Wir alle dienen einander

Wir verknüpfen Menschen gern mit ihren Berufen und ihrer Stellung – und „wertschätzen“ sie entsprechend. Was macht das mit unserer Gesellschaft? Was macht das mit den Betrieben?
  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 5 Minuten

Äpfel an einem Baum

»Was möchtest du denn machen, wenn du den Schulabschluss hast?« »Ich möchte studieren.« »Hast du mal über einen Handwerksberuf nachgedacht?« Er lacht. Es klingt ein bisschen verächtlich. »Nein! Ich will nicht die Klos anderer Leute reparieren.«

»Er kommt in diesem Jahr zur Schule«, das symphatische Lächeln des Vaters erstrahlte noch heller als er hinzufügte: »Er möchte mal so werden wie Bill Gates. Ein Computergenie, der ein großes Unternehmen gründet.« Er lacht: »Den Sitz des Unternehmens verlegen wir dann auf die Bahamas.« »Wenn ich mein Berufsleben noch mal neu beginnen könnte, würde ich einen Handwerksberuf wählen, Sanitäts- und Heizungsinstallateur zum Beispiel, oder ich würde Altenpfleger werden. Toiletten wird es immer geben. Und niemand wird jung.« Irritiert schaute er mich an. Ich konnte es mir nicht verkneifen: »Übrigens, auf die Bahamas würde ich nicht ziehen. Wenn wir so weiter machen, werden die Inseln bald nicht mehr bewohnbar sein.«

Beide Gespräche habe ich bereits vor einer ganzen Weile geführt. Für mich sind sie Beispiele dafür, wie unterschiedlich wir Berufe bewerten – wertschätzen.

Warum haben IT-ler ein besseres „Ansehen“ als Pflegekräfte? Könnte es daran liegen, dass die einen in der Regel besser bezahlt werden als die anderen? Oder ist die unterschiedliche Bezahlung schon die Folge dieser fehlenden Anerkennung? Aber was ist dann der Grund für die mangelnde Wertschätzung von Pflegeberufen?

Okay, das alles ist nicht neu. Darüber diskutiert sogar die große Politik schon eine Weile – mehr oder weniger intensiv und folgenreich. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass ein tatsächliches Umdenken stattfindet. Pflegeberufe werden nach wie vor weniger wertgeschätzt – obwohl wir alle sie dringend benötigen.

Warum ist das so? Was hat das für Folgen für die Gesellschaft? Wie fühlen sich Menschen die spüren, dass ihnen nicht die Wertschätzung entgegengebracht wird, die sie verdienen? Wie fühlen sich Menschen, wenn ihnen andere durch Worte und Taten zu verstehen geben, dass sie nicht dazugehören?

Warum sollte ich Altenpfleger werden, wenn ich für diesen schweren Job so wenig Geld bekomme und mich viele Menschen auch noch von oben herab behandeln: »Ach, du bist Altenpfleger? So, so. Stelle ich mir schwer vor. [Anschließend sofort das Thema wechselnd.]«, oder: »Sanitäts- und Heizungsinstallateur? Pfff, die Klos anderer Leute reparieren? Niemals!«.

Wer sich von den Entscheidungsträgern also Fragen stellt wie: »Warum haben wir einen Fachkräftemangel? Warum interessieren sich so wenig Menschen für diese Berufe?«, der sollte sich über solche Dinge mal Gedanken machen – zum Beispiel wenn er auf der Kloschüssel sitzt und sich dabei vorstellt: Was würde ich denken und tun, wenn diese Toilette und alle anderen im Umkreis von drei Kilometern jetzt verstopft wären?

Wir sind titel- und hierachiegläubig, schrub ich unlängst. Auch in dem Beitrag geht es um Wertschätzung – aber um die fehlende Wertschätzung, um das fehlende Ansehen, die fehlende Anerkennung der Mitarbeiter:innen innerhalb eines Betriebes.

Wissen ist nur dann welches, wenn wir es einkaufen können. Praktiker, Routiniers, erfahrene Mitarbeiter:innen zählen wenig bis nichts.

