Panta rhei – alles fließt

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Ein sehr Pilz mit einem sehr flachen Hut in einer Wiese

Panta rhei, oder: „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“

Wer hat’s erfunden? Richtig, der Heraklit von Ephesos. Nein, nicht den Wandel, die Erkenntnis! Die Erkenntnis hat er „erfunden“. Der Wandel war schon lange vor ihm da.

Doch Obacht, es gibt auch so Sachen, die sich nicht wandeln. Zum Beispiel die vielen Stimmen aus den Reihen der jeweils älteren Generation: »Früher war alles besser!«, und: »Aus der heutigen Jugend wird doch nie was!«1

Aber nehmen wir den Klimawandel. Den gab es schon lange vor den Menschen. Nur sorgen wir Menschen dafür, dass sich das Klima jetzt noch viel schneller wandelt. Aber zu unserem Ungunsten. Wir sind dabei, den Ast durchzusägen auf dem wir sitzen.

Auch unsere Sprache und unsere Schreibe wandeln sich.

Vor ein paar Tagen las ich diesen Artikel: Warum Rechtschreibung in der Kultur der Digitalität an Bedeutung verliert. Digital ist halt nicht Stein, nicht Leder, nicht Holz nicht Papier. Oder anders ausgedrückt: Digital kennt keinen Redaktionsschluss. Nebenbei: Auch der Begriff Digitalisierung steht für einen Wandel: die Umwandlung von analog zu digital.

Wer Artikel aus den Anfängen dieses Blogs liest wird feststellen, dass ich mich vor Jahren auch mal gegen das „Sprachpanschen“ engagiert habe. Heute sage ich dazu: Ich war früher offensichtlich älter als heute.

Ich finde es gut, dass wir uns darüber unterhalten, ob unsere Sprache geschlechtergerecht ist oder nicht. Meiner Meinung nach ist sie es nicht. Und ich versuche daran mitzuwirken, das zu ändern. Aber nicht für jede „sprachliche Situation“ habe ich eine Lösung parat. Was aber keine Entschuldigung ist.

»Sprache ist ein mächtiges Werkzeug«, meinte neulich eine Freundin, mit der ich mich über aktuelle Bestrebungen in einigen Parteien unterhielt, die sich gegen den Wandel zur geschlechtergerechten Sprache stemmen. Je besser ich die Sprache be„herr“sche, desto größer ist die Chance Einfluss zu nehmen – Macht auszuüben.

Ich finde es gruselig, wenn sich Rassismus in unserer Sprache breit macht.2 Dazu zählen für mich auch der N-Kuss (Schokokuss) oder das Z-Schnitzel (Paprikaschnitzel). Auch ich habe diese Begriffe bis vor einiger Zeit völlig arglos verwendet. Mir lag und liegt es fern, damit jemanden zu diskreditieren. Ich kann mir sogar Erklärungen aus den Ärmeln zaubern, warum die Begriffe in meinen Augen „harmlos“ waren. Aber es kommt nicht darauf an wie ich die Begriffe bewerte, sondern darauf, wie sie bei den Menschen ankommt, die so tituliert wurden und leider noch immer werden.

Aber ist die Verwendung solcher Begriffe schon Rassismus? Ich weiß es nicht. Meine Oma hat mir die Goldene Regel mit auf den Lebensweg gegeben. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat diese Regel auf die Sprache übertragen: „Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.“3 Wie ich unsere Sprache verwende, an ihr und mit ihr lerne, ist ein Spiegelbild meiner Moral; ob ich das will oder nicht.

Wie geschrieben, früher habe ich mich darüber ereifert, dass immer mehr verdenglischt wird. Heute muss ich darüber schmunzeln. Begriffe und Ausdrücke die aus anderen Sprachen in die unsere einfließen, sind auch eine Folge der Globalisierung. Nun gibt es ja viele, die die Globalisierung kritisch sehen, was ich auch nachvollziehen kann. Aber ich glaube nicht, dass es schlecht ist, wenn die Sprachen der Menschen ineinander fließen und wir uns darüber verbinden. Hakuna Matata.

Und so stelle ich fest, nicht nur unsere Sprache wandelt sich, auch meine Meinung darüber. Apropos: Mehr als zehn Jahre blogge ich hier nun schon meine Meinung. Dieses Weblog ist damit ein Abbild meines Meinungs-„Flusses“. Panta rhei.

Update 1.8.2020: Wieso das N-Wort nie die richtige Bezeichnung für Schwarze Menschen ist, ein Artikel von Nelly Bihegue, verfassungsblog.de, 20.7.2020.


  1. Das hatten wir schon? Ach ja, stimmt!. [return]
  2. Siehe dazu auch diesen Tweet von @ARD_Presseclub vom 12.7.2020. In dem Video dazu schildert Stephan Anpalagan den Einfluss der Politik auf die Sprache. [return]
  3. Siehe www.maz-online.de: Herrscht in Deutschland eine Sprachpolizei?, 14.4.2018. [return]