Ihre Sprachen verstehen lernen

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Apfelblüten

Stell dir vor es ist Krieg. Du bist auf der Flucht. In deiner Begleitung befindet sich ein Kind. Du willst es beschützen. Ihr müsst weg von den Kugeln aus dem Hinterhalt und den Bomben von oben. Das Kind weint. Es will wissen was los ist. Es hat Angst. Du auch. Aber du musst funktionieren. Ihr braucht etwas zu essen. Und ihr müsst einen Unterschlupf finden, um etwas auszuruhen. Du nimmst das Kind auf den Arm. Du läufst. Du sucht verzweifelt. Du bist außer Atem. Das Kind fragt und fragt. Und weint. Aber du hast keine Zeit zu antworten. Du musst andere Prioritäten setzen.

Wo ist da die Liebe?

Meine Großeltern und meine Eltern haben solche Situationen erlebt. »Eine der drängendsten Frage war dann: Woher bekommen wir jetzt etwas zu essen?«, erzählte mir kürzlich der Bruder meiner Mom, als er mir schilderte wie es war als Kind zu erleben, dass das zu Hause, dass die elterliche Wohnung, kurz zuvor von Bomben in Schutt und Asche gelegt wurde. Er, meine Mom, ihr älterer Bruder und ihre Eltern haben das mehrmals durchgemacht.

»Wenn Sie sich mal die Bedürfnispyramide vor Augen führen. Wo finden Sie darin die Liebe, wie wir sie klassischerweise interpetieren?«, fragte ich kürzlich jemanden. Nach Maslow gehört die Liebe zu den sozialen Bedürfnissen. Das heißt, sie ist erst in der dritten Ebene der Pyramide ein Thema. In den oben geschilderten Situationen geht es jedoch um die Grund- und Existenzbedürfnisse. Und um Sicherheit. Also um die beiden „unteren“ Ebenen.1

Was macht das mit den Betroffenen?

Wie werden die Kinder und wie werden die Eltern solche Erlebnisse verarbeiten? Was bewirken diese großen Ängste und Nöte? Was bewirken die körperlichen und seelischen Verletzungen? Werden sie jemals wirklich heilen?

Ich bin mir sicher, solche Erlebnisse prägen. Auch die Liebe.

Meine Eltern haben sehr selten über den Krieg gesprochen. Und ich bedaure zutiefst, dass ich so wenig nachgefragt habe. Für mich blieb der Krieg, über den ich in der Schule aus den Geschichtsbüchern gelernt habe, weit weg. Theorie. Bestimmt wollten meine Großeltern und Eltern genau das. Ich sollte den Schmerz ihrer Narben nicht fühlen. Und doch habe ich ihn gespürt. Nicht bewusst. Bis vor einigen Jahren, als meine Mom an Demenz erkrankte. Als ich begann, mir Fragen zu stellen – viele Fragen.

Jeder hat eine Vorstellung von Liebe. »Wann fühle ich mich geliebt?«, die Antworten auf diese Frage sind individuell. Entsprechend sind auch die Bedürfnisse, die Erwartungen an den geliebten Menschen unterschiedlich.

Auch die Liebe hat mehrere Sprachen. Damit sie sich entfalten kann, müssen wir ihre Sprachen verstehen lernen – die eigene und die des geliebten Menschen.

Und wenn ich verstehen möchte, warum jemand so handelt wie er handelt, so liebt wie er liebt, wenn ich wissen möchte: »Was ist deine Sprache der Liebe, weil ich dir in dieser Sprache antworten möchte?«, dann muss ich auch ihre/seine Geschichte kennen und mich in sie hineinfühlen.


  1. Wobei ich glaube, wenn ich einem anderen Menschen, zum Beispiel einem Kind helfe diese Grund- und Sicherheits-Bedürfnisse zu stillen, dass auch das eine Form von Liebe ist. [return]