Aber die Fahrradfahrer …

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Eine Hummel sitzt auf der Blüte einer Feldblume.

»Aber die Fahrradfahrer sind mindestens genauso schlimm!« Ihr ahnt schon das Thema der Diskussion, aus dem dieser Satz stammt. Ich höre dieses „Aber“ regelmäßig. Und immer dann, wenn ich Mitmenschen von meinen Erlebnissen als Fahrradfahrer berichte.

Ich bin auch Autofahrer, benutze aber, wenn es eben möglich ist, das Fahrrad als Verkehrsmittel. Warum? Es gibt viele Gründe. Ich nenne hier einfach mal nur drei Punkte aus den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen: Gesundheit und Wohlergehen, Nachhaltige Städte und Gemeinden, Maßnahmen zum Klimaschutz.

Und ja:

Natürlich gibt es unter den Fahrradfahrern den gleichen Anteil Vollpfosten, wie unter den Auto- oder Motorradfahrern. Alles andere wäre sehr merkwürdig.

— Andreas Edler 1

„Trotzdem muss man nun schauen, für welche Gruppe von Nicht-Vollpfosten in den letzten Jahrzehnten etwas getan wurde und welchen Nicht-Vollpfosten breite, glatte und immer neue Infrastruktur gebaut wurde“, schreibt Andreas in seinem Artikel Flächen für neue Radinfrastruktur weiter. Hat er recht? Ja, das hat er.

99 Prozent derjenigen, die mir mit dem Einwand »Aber die Fahrradradfahrer …« kommen, benutzen das Fahrrad selten bis nie als Verkehrsmittel im Alltag. Wer bei Wind und Wetter mit dem Rad zur Arbeit fährt, Freund:innen besucht, kleine Einkäufe mit dem Fahrrad erledigt, macht eine Menge mehr Erfahrungen.

Nehmen wir als Beispiel nur die Fahrradparkplätze in den öffentlichen Räumen? Wie viele kennt Ihr? Wie sehen die aus? Können die Fahrräder dort sicher abgestellt werden? Wie viele überdachte Fahrradparkplätze gibt es in Eurer Stadt? Und wie viele Parkhäuser kennt Ihr? Ich habe schon oft den Tipp in den Raum geworfen: Erstellt doch mal ein Fahrradparkplatz-Kataster für Eure Stadt. Dann erkennt Ihr, welchen Wert Eure Stadt den Fahrradfahrer:innen beimisst.

Ein Beispiel aus meinem Alltag als Fahrradfahrer: Ich ärgere mich täglich über Autofahrer, die mit ihren Autos einen Fahrradparkplatz so zuparken, dass man den Fahrradparkplatz von der Straße aus nicht mehr sieht. Und wenn du dein Fahrrad dort abgestellt hast, hast du arge Schwierigkeiten, es ohne ein Auto zu zerkratzen dort wieder herauszubekommen. Obendrein: Offiziell ist die Fläche vor dem Fahrradparkplatz keine Parkfläche für Autos. Aber das kann Fahrradfahrer wie Autofahrer nur sehr, sehr schwer erkennen.

Trotzdem: Wenn ich als Autofahrer sehe, dort ist ein Fahrradparkplatz, dort sind sogar Fahrräder abgestellt, frage ich mich dann nicht: »Wie kommen die Fahrradfahrer:innen mit ihrem Rad dort hin, beziehungsweise wieder dort raus, wenn ich mein Auto davor abstelle?« Diejenigen, die dort ihr Auto abparken, machen sich diese Gedanken ganz offensichtlich nicht.

Wäre das anders, wenn das kein Fahrradparkplatz wäre und dort zwei Autos stehen würden?2 Ich bin mir ziemlich sicher: Dann würde kaum noch jemand sein Auto davor abstellen: »Ach nee. Andere Autos einkeilen ist nicht so doll. Das könnte Ärger geben.«

Allein dieses Beispiel zeigt, dass Autofahrer:innen die Fahrradfahrer:innen nicht als gleichwertige Verkehrsteilnehmer:innen betrachten. Aber:

Was viele nämlich vergessen: der [Auto-]Stahl ist kein Zeichen dafür, dass man wichtiger, eiliger oder dringender ist.

— Andreas Edler 1

Ein Grund dafür ist der, den Andreas in seinem Artikel anspricht: Unsere Straßen und Wege sind in allererster Linie auf den Autoverkehr ausgerichtet. Es ist geradezu schmerzhaft fühlbar, dass es den Verkehrsplaner:innen lästig ist, sich auch noch um Fußgänger:innen, Rollatorfahrer:innen, Rollstuhlfahrer:innen, Kinderwagen schiebenden Eltern und Fahrradfahrer:innen zu kümmern.

Klar, die Autolobby freut sich. Aber nachhaltige Städte und Gemeinden stelle ich mir anders vor. Und für das Klima ist das nichts. Doch mal abgesehen von diesen globalgalaktischen Aspekten: Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Was sagt das über unser Mitgefühl aus?

Stellt Euch eine kleine Gemeinde vor. Durch die Innenstadt führen drei Straßen. Was würde passieren, wenn nur eine Straße davon für Autos und Lastkraftwagen gesperrt würde?

Wenn wir ernsthaft und spürbar etwas für den Klimaschutz tun wollen, wenn wir wirklich nachhaltige Städte haben wollen, wenn wir mehr Mitgefühl zeigen wollen, dann müssen wir genau das tun – das Autofahren unattraktiv machen.

Oft wird an dieser Stelle gesagt: »Aber wir müssen dann auch den Öffentlichen Personennahverkehr ausbauen!« Ja, das sehe ich auch so. Aber noch mal zu dem oben aufgeführten Beispiel mit den von Autos eingekeilten Fahrrädern auf dem Fahrradparkplätzen: Wie wäre es, wenn damit beginnen häufiger mal an den Nächsten zu denken? Was habe ich für eine Einstellung, wenn ich in der Freizeit wie verrückt Sport treibe, aber mein Auto am liebsten vor meinem Scheibtisch abstellen würde – nur um ein paar Meter Fußweg zu sparen? Was ist mit der so oft bemühten Behauptung: »Es geht uns um die Zukunft unserer Kinder!«?

Wir sollten häufiger mal über das Thema Empathie nachdenken.


  1. Siehe www.andreas-edler.de: Flächen für neue Radinfrastruktur, 18.8.2020 [return]
  2. Ich schätze mal, dass die Fläche des Fahrradparkplatzes etwa so groß ist, dass dort zwei Kleinwagen parken könnten. Sie müssten dann aber schon sehr dicht auffahren. [return]