Wir sind titel- und hierachiegläubig

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 2 Minuten

Eine sehr baufällig wirkende Hauswand eines Fachwerkgebäudes

»Herr Doktor, ich habe oft starke Kopfschmerzen.« »Okay, dann verschreibe ich ihnen Kopfschmerztabletten. – Der nächste bitte!« »Guten Tag Herr Doktor, ich habe sehr häufig heftige Bauchschmerzen.« »Kein Problem, dann verschreibe ich Ihnen Magentabletten.«

Merkwürdig, nicht wahr? Ohne eine Anamnese verschreibt der Arzt Medikamente. Er versucht gar nicht, mit Hilfe der Beobachtungen seiner Patienten die Krankheitsursachen herauszufinden. Wohl niemand würde so einem Arzt vertrauen.

In den zurückliegenden Wochen erzählten mir unabhängig voneinander gleich drei Handwerksmeister aus unterschiedlichen Branchen von solchen Erlebnissen. Wobei es nicht um Krankheiten ging, sondern um Baumaßnahmen.

Beispiel: Ein großes, öffentliches Bauwerk soll umfangreich saniert und auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Alles was Rang und Namen hatte, sei bei den Planungsgesprächen dabei gewesen – Vertreter der Eigentümer, Ingenieure, Fach-Ingenieure, Politiker und so weiter. Was den Handwerksmeistern jedoch auffiel ist, dass diejenigen die die betreffenden Gebäude in und auswendig kennen, die täglich mit den Stärken und Schwächen der Objekte leben und deren „Krankheiten behandeln“ müssen, nicht mit am Tisch saßen; beispielsweise die Hausmeister, die Techniker, die IT-ler. »Warum sitzt du nicht mit in der Runde?« »Mich hat niemand angesprochen.« »Aber du kennst doch jede Elektroleitung, jede Wasserleitung, jeden Schalter mit Vornamen.« »Schon, aber ich arbeite hier ‚nur‘. Und ich bin kein Ingenieur.«

Ich habe selbst derartige Geschichten schon mehrmals beobachtet. Und ich frage mich jedes Mal: Warum fragt Ihr nicht Eure Mitarbeiter:innen? Warum ruft Ihr das vorhandene Know-how nicht ab? Wenn Ihr Bauchschmerzen habt, dann fragt Ihr Euch doch als Allererstes selbst: Wann und wo treten die Schmerzen auf? Was habe ich gegessen? Oder auch: Worüber habe ich mich geärgert? – Also: Warum macht Ihr bei solchen Bauprojekten nicht als Erstes mal eine Inhouse-Anamnese?

Wohlgemerkt, dieses Phänomen tritt in allen möglichen Bereichen auf. Das Beispiel aus dem Bausektor habe ich gewählt, weil mir jüngst die Handwerker davon erzählten.

»Leider, leider ist das hierzulande normal«, war die Reaktion von allen, mit denen ich mich darüber unterhalten habe. Wir sind titel- und hierachiegläubig. Und Wissen ist nur dann welches, wenn wir es einkaufen können.1 Praktiker, Routiniers, erfahrene Mitarbeiter:innen zählen wenig bis nichts.


  1. Mein Standardsatz dazu lautet: Wissen ist nur dann welches, wenn es jemand mit Anzug und Krawatte vorträgt der nach Eau de Parfum duftet, dir eine titellastige Visitenkarte in die Hand drückt und mit einem Oberklassewagen vorgefahren ist. Oder: Wenn du keinen Titel trägst, wenn du keinen „unter dir“ hast, ist dein Wissen nicht gefragt. [return]