Lebensqualität versus Verantwortung

Ob es um Nachhaltigkeit, den Naturschutz, um den Kampf gegen den Klimawandel oder gegen den Coronavirus geht – es ist immer das Gleiche.
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Eine verwitterte Holzbank auf einer Wiese.

Wir werden auf viele Dinge verzichten müssen, wenn wir den Klimawandel effektiv ausbremsen wollen. Ein Satz, den ich nicht müde werde zu sagen.

»Nein, auf meine Urlaubsreisen [mit dem Flieger] kann ich nicht verzichten! Ich brauche die! Das gehört für mich zur Lebensqualität.« Das „Argument“ Lebensqualität bekomme ich häufig zu hören. Und jedes Mal muss ich an das „Mantra“ von meinem Kumpel denken: »Was die Menschen wollen und was sie wirklich brauchen, ist oft ein himmelweiter Unteschied.«

Vorweg, und weil das und ähnliche Argumente in dem Kontext immer wieder auf den Tisch kommen: Ja, du musst als Pendler mit dem Auto fahren, wenn Du zwischen Wohnung und Arbeitsplatz eine Distanz von $Kilometer zu überwinden hast, und du, wenn du die Strecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln überbrücken wolltest, das drölffache an Zeit benötigen würdest. Solange wir es ist nicht hinbekommen den Straßen-, Schienen und Luftverkehr zeitgemäß und zukunftsgerecht zu gestalten, ist das so. Leider.

Aber müssen wir mit einem Flieger oder mit einem Kreuzfahrtschiff Urlaubsreisen machen? Brauchen wir zu Silvester und anderen Feierlichkeiten Feuerwerke? Müssen wir nächtens alles illuminieren, was irgenwie cool aussehen könnte (Stichwort: Lichtverschmutzung)? Bricht uns ein Zacken aus der Krone, wenn wir auf solche Dinge verzichten?

Kürzlich erzählte mir jemand von einer Familie, die sich seit kurzem der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Als mein Bekannter beiläufig erwähnt habe, welchen Käse er gern mag, bekam er einen gerharnischten Vortrag über Plastikmüll zu hören. Woraufhin er ruhig und schmunzelnd geantwortet habe: »Vor eurer Haustür stehen mehrere SUV-große Fahrzeuge. Eines für jedes Familienmitglied. Ihr macht Urlaube in die entlegendsten Winkel dieser Welt – mit dem Flieger. Vorhin habt ihr mir erzählt, dass ihr euren nächsten Urlaub schon gebucht habt. Und jetzt macht ihr mir Vorwürfe, weil der Käse den ich kaufe in Plastik eingeschweißt ist?«

Das ist ein typisches Gespräch, wie auch ich es schon unzählige Male geführt habe. Sage ich, dass ich seit über 20 Jahren nicht in den Urlaub gefahren oder geflogen, heißt es sofort: »Aber du isst manchmal Joghurt aus Plastikbechern!« Es ist mir peinlich, aber das stimmt. Denn ich finde es wichtig und richtig, dass wir auch Plastikmüll vermeiden. Ich muss keine Joghurt essen. Und wenn ich keine esse, verschlechtert das nicht meine Lebensqualität.

»Morgen gehe ich zu einem Konzert in Hannover«, erzählte mir Anfang der Woche jemand. »Jetzt, wo das Coronavirus grassiert?«, fragte ich und ergänzte: »Ich habe vorhin die Absage von einem Veranstalter bekommen. Eine Schulung zu der ich mich angemeldet habe fällt aus, weil sie vermeiden wollen, dass sich die maximal 20 Teilnehmer:innen vielleicht anstecken. Also ich würde auf den Besuch des Konzertes verzichten.« In der darauf folgenden Diskussion wurde von meinem Gesprächspartner mehrmals das Argument Lebensqualität bemüht. Die Konzertagentur würde ja, wenn das alles wirklich so schlimm wäre, das Konzert absagen. »Denn schließlich tragen die ja die Verantwortung.«

»Und was ist mit deiner Verantwortung gegenüber deinen Mitmenschen?«, fragte ich. »Wenn du zum Konzert gehst, erhöhst du die Gefahr dich anzustecken. Ich glaube, wenn du kleine Kinder hättest, würdest du anders handeln«, fügte ich hinzu. Wobei ich an meine Mom dachte, die krank und sehr schwach ist. Ich bin nicht panisch, was das Coronavirus angeht. Ich habe die Hoffnung, dass ich, wenn ich mich anstecke, irgendwie damit klar komme. Aber meine Mom, die ich mehrmals am Tag besuche, würde diese Krankheit nicht überleben. Ihre Erkrannkung1 hat mich gelehrt, dass ich auch Verantwortung gegenüber meinen Mitmenschen trage. Natürlich war mir das auch schon vorher klar. Aber nicht in dieser Intensität. Sie ist mit der Pflege meiner Mom um ein Vielfaches gewachsen.

Ich muss zur Arbeit gehen. Ich muss einkaufen gehen. Aber in meiner Freitzeit kann ich, wie es von den Experten in Sachen Corona-Virus auch immer wieder empfohlen wird, Menschenansammlungen vermeiden. Ich muss nicht unnötig zum Multiplikator werden. Also übe ich Verzicht, auch aus Verantwortung gegenüber meinen Mitmenschen.

»Wir brauchen nicht weiter zu diskutieren, wir sind da unterschiedlicher Meinung«, sagte mein Gesprächspartner. Es geht hier weniger um Meinung, es geht darum Verantwortung zu übernehmen, dachte ich.

Wenn ich mir bewusst machen möchte wie es um meine Lebensqualität bestellt ist, dann brauche ich nur an die vielen Menschen auf dieser Welt denken, die vor Kriegen oder vor den Folgen des Klimawandels flüchten. Dann sehe ich, wie ungleich die Lebensqualität auf dieser Welt verteilt ist. Und ich schäme mich, dass ich nicht viel mehr Verantwortung übernehme.

Lesetipps:


  1. Meine Mutter ist seit 2011 an Demenz erkrankt. Siehe dazu meine Texte zum Thema Demenz. [return]