament schaffen für den digitalen Unterricht; Kommunen fordern eine Schulfinanz-Reform als Voraussetzung für ein besseres Schulsystem und digitales Lernen, Pressemitteilung 262020, 29.6.2020 [return]
  4. Siehe de.wikipedia.org: Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen. [return]
  5. Siehe netzpolitik.org: Nicht nur Technik fördern, sondern Wissen, 1.7.2020. [return]
  6. Siehe www.heise.de: Weltweiter Berg an Elektroschrott wächst massiv an, 2.7.2020. [return]