Wir brauchen mehr Vorbilder, keine Fotomotive (Update: 10.2.2019)

Okay, der Titel lenkt etwas vom Thema ab. Hier geht es um Autos und Verkehrspolitik; also um den Klimaschutz. Ich beginne mit ein paar Aphorismen und schreibe mich dann in Rage.
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»Eine solche Aussage so zu plakatieren, finde ich nicht geschickt. Denn der Weg von: ‚Es beginnt mit Dir.‘ 1 zu: ‚Du bist schuld!‘, ist sehr kurz«, erklärte mir kürzlich jemand. »Das finde ich in Ordnung«, kommentierte das eine Freundin: »Denn wir wollen ja an das schlechte Gewissen appellieren.« Woraufhin ich sie fragte: »Hast du schon deinen nächsten Urlaubsflug gebucht?«

Gestern habe ich wieder ein paar Seiten in Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ gelesen:

Oft tut auch der Untrecht, der nichts tut; wer das Unrecht nicht verbietet, wenn er kann, befielt es.

Marc Aurel

Als ich das gelesen habe, dachte ich zunächst an: So ist Politik nun mal. In dem Artikel ärgere ich mich über Menschen, die durch ihre Position einen „heißen Draht“ zur Politik haben, aber kein Rückgrat besitzen, deren offensichtliche Fehler mit Nachdruck, notfalls auch öffentlich zu kritisieren. Aber Marc Aurels Aussage erinnerte mich auch an einen Mitmenschen, der derzeit viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zu Recht!

Doch zunächst zu einem weiteren Aphorismus, eigentlich ist es eher eine Metapher, auf das meine oben erwähnte Freundin neulich gestoßen ist.

Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.

Tenzin Gyatso, 14. Dalai Lama 2

Und an wen erinnern mich diese drei Aussagen? An Greta Thunberg. Diese junge Klimaaktivistin geht daher und erzählt den Mächtigen dieser Welt:

Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.

— Greta Thunberg, www.taz.de 3

Das nenne ich Aufrichtigkeit! Solchen Menschen zolle ich Respekt! Und auch allen Schülerinnen und Schülern dieser Welt, die ihrem Beispiel folgen und für den Klimaschutz eintreten: #FridaysForFuture! 4

»[…] es ist ein gutes Zeichen, dass sie über mich schreiben und mich hassen. Denn das zeigt, dass sie mich als Bedrohung ansehen.«, erklärt Greta Thunberg in einem Interview mit dem Spiegel. 5

Ich kann es nicht verstehen, wenn Leute einerseits sagen, dass Klimawandel eine existenzielle Bedrohung ist - und dann andererseits einfach so weiterleben wie immer: fliegen, Fleisch essen, Autofahren.

— Greta Thunberg, www.spiegel.de 5

Ich kann nicht verstehen, wenn Politiker behaupten sich für den Klimaschutz engagieren zu wollen, und dafür dann aus allen Ecken des Landes mit dem Auto zum Pressetermin fahren, um sich dort gemeinsam vor die Kamera zu stellen. Wir brauchen mehr Vorbilder, keine Fotomotive!

Ich kann nicht verstehen, dass der Bundesverkehrsminister Tempolimits mit dem „Argument“ ablehnt, sie seien „gegen jeden Menschenverstand“. 6

Ich kann nicht verstehen, dass das ein Bundesverkehrsminister gesagt hat:

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat die Kommunen dazu aufgerufen, sich gegen gerichtlich angeordnete Fahrverbote zu wehren. Er hoffe, dass die meisten der verhängten Fahrverbote gar nicht in Kraft träten und die übrigen bald wieder aufgehoben würden, sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Gerichtsurteile beruhten auf Luftreinhalteplänen vergangener Jahre. “Ich rate den Kommunen und Ländern, sich mit allen juristischen Mitteln zur Wehr zu setzen.”

