Lässt sich Zusammenhalt verordnen?

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 6 Minuten

Eine Wallnuss auf einem Eichenbrett. Eine harte Nuss.

„Zusammenhalt lässt sich nicht per Dienstpflicht verordnen.“ 1 Nach dem Lesen dieser Überschrift, nickte ich innerlich. Das sehe ich auch so. Dennoch lassen sich Versuche, Zusammenhalt in irgendeiner Form zu erzwingen, regelmäßig beobachten.

Kann das funktionieren? Gibt es Alternativen?

Ich glaube, der Wunsch nach Zusammenhalt, nach „Verbundenheit zwischen den Mitgliedern einer Gruppe“2 ist grundsätzlich ein zutiefst menschlicher. Doch wie so oft gilt auch hier: Es kommt darauf an.

Haben die Mitglieder einer Gruppe zum Beispiel wenig miteinnder zu tun, wird es schwieriger. Anders ausgedrückt: Je kleiner die Schnittmenge desto geringer ist die Chance dass die Gruppe an einem Strang zieht. Entscheidend ist auch, was die Gruppe zu einer Gruppe macht: Ist es ein gemeinsamer Arbeitgeber, oder sind es gemeinsame Interessen die die Mitgleider in einem entsprechenden Verein verwirklichen möchten. Auch die Frage: Wie wichtig ist mir die Gruppe, wie viel Wert hat sie für mich?, deutet schon an, so mir nichts, dir nichts hält eine Gruppe nicht zusammen.

Ich halte mal fest: Es gibt eine Menge Faktoren, die für oder aber auch gegen die Verbundenheit der Mitglieder in einer Gruppe sprechen können.

Der Wunsch nach Zusammenhalt ist in seinem Ursprung also intrinsischer Natur. Er erwächst aus eigenem Antrieb aus jedem einzelnen Mitglied der Gruppe. Die Motive dafür können jedoch unterschiedlich sein. Die Suche nach Sicherheit, nach Schutz und Geborgenheit ist ein klassisches Motiv. Aber auch solche Dinge wie Ehre, Stolz und die Aussicht auf Macht können der Klebstoff sein, sich einer Gruppe verbunden zu fühlen. Andere erhoffen sich mehr Erfolg: Gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam können wir das Ziel erreichen.

Kurzum: In einer Gruppe kann die Verbundenheit ihrer Mitglieder aus unterschiedlichsten Gründen erfolgen. Möglich ist also, dass jedes Mitglied sich mit einem anderen „Kleber“ (Motiv) an der Gruppe befestigt hat.

Diese Dinge machen es so schwierig, eine Gruppe zusammenzuhaltenzu wollen.

Kann eine Gruppe auch aufgrund extrinsischer Motivation verbunden sein? Wenn ich Zusammenhalt verordnen will, versuche ich genau das. Nicht dein Motiv ist maßgeblich, es ist das Meinige! Unsere Geschichte zeigt uns viele Beispiele, dass auch das funktionieren kann. Dann ist es die Angst vor Repressalien, die die Gruppe zusammenhalten lässt. Durch Druck, der Misstrauen und Ängste schürt, kann ich also durchaus Zusammenhalt erzwingen. Und die Methoden das zu erreichen, können sehr perfide sein. Der Übergang zum Mobbing verläuft da fließend.

Um eine extrinsische Motivation der einzelnen Mitglieder in einer Gruppe zu erzeugen, muss der Druck nicht unbedingt von „oben“ kommen, er kann sich auch aus der Mitte heraus entwickeln; möglich auch durch „Impfung“ von oben – Stichwort: Korpsgeist. Schere ich aus der Gruppe aus, drohen mir empfindliche Sanktionen. Auch hier ist die Angst der „Klebstoff“.

Doch es bleibt dabei, Verbundenheit ist in seinem Kern ein Gefühl. Das heißt: Nach Außen kann ich Verbundenheit spielen, während sich gleichzeitig alles in mir dagegen wehrt. Für den Betroffenen ist das keine angenehme Situation. Aber auch für die Gruppe kann das Folgen haben.

Lässt sich Verbundenheit von außen auch ohne Druck erzeugen? Ich glaube, es gibt gute „Magnete“ die das bewirken können. Zum Beispiel:

Toleranz: Das ist für mich der entscheidendste Faktor. Meine Definition von Toleranz in Kurzfassung lautet: „Gib deinem Mitmenschen die Möglichkeit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ zu sagen. Und egal wie die Antwort ausfällt, mache ihm das nicht zum Vorwurf.“ Das heißt hier: Zusammenhalt zu verordnen, ist in meinen Augen grundsätzlich intolerant.

