Haben wir zu wenig Vorbilder?

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Eine Falte in einem Kissen, die die Form einer Welle hat. Jeder kann Wellen auslösen – bewusst oder unbewusst.

Wenn ich mir anschaue, was für grausame Dinge in der Welt passieren, frage ich mich fast jedes Mal: Haben wir zu wenig Vorbilder? – Haben wir?

Karl Valentin wird der Satz zugeschrieben: „Sie brauchen Kinder nicht zu erziehen, sie machen einem sowieso alles nach.“1 Wenn dem so ist, müssten wir reichlich Vorbilder haben – zumindest für die Kinder. Und welche Vorbilder haben die sogenannten Erwachsenen?

„Das ist von Amerika zu uns nach Europa herübergeschwappt.“ Ein Satz, den wir häufig lesen und hören. Wenn ich an solche Dinge wie Mode, Musik, Speisen und so weiter denke, fallen mir viele Sachen ein, die wir höchstwahrscheinlich von den Amerikanern kopiert haben. Vor dem Hintergrund der Wahl zum Ministerpräsidenten in Thüringen am 5.2.2020 schrieb Fefe neulich:

Ich beobachte seit Jahren mit wachsender Bestürzung die Politik in den USA, die nur noch aus Partisanenkämpfen besteht. Da wird keine einzige Entscheidung auf Basis von Fakten getroffen, sondern man tut das, wovon man annimmt, dass es den Gegner am meisten ärgert. […] Ich kriege häufiger Mails von Leuten, die sich aufregen, dass ich zuviel US-Politik im Programm habe. Das sei ja weit weg und beträfe uns hier nicht. Ich glaube das betrifft uns sehr wohl. Das ist wie wenn du in die Zukunft gucken kannst. Was die heute machen, das machen wir in 5-10 Jahren auch. Kein Abgrund zu abgründig, kein Niveau zu tief. Da geht es auch bei uns hin, macht euch da mal nichts vor.

— Felix von Leitner, blog.fefe.de, 5.2.2020

So viel zu den Vorbildern von Erwachsenen. Und wir halten fest: Vorbilder haben wir demnach reichlich.

Aber das sind ja keine Vorbilder! Ich meine die guten Vorbilder! Hm. – Was sind denn gute Vorbilder? Schlagen wir kurz in der Enzyklopädie nach:

Vorbild ist eine Person oder Sache, die als richtungsweisendes und idealisiertes Muster oder Beispiel angesehen wird. Im engeren Sinne ist ein Vorbild eine Person, mit der ein […] Mensch sich identifiziert und dessen Verhaltensmuster er nachahmt oder nachzuahmen versucht.

— de.wikipedia.org: Vorbild

Von „gut“ steht da nichts. Oder?

Ich glaube, meine Vorbilder haben sehr viel mit meinen Maßstäben zu tun. Meistens sind das Menschen, die ich gut finde, deren Beispiel ich folgen möchte. Die meisten von ihnen sind schon viel weiter als ich. Und weil sie weiter sind, geben sie mir die Hoffnung: dass es den Weg gibt und dass ich ihn auch gehen kann.

Einige meiner Vorbilder sind gar nicht so viel weiter als ich. Was sie für mich gleichwohl zum Vorbild macht ist, dass sie trotz aller Unbilden die im Alltag auch an ihnen zerren, ruhig und beharrlich ihren Weg, „meinen“ Weg weitergehen.

Das heißt, meine Vorbilder sagen eine Menge über meine Maßstäbe aus. Wem eifere ich nach und wem nicht?

Haben wir zu wenig Vorbilder? Wenn ich von meinen Maßstäben ausgehe, dann haben wir zu wenig. Aber hey! Jeder ist Vorbild! Ich werde ständig beobachtet. Parke ich mein Auto auf einem dafür vorgesehenen Parkplatz, oder parke ich es, weil der Weg zum Bäcker dann kürzer ist, auf einem Radweg? »Ach, wenn der das Auto auf dem Radweg abstellt, kann ich das auch. Ist ja nur für kurze Zeit.«

Jeder ist Vorbild. Jeder ist Multiplikator. Und ja: Je höher meine Position in der Gesellschaft, desto mehr potenzielle Multiplikanden habe ich.

Prof. Dr. Gunter Dueck hat kürzlich wieder einen interessanten Artikel geschrieben, der auch zum Thema passt: Kettenkriechhund im Dienst? „Die normalen Menschen haben entsetzlich wenig Mut, sich irgendwo allein entgegenzustellen. Das will ich hier darstellen und noch einmal betonen: Ehrt die, die Mut haben!“

Tja, welche moralischen und sittlichen Ansprüche habe ich an mich? An wen orientiere ich mich? Wem eifere ich nach? – Was für ein Vorbild gebe ich ab?


  1. Siehe de.wikipedia.org: Vorbild. [return]