Das schlechte Gewissen macht zurzeit Überstunden

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Ein kleiner Turm aus Steinen aufgestellt auf einem Holzstamm im Wald.

Anfangs habe ich häufiger vergessen die Alltagsmaske1 rechtzeitig anzulegen. »Ups! Tschuldigung, vergessen«, stammelte ich dann meistens, immer begleitet von einem schlechten Gewissen. Ich habe Verständnis für die vielen Regelwerke in den Geschäften, Restaurants und beim Frisör, die dem Schutz vor der Ausbreitung des Corona-Virus dienen. Gleichwohl verunsichern sie mich. Ich habe dabei ein bedrückendes Gefühl.

Manchmal frage ich mich, was mir mehr Angst bereitet: mich zu infizieren oder dass ich etwas falsch mache. Habe ich die Maske auf? Muss ich einen Einkaufswagen nehmen?2 Muss ich Formulare ausfüllen?3 Muss ich etwas desinfizieren? Wo steht der Spender? Darf ich schon eintreten? Durch welche Tür darf ich eintreten? Halte ich genügend Abstand? Oder im Auto: Habe ich die Maske noch auf? Denn im Auto ist es ja verboten die Alltagsmaske zu tragen.

Die Schutzmaßnahmen in einigen Büros erinnern mich an Filmszenen in einer Justizvollzugsanstalt. Fehlt nur noch, dass die Gesprächspartner:innen auf beiden Seiten der „Spruckschutz“-Fenster zum Telefonhörer greifen müssen um miteinander zu sprechen. Manchmal scheint mir das auch angebracht. Ich bin schwer schwerhörig. Gespräche mit Menschen zu führen die Alltagsmasken tragen, ist für mich um einiges schwieriger geworden. Und die Spuckschutzfenster sind zusätzliche Barrieren. Ich frage ungern nach wenn ich etwas nicht verstanden habe, denn ich möchte den Betrieb nicht aufhalten. Und wenn ich es dennoch muss – dann habe ich wieder ein schlechtes Gewissen.

Am meisten „irritieren“ mich die auffällig als solche gekennzeichneten Kontrolleure, also die, die in den Läden oder in den Parks darauf achten, dass die Kund:innen beziehungsweise Besucher:innen sich auch an die Regeln halten. Auch wenn das nicht so gedacht ist, bei mir erzeugt das schon ein ungutes Gefühl: So muss das wohl sein, wenn man in einem Überwachungsstaat lebt.

All das nimmt mir ein Stück Lebensfreude. Mal eben zu einem Geschäft zu fahrradfahren um eine fehlende Kleinigkeit zu kaufen, schenke ich mir seit Kurzem. Neulich fehlten mir Wallnüsse. Ich flitze also zum nächsten Laden und renne hinein. Als ich mit den Nüssen in der Tasche das Fahrradschloss entriegelte, fiel mir eine Menschentraube auf. Was machen die denn da?, fragte ich mich. Nun, sie warteten auf einen Einkaufswagen. Eintritt nur mit E-Wagen! Und nur, solange der „Vorrat“ reicht! Ich hatte mal wieder nicht alles von dem „Kleingedruckten“ an den vielen Hinweisschildern gelesen. Gut, dass ich nicht in eine Kontrolle geraten bin. Aber dennoch war es wieder da, das schlechte Gewissen.

Seit einiger Zeit darf ich ja meine Mom wieder besuchen. Aber für die Pfleger:innen bedeutet das eine Menge an Mehrarbeit. Sie müssen sich dafür zusätzliche Schutzkleidungsstücke anlegen, ich muss in einen Astronauten-Anzug gepackt werden, und meine Mom bekommt eine Maske angelegt und weiß nicht warum. Die Pfleger:innen müssen mich in das Zimmer meiner Mom hineinbegleiten und nach der Besuchszeit wieder bis zur Türe bringen. Darf ich diesen Aufwand den Pfleger:innen zumuten? Ihr Job wird eh schon viel zu wenig gewürdigt. Und jetzt haben sie noch zusätzlichen Stress. »Das ist halt so.« Nee, das ist scheiße! Außerdem habe ich ein dabei ein schlechtes Gewissen. Aber wenn ich meine Mom deswegen nicht besuche, habe ich auch ein schlechtes Gewissen. Da stehen sich die schlechten Gewissen sogar in Konkurrenz. Paradox.

Viele Menschen scheinen diese Schutzmaßnahmen weniger zu belasten. Sicher, die meisten Menschen finden die Maßnahmen nervig weil aufwendig. Aber mein Eindruck ist, dass sie längst nicht bei allen beklemmend wirken. Auch ihr Gewissen kratzt das scheinbar kaum. Warum ist das so unterschiedlich? – Schon interessant dieses Gewissen.


  1. Alltagsmasken – das die so heißen, wußte ich bis vorhin nicht. Ich habe immer von Mund-Nase-Abdeckung gesprochen. Denn erstens sollen die Dinger genau das tun, den Mund und die Nase abdecken, und zweitens gilt ja, außer wenn Karnevall oder sowas ist, das Maskenverbot. Aber was weiß ich schon. [return]
  2. Eigentlich ist mir bei diesen ganzen Regelwerken nicht nach Humor, aber trotzdem muss ich bei der Einkaufswagen-Pflicht immer an diese Szene denken: Jeder nur ein Kreuz – ähm, ich meine Einkaufswagen. [return]
  3. Was mich dabei nervt sind Formulare, die in Listenform angelegt wurden. Stichwort Datenschutz. Ich möchte nicht, dass die nachfolgenden Besucherinnen wissen, dass ich auch da war. Und ich möchte nicht, dass sie meine Adressdaten erfahren. [return]