Muttertag 2020

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Ein Getreidefeld, dahinter ein Rapsfeld, ein Himmel voller Wolken.

Zum #Muttertag: Aufhebung des generellen Besuchsverbots in Einrichtungen der #Pflege und der #Eingliederungshilfe. Damit haben BewohnerInnen wieder die Möglichkeit, Besuche von Familienangehörigen oder Freunden zu bekommen. #COVID19

twitter.com/MAGS_NRW, 5.5.2020

Die Aussicht darauf, meine Mom nach so vielen Wochen wieder sehen zu dürfen, hat mich zu Tränen gerührt. Aber einen Termin für den 10. Mai, den Muttertag, habe ich leider nicht mehr bekommen. Doch tags darauf durfte ich dann zu ihr.

[11. Mai 2020] Vor der Haupteingangstür des Seniorenheims wurde ich gebeten, mir ein Informationsblatt durchzulesen sowie mehrere Formulare auszufüllen und zu unterscheiben. Nach dem theoretischen Teil und der Händedesinfektion erfolgte die Einkleidung: Mundschutz, Gummihandschuhe und Schutzkittel. Danach nahm mich am separaten Eingang der Demenzstation ein Pfleger in Empfang.

Ich habe ihn zunächst überaupt nicht erkannt. Denn er trug zusätzlich zu der Schutzkleidung wie sie mir angelegt wurde eine Haarkappe, eine Schutzbrille und auch Schuhschützer. »Nein, wir müssen nicht den ganzen Tag die ›Vollausstattung‹ tragen«, erklärte er mir: »nur wenn wir Angehörige zu den Bewohner:innen führen.« Im Zimmer meiner Mom stand schon ein Stuhl für mich bereit. »Bitte bleiben sie möglichst dort sitzen. Berühren sie ihre Mutter nicht. Wenn was ist, klingeln sie einfach. In einer halben Stunde hole ich sie wieder ab.«

Da saß ich ich nun im Abstand von 1,50 Metern von ihrem Bett entfernt. Auch ihr hatten sie eine Mund-Nase-Maske aufgesetzt. Das bei ihr zu sehen machte mich sehr traurig. Warum auch immer. Denn es war ja richtig. Der Pfleger hatte meine Mom eigens so gelegt, dass sie mich hätte sehen können. Aber sie schlief. Trotzdem erzählte ich ihr, von wem ich sie grüßen soll und dass sie alle oft an sie denken würden. Ich hoffte, dass sie wenigstens meine Stimme erkennen würde. Und obwohl nicht rasiert, hatte ich mich eigens für den Besuch mit meinem Rasierwasser eingedieselt. Vielleicht weckt der Geruch Erinnerungen, war mein Gedanke dazu.

Manchmal öffnete sie ihre Augen für einen kurzen Moment. Aber das waren keine Reaktionen auf meine Worte. Sie kann nicht nur schlecht hören, auch das Sehen hat bei ihr sehr nachgelassen. Und wie sollte sie mich überhaupt erkennen – mit der Verkleidung die ich trug? Tränen liefen mir in die Mund-Nasen-Maske.

Sie sah noch genauso aus wie vor ein paar Wochen. Das tröstete mich ein wenig. Sie würde relativ gut essen und sei auch zufrieden, wurde mir in den vergangen Wochen von den Pfleger:innen am Telefon immer wieder versichert. »Werte auch das was gut ist!«, forderte ich von mir – wie schon so oft in den vergangenen Tagen.

Ich schaute mich in ihrem Zimmer um. Die Uhr im Regal war stehen geblieben – an irgendeinem der vielen vergangenen Tagen um 10 vor 12. »Hm. Zehn-vor-zwölf. Bezeichnend«, dachte ich laut. Auf dem Tisch stand noch ein Schokoladen-Osterhase. Bestimmt ein Geschenk des Hauses, denn Ostern hat meine Mom auch keinen Besuch empfangen dürfen. Der Kalender, unser Kalender, zeigte den 9. Mai. Wie viele schöne Kalendersprüche habe ich in den vergangenen Wochen wohl verpasst, fragte ich mich. Ich drehte mich zu ihrem Blumenfenster. Ihre Pflanzen sahen so aus wie ich mich fühlte. Die vertrockneten Blätter auf der Fensterbank waren sinnbildlich. Ein Hoffnungsschimmer keimte auf: Ich nehme die Pflanzen mit und päppel sie wieder auf. Doch was würde das jetzt für einen Aufwand bedeuten sie hier rauszuholen? Die Idee wurde verworfen.

Meine Mom schlief noch immer und ganz ruhig. „Ihr“ Tremor hatte offensichtlich auch Pause. Irgendwann schien sie die Maske zu nerven. Mit ihren kraftlosen, dünnen, zittrigen Händen schaffte sie es nicht, sie sich abzustreifen. Immerhin konnte sie ihre Nase daraus befreien. Zufrieden fiel sie wieder in den Schlaf.

Wie gern hätte ich sie geknuddelt, ihre Hand gestreichelt, ihr auf die Stirn geküsst. Doch ich saß nur auf dem 1,50 Meter von ihrem Bett stehenden Stuhl und versuchte dankbar zu sein. Immerhin, ich durfte sie wieder sehen. Wird sie mich, sollte das alles mal vorbei sein, wiedererkennnen? Vor Corona hatte ich den Eindruck, dass sie das ab und zu noch mal tat.

Irgendwann klopfte es. Die halbe Stunde war rum. Der Pfleger kam rein um mich zur Ausgangstür zu bringen. Ich schaute meine Mom noch mal an, versuchte den Blick fest in meiner Einnerung zu speichern.

Auf dem Weg zur Tür unterhielte ich mich noch mit dem Pfleger. Er erzählte von seinen Kindern und den unterschiedlichen „Lockerungs“-Regelungen an den verschiedenen Schulen. Eine surreale Zeit ist das.

Später gingen mir noch viele Gedanken durch den Kopf. Meine Mom nur einmal in der Woche sehen zu können, und das auch nur nach Terminvereinbarung, klingt hart. Aber noch stehen wir am Anfang der Pandemie, da ist dieser Kompromiss schon ein sehr guter. Denn für die Pfleger:innen und besonders für die Senior:innen bedeuten die Besuche der Angehörigen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko.

Und der zusätzliche Aufwand, den die Pfleger:innen bei bettlegerigen Menschen wie meine Mom machen müssen um solche Besuche zu ermöglichen, ist gewaltig. Hinzukommen die Materialkosten für die Schutzkleidung der Besucher:innen. Ich verstehe schon, dass unter diesen Umständen die Senior:innen nur einmal die Woche jeweils eine:n Besucher:in empfangen dürfen. Auch solche Dinge müssen wir uns auch immer bewusst machen – und dürfen dann auch ruhig mal dankbar sein.

Vermutlich hat meine Mom von meinen Besuch nichts mitbekommen. Aber für mich war er sehr wichtig. Vielen Dank an alle, die das möglich gemacht haben! Danke!