Allein die Zugehörigkeit zu einer Gruppe erzeugt bei mir noch kein Bedürfnis nach Zusammenhalt. Ich kann in einer Gruppe intrinsisch motiviert gut funktionieren, und mich dennoch nicht mit ihr verbunden fühlen. Wird der Zusammenhalt von außen eingefordert, verordnet, kann das sogar das Gegenteil auslösen – zum Beispiel Demotivation.

Sinnstiftend: Dazu gehören auch die bereits angesprochenen Motive. Zum Beispiel das Motiv: Als Team können wir mehr bewirken. Aber auch solche Dinge wie: Ist das geplante Ziel ein sinnvolles? Und ist der vorgesehene Weg dorthin ein guter?

Identifikation: Dem Sinnstiftenden inhärent ist hier: Ich muss mich mit dem Zielen der Gruppe und ihren Wegen dorthin identifizieren können. Dabei geht es auch um solche Dinge wie Moral und Ethik. Gehe ich mit den Werten der Gruppe d’accord oder nicht?

Authentizität: Sind die Mitglieder der Gruppe authentisch? Dabei stehen besonders die „Köpfe“ der Gruppe, das Führungspersonal, im Fokus. Reden und handeln sie deckungsgleich? Sind sie glaubwürdig? Sind sie vertrauenswürdig? Schon ein vermeintlich kleiner Fauxpas kann hier „tödlich“ sein. Zum Beispiel wenn einzelne Gruppenmitglieder für die anderen nicht nachvollziehbar eine Sonderwurst gebraten bekommen. Denn nicht nachvollziehbare Ungleichbehandlungen in einer Gruppe sind für deren Zusammenhalt immer Gift.

Transparenz: Alles was in einer Gruppe nicht nachvollziehbar ist, sorgt für Zweifel und Misstrauen. Und das ist keine Basis um Verbundheit entstehen zu lassen.

Kommunikation: Toxisch ist auch, wenn innerhalb einer Gruppe Informationen nicht oder nur unzureichend fließen. Gute Kommunikation ist meines Erachtens nur jenseits von Hierarchie, auf Augenhöhe möglich.

Deshalb ist es mein Wunsch, neben Gesundheit, neben Kreativität und einem friedlichen Jahr 2020, dass wir ein Jahr des Zuhörens haben, des Hinhörens, des sich überraschen lassens, dass auch andere etwas Schönes können, etwas Gutes denken und eine gute Idee haben.

— Bundeskanzlerin Angela Merkel 3

Die Bereitschaft zuzuhören: Wenn Kommunikation funktionieren und zu einem gemeinsam getragenden Ergebnis führen soll, ist die Bereitschaft zuzuhören, den andern verstehen zu wollen, Vorraussetzung. Genausso wie die …

Kritikkompetenz wozu auch die Selbstreflektion gehört.

Unter Kritikkompetenz versteht man einerseits die Fähigkeit, Menschen positiv und negativ im Sinne der Person und der Sache zu kritisieren, andererseits die Fähigkeit, Kritik im Sinne der Person und der Sache selbst zu akzeptieren und produktiv zu verarbeiten. Kritikkompetenz setzt sich demnach aus einer aktiven und einer passiven Komponente zusammen.

— de.wikipedia.org: Kritikkompetenz

Freude: Ein sehr starkes Magnet um Verbundheit zu fördern ist die Begeisterung. Wenn Menschen voller Freude, mit leuchtenden Augen für ihr Ziel „brennen“, dann macht auch Arbeit Spaß. »Da pulsiert das Leben! Die halten zusammen! Da will ich hin, da will ich mitmachen!«

Vorbild: Jeder kann und sollte Vorbild sein, indem sie oder er diese Punkte beachtet. Aber das Führungspersonal muss Vorbild sein. Es muss tolerant und authentisch sein, es muss informieren, es muss Kritikkompetenz vorleben, es muss von den Zielen der Gruppe begeistert sein – sonst wird es mit dem Zusammenhalt der Gruppe schwierig.

Aus diesen Gründen bin ich der Meinung, wer Zusammenhalt verordnen will, wird schlussendlich das Gegenteil erreichen.


  1. Siehe www.rnd.de: Zusammenhalt lässt sich nicht per Dienstpflicht verordnen, von Daniela Vates, 28.11.2019. [return]
  2. Siehe de.wiktionary.org: Zusammenhalt. [return]
  3. www.t-online.de: Merkel will Stadt und Land wieder näher zusammenbringen, 13.1.2020. [return]