Nicht schön, aber gut

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Drei Holzkeile aufrecht nebeneinander gestellt.

»Ich habe gerade unser Mutter im Seniorenheim besucht. Das zieht mich jedes Mal runter. Diese vielen alten Leute dort im Heim, die meisten krank und verwirrt. Brrr!«, er schüttelte sich, »Ich kann das nicht ab! Geht es dir auch so, wenn du deine Mutter besucht hast?« »Schön ist das nicht, aber es ist gut«, antwortete ich ihm.

Wenn mir Fragen wie diese gestellt werden, gehen mir viele Dinge durch den Kopf.

Ja, auch für mich sind die Besuche nicht motivierend. Es ist kein schönes Bild meine Mom total abgemagert und völlig entkräftet im Bett liegen zu sehen. Doch ich bin glücklich, wenn ich in ihrem Gesichtsichtausdruck Zufriedenheit erkenne. Sie schläft jetzt viel. Aber wenn ich sie begrüße und dabei ein Lächeln über ihr Gesicht huscht, ist das wie ein Geschenk für mich. Die Tage, an denen sie mir erzählen möchte und dabei ihre Augen etwas länger geöffnet hat, werden immer seltener. Aber es gibt sie noch. Das sind die Tage, an denen ich weniger schwermütig mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hause radel.

Bei solchen Fragen muss ich auch an die Menschen denken, die hilfebedürftige Angehörige im eigenen Haushalt pflegen. Was sollen die dazu sagen? Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als meine Mom meinen kranken und dementen Opa gepflegt hat. Es waren „nur“ sieben Jahre, dann ist er verstorben. Doch es war eine harte Zeit. Aber meine Mom hat das nie hinterfragt. Für sie war das selbstverständlich ihren Vater zu versorgen. Noch gibt es Familien, in denen hilfebedürftige, teils schwerstkranke Menschen gepflegt werden.

Ich denke bei diesen Fragen auch an die Pfleger:innen in den Heimen. Was sollen die dazu sagen? Was wäre, wenn es sie nicht geben würde, wenn niemand bereit wäre, unsere kranken, hilfebedürftigen Angehörigen zu pflegen?

Außerdem: Was sagen Fragen wie diese über unsere Gesellschaft aus? Früher waren Drei-Generationen-Haushalte normal. Und was ist heute normal? Heute zählen nur noch Kinder und Erwachsene. Die Alten sind raus. Woran liegt das? An der Leistungsgesellschaft? An der Konsumgesellschaft?

Die Besuche bei meiner Mom machen mich demütig. Ich fühle mich verletzlich. Denn ich sehe, wie fragil das Leben ist. Ich kann jeden Moment zu einem Pflegefall werden. Von einer Minute auf die andere ändern sich dann die Prioritäten.

Das eine steht in unserer Macht, das andere nicht. In unserer Macht stehen: Annehmen und Auffassen, Handeln, Wollen, Begehren und Ablehnen - alles, was wir selbst in Gang setzen und zu verantworten haben. Nicht in unserer Macht stehen: unser Körper, unser Besitz, unser gesellschaftliches Ansehen, unsere Stellung - kurz: alles, was wir selbst nicht in Gang setzen und zu verantworten haben.

Epiktet, Handbuch der Moral

Auch unser Verstand steht nicht in unserer Macht. Es gibt keine Sicherheit. – Sicher ist nur, wir werden alle älter, schwächer und hilfebedürftiger.

Solche Gedanken mag der Hochmut nicht. Auch darum sind sie gut.