— www.tagesschau.de: Diesel-Fahrverbote Scheuer rät Kommunen zu Widerstand, 3.2.2019

Mario Sixtus hat völlig recht wenn er dazu twittert: „Liebe Leute, lasst uns dieses Jahr keine Steuern zahlen! Die Steuerforderungen beruhen doch alle auf Berechnungen vergangener Jahre!“ 7

Ich kann auch nach wie vor nicht verstehen, warum sich viele Menschen so intensiv mit dem Thema E-Autos beschäftigen. »Aber Elektroautos sind immerhin ein Anfang!«, versuchte mich unlängst jemand zu überzeugen. – Nein! 8

Erst wenn Ihr mit Euren Autos doppelt so lange im Stau steht als kurze Zeit zuvor, erst wenn Ihr regelmäßig in Staus steht, wo es bislang keinen gab, erst wenn Ihr keinen Parkplatz mehr findet, der weniger als drei Kilometer von Eurem Zielort entfernt ist – werdet Ihr merken, dass E-Autos keine Lösung sind um den Verkehrskollaps zu vermeiden.

Damit tragt Ihr dazu bei, dass wir uns möglicherweise zu spät auf das eigentliche Problem konzentrieren: die vollständige Neuausrichtung der Verkehrspolitik.

Verkehr ist die räumliche Bewegung von Objekten in einem System.

— de.wikipedia.org: Verkehr

Und wer mit einer Diskussion um E-Autos davon ablenkt, will nicht nur Sand in die Augen streuen, er verzögert damit auch einen effektiveren Klimaschutz!

Wisst Ihr woran mich das alles erinnert? An die Digitalisierung.

Update 10.2.2019:

„Armin Laschet findet, es wäre ein stärkeres Signal, wenn die Schüler, die für das Klima die Schule schwänzen, ihren Protest in die Freizeit verlegen würden.“9 Öhm. Ja? – Nö. Das sehe ich wie Björn Vahle: Laschets Kritik am Klimastreik beweist, dass die Schüler richtig liegen.

Und jetzt noch eine weitere, passende Antwort für Herrn Laschet:

»Wenn das Klima eine Bank wäre, ihr hättet es schon längst gerettet.« Transparent gestern bei #fridaysforfuture in Berlin.

— Mareice Kaiser, twitter.com/Mareicares, 9.2.2019


  1. Siehe auch: Es beginnt mit dir. [return]
  2. Siehe auch: Die Mücke. [return]
  3. Siehe www.taz.de: Klimaaktivistin bei Weltwirtschaftsforum „Ich will, dass ihr in Panik geratet“, 25.1.2019. [return]
  4. Hier ein Tweet von twitter.com/fridayforfuture/ vom 2.2.2019: „Alte Menschen haben ohne uns über unsere Zukunft entschieden. Deswegen ist der #Kohleausstieg 2038 #keinKonsens. Der Beschluss überschreitet eine rote Linie. So kann das 1,5 Grad Ziel nicht erreicht werden. Eine Generation zerstört unsere Zukunft, in der Sie nicht leben muss“ [return]
  5. Siehe www.spiegel.de: Interview mit Greta Thunberg “Es ist ein gutes Zeichen, dass sie mich hassen”, 2.2.2019. [return]
  6. Im Spiegel gibt es dazu eine schöne Kolumne: „Der “Menschenverstand” ist ein Schwachkopf“, 27.1.2019.
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  7. Siehe dazu auch www.heise.de: Kommentar: Grenzwerte? Einfach wegdefinieren! Von der Autolobby, Manipulatoren und Obskurantismus, 2.2.2019 [return]
  8. Siehe auch: Verkehrspolitik und der Sand in den Augen II. Verstopfte Straßen sind verstopft. Egal mit welchen Autos. – Wir müssen über Verkehrspolitik im großen Stil reden. [return]
  9. Siehe www.nw.de: Laschets Kritik am Klimastreik beweist, dass die Schüler richtig liegen, 6.2.2019 [return]