Es ist, als hätte man mir einen Stecker gezogen

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Ein Zweig mit den vertrockneten Blüten einer Orchidee

Das Corona-Virus und das Apfelbäumchen.

Neben mir brennt die Kerze. Die Kerze, die ich jeden Morgen, ganz klassisch mit Streichhölzern, anzünde. Sie soll für all die Menschen in meinem Umfeld leuchten, die gerade viel Kraft brauchen – um zum Beispiel eine schwierige Situation gut zu überstehen. Dieses Ritual habe ich von meiner Mom übernommen. Und seit Jahren gehört meine Mom zu den Menschen, an die ich in den Momenten denke.

Es ist Nachmittag. Und wieder habe ich die Kerze angezündet. Sie brennt jetzt für uns alle, für alle Menschen auf dieser Welt.

Ich habe Pipi in den Augen. Heute Morgen haben sie mir gesagt, dass sie jetzt auch das Seniorenheim in dem meine Mutter lebt, für Besucher:innen komplett geschlossen haben. Ohne Ausnahme. In den vergangenen Tagen konnte ich meine Mom wenigstens noch einmal am Tag besuchen.

Seit fast einem halben Jahr ist sie nun vollständig bettlägerig. Und in dieser Zeit war sie mehrmals dem Tod näher als dem Leben. Doch irgendwie hat sie es immer wieder geschafft. Darum war ich so oft wie möglich, auch mehrmals am Tag bei ihr; und wenn es die Zeit war, habe ich ihr auch das Essen angereicht. Es hat mich glücklich gemacht, ihre Zufriedenheit und ihre Dankbarkeit zu beobachten.

»Alles gut. Ich mach das schon. Ich bin da.« Sätze wie diese habe ich jedes Mal gesagt, wenn ich in ihrem Gesicht Angst oder Schmerzen gesehen habe. Ich habe es mir fest vorgenommen und ihr gedanklich versprochen: Auch in deiner letzten Stunde werde ich da sein. Und nun macht mir der Corona-Virus möglicherweise einen Strich durch meinen Wunsch.

Ja, richtig. Auch in den vergangen Tagen hätte ich schon Verantwortung übernehmen und auf die Besuche verzichten müssen. Aber wenn man einen Menschen so lange gepflegt hat, dann fällt das halt verdammt schwer.

Und nun? Es ist so, als hätte man mir einen Stecker gezogen. Einerseits ist die Maßnahme richtig, andererseits ist in mir etwas eingestürzt.

Mein Apfelbäumchen ist ein Federbuschstrauch.

Als ich vorhin die Nachricht bekam, dass ich meine Mom für eine Weile nicht mehr besuchen darf, dachte ich an die Bilder aus Italien. An die vielen Menschen die schon an dem Corona-Virus gestorben sind; und weil es so viele sind, sie schon an andere Orte verbracht werden müssen. Ich weiß nicht warum, aber solche Bilder wanderten mir schon vor Wochen durch den Kopf.

Dann dachte ich an eine andere Geschichte: Du kannst nichts mitnehmen. – Ich hatte sowieso vor, mir auch in diesem Jahr noch ein paar Pflänzchen für den Garten zu kaufen; von wegen Klima und so, aber auch weil schön. Also habe ich eben einen Federbuschstrauch1 gekauft. Ich werde ihn nahe der Haustür pflanzen. Er soll mich immer an meine Mom erinnern – und an das Leben.


  1. Über den Federbuschstrauch habe ich jüngst erst geschrieben: Pflanzen-Familien. [return]