Barrierefreie Sprache

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Im Vordergrund ein Weidezaun, im Hintergrund Wiesen und Bäume die im Nebel liegen.

Barrierefreiheit ist wichtig. Der Aussage werden vermutlich sehr viele Mitmenschen zustimmen. Doch nach meiner Beobachtung denken dabei viele nicht an ihre Texte oder an ihre Sprache. Oder sie wollen nicht daran denken, zum Beispiel weil sie mit ihren Texten ihren Status hervorheben möchten.

Finde auch immer sehr beachtlich, dass “verwendet viele Fremdwörter” mit “intelligent” gleichgesetzt wird. Tatsächliche Intelligenz erkennt man meistens eher daran, dass Menschen zielgruppengerecht kommunizieren können und Sprache nicht nur zur Selbstinszenierung verwenden. 12

— Beatrice Frasl, twitter.com/fraufrasl, 7.8.2020

Einschub: Ich behaupte nicht, dass ich barrierefreie Texte schreiben kann. Ich bemühe mich darum. Genauso, wie ich mich um eine geschlechtergerechte Sprache bemühe. Wobei der Versuch Texte geschlechtergerecht zu schreiben durchaus dazu führen kann, dass in Texten zusätzliche Barrieren auftauchen. Ich kann mir aber vorstellen, dass das mit der Zeit weniger oft passieren wird. Das ist jedoch ein anderes Feld, und führt an dieser Stelle zu weit weg vom Thema.

Und dann ist da noch das Stichwort: wertschätzende Kommunikation, eine Kommunikation, „die mehr Kooperation und gemeinsame Kreativität im Zusammenleben ermöglicht“ 1. Auch daran ist mir gelegen.

Intelligenz beinhaltet nämlich idealerweise auch emotionale Intelligenz (die wiederum Empathiefähigkeit beinhaltet, die wiederum Voraussetzung ist für gute Kommunikation) 22

— Beatrice Frasl, twitter.com/fraufrasl, 7.8.2020

Ich glaube, dass beides, die geschlechtergerechte Sprache als auch die wertschätzende Kommunikation, zu einer barrierefreien Sprache gehören. Ja, wer an barriefreie Sprache denkt, denkt meistens an die Leichte Sprache, beziehungsweise an die Einfache Sprache. Das ist auch nicht falsch. Ich bin jedoch der Meinung, dass das nur ein Teil der Barrierefreiheit ist.

Barrierefreiheit heißt für mich: keine Barrieren. Wenn ich Barrieren erkenne, versuche ich sie abzubauen oder zu vermeiden. Klar, das ist einfacher geschrieben als getan. Aber für mich ist das ein Vorsatz. Denn ich möchte keine Mitmenschen ausgrenzen (geschlechtergerechte Sprache), ich möchte sie nicht verletzen (wertschätzende Kommunikation), und ich möchte mich verständlich ausdrücken (möglichst einfache Sprache).

Wenn ich mich bewusst dünkelhaft kompliziert ausdrücke, baue ich Barrieren auf. Ich nehme also bewusst in Kauf, dass mir einige Mitmenschen nicht folgen können. Dieser Teil der Kommuniktion wird in der Kommunikations-Psychologie der Selbstoffenbarung2 zugeordnet. Kurzum: Wenn ich mich unverständlich ausdrücke, werde ich höchstwahrscheinlich Menschen ausgrenzen. Es kommt aber noch etwas hinzu. Selbst wenn mich die Menschen nicht verstehen, meine Selbstoffenbarung werden sie dennoch spüren. Wie werden sie das interpretieren? „Ich kann nicht verstehen was der da sagt, weil der so schlau ist.“? Oder: „Ich kann ihn nicht verstehen, weil der will dass ich ihn nicht verstehe. Der ist so arrogant.“?

Meine Mom ist dement. Verbal können wir kaum noch kommunizieren. Aber an ihrem Gesichtsausdruck kann ich erkennen, wie etwas bei ihr „ankommt“. Denn nach meiner Beobachtung hat sie trotz ihrer Demenz ein untrügliches Gespür für die Menschen in ihrer Nähe: Wollen sie ihr etwas Gutes, oder wollen sie ihr etwas Schlechtes.

Ich bin daher überzeugt davon, dass das Gros der Mitmenschen die mich nicht verstehen wenn ich mich bewusst dünkelhaft kompliziert ausdrücke, sich das nicht selbst zuschreiben. Sie werden meinen Hochmut demaskieren.

Was nach meiner Beobachtung ebenfalls häufig vergessen wird: Auch Abkürzungen sind meistens Barrieren. Selbst wenn mir ihre Bedeutung bekannt ist, stören sie den Lesefluss.3 Daher vermeide ich Abkürzungen. Oder ich erkläre kurz, was sie zum Inhalt haben.

Ja, es kommt immer darauf an, mit wem ich mich unterhalte, an wen sich meine Texte richten. Wenn Fachleute aus dem gleichen Fachgebiet sich unterhalten, sind „ihre“ Fachbegriffe ihnen sicherlich nicht fremd. Unterhalten sich Fachleute aus unterschiedlichen Fachgebieten, können Fachbegriffe schon zu Fremdwörtern werden. Ein Beispiel: Wenn ich von CMS rede, meine ich zu 99 Prozent ein Content-Management-System. Wofür die Abkürzung aber noch stehen kann, könnt Ihr hier mal nachlesen: CMS.

Siehe auch: Der Unverständlichkeits-Fetisch. „Wir müssen aufhören, komplizierten Fachjargon als Zeichen von Intelligenz zu sehen.“


  1. Siehe de.wikipedia.org: Gewaltfreie Kommunikation. [return]
  2. Siehe de.wikipedia.org: Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun, hier: Selbstkundgabe. [return]
  3. Was ich interessant finde ist, dass etliche Menschen sich über geschlechtergerechte Sprache ereifern, weil sie in Texten blöd aussehen. Wie oben ausgeführt, kann sie wirklich zu holprigen Sätzen führen. Warum aber nehmen es so viele Menschen hin, wenn Texte durch vermeidbare und/oder unverständliche Abkürzungen schwerer zu verstehen sind? [return]