Ein Job, der viel zu wenig wertgeschätzt wird

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Eine Magnolie mit vielen Blüten.

Es ist ein Knochenjob, nichts für zarte Gemüter. Trotzdem musst Du sehr zartfühlend und gedudig sein. Und eine große Menge Empathie mitbringen.

»Holy Moly! Was war das für ein Tag!« Was Frank1 mir dann schilderte, war nicht appetitlich. Aber ich brauchte keine Vorstellungskraft um ihn zu verstehen. Ich habe solche Einsätze schon ein paar Mal gesehen. Heute hatte er während der ganzen Schicht mehrere davon.

»Könntest du einen erwachsenen, bettlägerigen Menschen, der sich in seinem Bett gleichzeitig erbrochen und eingekotet hat, der zudem, zum Beispiel aufgrund seines Alters, sehr steif ist und nicht mitwirken kann, waschen und gleichzeitig sein Bett neu beziehen?« Die Frage habe ich in den vergangenen Monaten häufig gestellt, wenn ich Mitmenschen von der Arbeit erzählte, die dieser Job mit sich bringt. Und dann bleibe dabei ruhig, einfühlsam und freundlich. Das geht. Ich habe mehrmals Altenpfleger:innen bei ihrer Arbeit zugesehen.

Einige Menschen wollen von solchen Geschichten nichts hören. Wenn ich von den Erlebnissen eines Urlaubes berichte, kleben mir mehr Menschen an den Lippen. Dennoch gehören auch die Geschichten aus den Seniorenheimen zum Leben. Auch wenn sie oft nicht schön sind. Aber sie lassen mich lernen, was Demut heißt.

Was machst du, wenn du einem Bewohner zu Essen und zu Trinken anreichen musst, weil sie oder er selbst nicht in der Lage dazu ist, und er partout den Mund nicht öffnet? Bei einem an Demenz erkrankten Menschen weißt du nicht, ob er gerade nicht will oder ob er nicht weiß, was er tun muss.2 Nun hast du aber nicht ewig Zeit dich diesem Menschen zu widmen, da warten noch viele andere Bewohner:innen, denen du das Essen anreichen musst …

Bettlägerige Menschen, die sich nicht mehr selbst umdrehen können, weil sie keine Kraft mehr haben, müssen alle zwei, drei Stunden anders gelagert werden. Damit sollen Wundliegegeschwüre vermieden werden. Auch wenn das viel Kraft erfordert, ist dazu gleichzeitig Fingerspitzengefühl vonnöten. Denn die Hilfebedürftigen sind nicht nur sehr schmerzempfindlich, solche Aktionen kosten ihnen, auch wenn sie selbst kaum mitwirken, viel Energie.

Jeder kennt solche Tage, an denen unvermittelt alles gleichzeitig passiert und pressiert. An zig Stellen ist dein Einsatz gefragt. Bei Frau X ist ein Katheter verstopft, Herr Y und Herr Z haben sich übergeben, Frau D ist gestürzt und so weiter. Von einem solchen Tag hatte mir Frank berichtet.

Auch wenn ich hier nur ein paar Tätigkeiten erwähnt habe die diese Arbeit beinhaltet, aber ich denke es wird erkennbar, was ich damit meinte: Es ist ein Knochenjob, nichts für zarte Gemüter. Trotzdem musst Du sehr zartfühlend und gedudig sein. Und sehr viel Empathie mitbringen.

Und dennoch werden Altenpfleger:innen meines Erachtens viel zu wenig wertgeschätzt.

Allen Altenpflegerinnnen und Altenpflegerinnen, und ganz besonders denen, die in dem Heim arbeiten, in denen meine Mom wohnt, danke ich an dieser Stelle von ganzem Herzen.


  1. Den Namen habe ich geändert. [return]
  2. Ich bin mir aufgrund meiner Beobachtungen sicher, dass auch der vermeintliche Reflex „Mund auf, wenn du essen willst“ verloren gehen kann. [return]