Und wieder die Fragen: Wie fühlen sich Menschen die spüren, dass ihnen nicht die Wertschätzung entgegengebracht wird, die sie verdienen? Wie fühlen sich Menschen, wenn ihnen andere durch Worte und Taten zu verstehen geben, dass sie nicht dazugehören?

»Warum sollte ich mich in meiner Firma einbringen, wenn mir sowieso niemand zuhören will? Wenn mein Wissen, mein Know-how, meine Erfahrung nicht gefragt ist? Dann mache ich doch einfach Dienst nach Vorschrift. Engagement bringt hier doch eh nichts. Im Gegenteil, möglicherweise bekomme ich noch einen auf den Deckel: ›Du hast dich hier nicht einzumischen!‹«

Was macht das mit einem Betrieb, wenn die Mitarbeiter:innen keine Freude an ihrer Arbeit haben?1 Ich habe den Eindruck, viele Chefs und ihre Sparfüchse haben die Zahlen ihres Betriebes in Blick, aber nicht die, die sie erwirtschaften.2 Deren Potential nicht zu pflegen, zu fördern und abzurufen ist, als würden die Chefs regelmäßig zum Tanken fahren, weil sie vergessen haben, dass sie eine eigene Tankstelle haben.

Chefs die sich Gedanken über die Effizienz, die Effektivität, das Ansehen, das Image ihres Betriebes machen, sollten sich daher auch fragen: Habe ich alles dafür getan, dass meine Mitarbeiter:innen Freude an ihrer Arbeit haben?1

Es liegt schon ein paar Jahre zurück, da unterhielt ich mich mit einer Frau über den Chef eines größeren Betriebes, den wir beide näher kennen. »Was der geleistet hat, das ist schon klasse. Er ist richtig, richtig gut«, schwärmte sie. »Ja, er hat gute Ideen und er ist integer«, ergänzte ich, »doch auch wenn ich keinen Einblick in das ‚Innenleben‘ des Betriebes habe – ohne seine Mitarbeiter:innen hätte er das sicher nicht geschafft.« Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen empfand sie meine Ausführungen als relativierend. Sie hätte ihn gern weiter auf den von ihr „gemalten“ Thron gesehen.

[…] dass ich bei der Arbeit diene heißt, dass ich Verantwortung für das Ganze übernehme, dass ich weiß, dass es bei der Arbeit um die Notwendigkeiten der Welt und des Zusammenlebens der Menschen in ihrer ganzen Pluralität geht […]

Dienen heißt, dass es keine Berufe ohne solche Verantwortung gibt, dass jede und jeder also in gewisser Weise »Leitungsfunktionen« übernehmen muss, und dass jeder Chef und jede Chefin, sei ihre Position auch noch so hoch und führend, sich diesen Notwendigkeiten und dem Ganzen dienend unterordnen muss, damit die Arbeit gut gelingt.

— Antje Schrupp3

Wir verknüpfen Menschen gern mit ihren Berufen und ihrer Stellung – und „wertschätzen“ sie entsprechend. Doch kein Mensch ist mehr wert als ein anderer – egal welchen Beruf er ausübt, egal welche Position er in einem Betrieb hat.

Wir alle dienen einander. Daran sollten wir immer denken – und entsprechend handeln.


  1. Siehe: „Warum Freude an der Arbeit so wichtig ist“ im Artikel: Das Morgen ist weiblich. [return]
  2. Weil das in einem solchen Kontext häufig gedacht, gesagt und geschrieben wird: Mitarbeiter:innen eines Betriebes werden häufig mit Zahnrädern verglichen: „Wenn die Zahnräder eines Betriebes nicht richtig ineinandergreifen, ist das schlecht.“ Ich gestehe, das habe ich auch schon gemacht. Mitarbeiter:innen sind aber keine Zahnräder, sie funktionieren nicht „statisch“ – einmal angelernt und eingesetzt, immer gleich. [return]
  3. Siehe www.wuerde-und-demokratie.eu: Diene mit Barmherzigkeit und tue es mit Lust, 23.8.2019 [return]