Das ist nicht mehr die Frau die ich geliebt habe

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Die Blüte einer Tulpe

»Wie bist du eigentlich damit klargekommen? Mein Vater hat zusehens Probleme damit zu beobachten, wie meine Mutter immer mehr in die Demenz versinkt. ›Das ist nicht mehr die Frau, die ich so geliebt habe‹, hat er mir neulich gestanden.« »Wie kommst du als Sohn denn mit der Situation klar?« »Es irritiert mich auch, meine Mutter so zu sehen. Sehr sogar. Wir fragen uns, was wird da noch auf uns zukommen? Was müssen wir jetzt tun?«

Diese Zeit ist auch für mich sehr schwer gewesen. Auch wenn sie schon mehrere Jahre zurück liegt, kann ich die bedrückenden, beängstigenden Gefühle noch heute sofort reproduzieren. Ich fühlte mich oft überfordert. Und das alles hat mich sehr erschöpft. Wenn ich das in Erinnerung rufe, denke ich mir jedes Mal, hätte ich damals das Wissen von heute gehabt, hätte ich vieles besser machen können. Doch die Zeit zum Nachdenken habe ich mir nicht genommen. Vielleicht war sie auch gar nicht da. Ich weiß es nicht mehr.

Mir war auch nicht klar, wie viel Energie ich habe. Ich dachte oft, ich schaffe das nicht. Und in meiner Verzweifelung, war ich sehr häufig auch ungerecht zu meinen Mitmenschen. Doch ich habe einen Weg gefunden. Ich bin an der Seite meiner Mom geblieben. Ich war und bin immer für sie da. Und im Gehen bin ich gewachsen. Es gibt sicherlich bessere Wege. Aber ich bin nicht vollkommen. Das muss ich mir noch heute immer wieder sagen. Denn mir meine Fehler die ich dabei gemacht habe gänzlich zu verzeihen, habe ich bis heute nicht geschafft.

Doch ich bin auch ein bisschen stolz auf mich: Alter, du hast eine verdammt gute Kondition! Und auch das gebe ich den Menschen mit auf den Weg die mich fragen: »Wie bist du damit klargekommen?« »Vertraue dir!« Vertraue darauf, dass du die Energie hast das zu schaffen, dann kann sich auch deine Empathie entfalten. Denn Angst ist kein guter Nährboden für Empathie. Doch du wirst viel Empathie brauchen.

»Das ist nicht mehr die Frau, die ich geliebt habe.« Ich kann den Satz so gut nachvollziehen. Das ist so, als würden zwei Planeten die seit Äonen umeinander gekreist sind, sich langsam voneinenader weg bewegen. Der eine Planet, weil er vergisst wie er sich in der Bahn halten soll, der andere Planet, weil ihn das irritiert, weil das nicht das ist, was er von dem anderen kennt.

Das vertrackte an der Situation ist, dass der an Demenz erkrankte Mensch gerade dann auf die Nähe seiner Angehörigen angewiesen ist. Sein Taumeln zwischen den Welten macht ihn unsicher, verängstigt ihn. Ich stelle mir das gruselig vor, wenn du immer häufiger beobachtest, dass dir dein Verstand entgleitet und du das Vertrauen in dir verlierst. Das muss eine wahnsinnige Angst erzeugen.

Was also tun? Die richtig Reaktion von Angehörigen darauf ist meines Erachtens, ein fühlbarer Anker zu werden. Ich scheibe „fühlbar“, weil es, je mehr der erkrankte Mitmensch davon treibt, immer weniger um Worte und Erklärungen geht. Denn damit kann er immer weniger anfangen. Stattdessen benötigt er physisch Präsenz: Nähe, Wärme – Umarmungen, beruhigende Worte. Denn in seiner Verwirrung sucht er Sicherheit, Halt – er sucht einen Anker.

Solche Dinge hätte ich gern gewusst, als meine Mom vor neun Jahren an Demenz erkrankt ist. Vielleicht hätte ich dann einiges besser gemacht. Vielleicht.

»Das ist nicht mehr die Frau, die ich geliebt habe.« – Es stimmt, die Demenz hat meine Mutter sehr verändert. Aber sie ist kein anderer Mensch geworden. Sie ist noch immer meine Mutter. Je mehr sie erkrankte, desto mehr Verantwortung habe ich für sie übernommen. Doch ich habe das Gefühl, dass, je mehr Verantwortung ich für sie übernommen habe, auch meine Liebe für sie gewachsen ist. Und vielleicht ist das auch die Lösung für die beiden sich voneinander weg bewegenden Planeten – dann sollte der eine dem anderen Halt geben: Komm, ich nehme dich mit auf meine Bahn.

Sicher, dass ist nicht mehr die Liebe von einst. Das ist eine andere Liebe. Aber keine schlechtere. Das ist Liebe in ihrer ursprünglichsten Form: sie gibt, ohne zu erwarten, ohne zu bekommen.