Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool (Update: 24.2.2019)

Ist das nicht eine super Überschrift? Spoiler: Sie ist nicht von mir, ich habe sie Dirk von Gehlen „geklaut“. Die Überschrift ist eine Metapher, mit der Dirk von Gehlen die Problematik eines ganz wichtigen Themas zu illustrieren versucht. Und ich bin der Meinung, diese Metapher veranschaulicht sogar ein grundsätzliches Übel.
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Worum geht es? Es geht um das Internet. Ich weiß, einige Leser-/innen von soheit.de überspringen gern Texte, in denen ich darüber schreibe. Aber vielleicht nehmt Ihr Euch doch mal die Zeit, diesen Text, die verlinkten Artikel und die von dort verlinkten Beiträge zu lesen. Denn das Internet ist keine Selbstverständlichkeit.

Welche Vorteile das Netz uns bietet, versuche ich in dem Artikel Unterwegs auf der Internetstraße mit einer kleinen Serie zusammenzufassen. Gerne hätte ich heute daran weitergeschrieben. Aber dem Netz droht mal wieder Ungemach …

Gestern Abend haben sich EU-Staaten, Kommission und Parlament auf die Einführung von verpflichtenden Uploadfiltern geeinigt. Die Reform schreibt vielen Internetseiten und Apps vor, von Nutzerinnen und Nutzern hochgeladene Inhalte auf Urheberrechtsverletzungen zu prüfen. Praktisch allen Plattformen, die Nutzerinhalte hosten, droht damit die Pflicht, Uploadfilter einbauen zu müssen.

— netzpolitik.org: Uploadfilter: Jetzt hilft nur noch Protest auf der Straße, 14.2.2019

Die Problematik ist vielfäligt. Zum Beispiel ist da dieser Aspket:

Maschinen haben keine Ahnung von Mashups und Mems, können Parodien und Remixe nicht erkennen und sind mit dem Zitatrecht überfordert, das die legale Nutzung von urheberrechtlich geschützten Inhalten ermöglicht. Ein Teil der Netzkultur wäre in Gefahr.

— www.sueddeutsche.de: Dieser Kompromiss gefährdet das freie Netz, 13.2.2019

Julia Reda, Mitglied des Europäischen Parlaments, berichtet regelmäßig auf ihrer Website über die EU-Urheberrechtsreform. In ihrem jüngsten Artikel erklärt sie noch mal, was uns mit Artikel 13 und der EU-Urheberrechtsreform bevorsteht.

Das Internet hat viele Dinge verändert – zum Beispiel alte Machtstrukturen durchkreuzt. Früher kamen die Politiker kurz vor einer Wahl mit Flyern rüber oder klingelten gar an der Haustür. Heute, mit dem Internet, wird ihnen dauernd auf die Finger geschaut. Fernsehen, Radio, Zeitungen sind die die vierte Gewalt, diejenigen, die durch Berichterstattung das politische Geschehen beeinflussen können. Diejenigen, die informieren. Und heute?

Demokratie bedeutet, dass die Macht vom Volk ausgeht. Das Internet hat also dazu beigetragen, dem Volk mehr Möglichkeit zu geben, Macht auszuüben.

Dennoch können einige damit nicht leben – seien es Politiker, Zeitungsverleger oder, oder. Sie möchten von ihrer Macht nichts abgeben. Mit allen möglichen Mitteln versuchen sie das Internet mit seinen Möglichkeiten einzuschränken. Das sagen sie natürlich nicht so. Sie sagen zum Beispiel: »Die klauen einfach die Inhalte. Das geht doch nicht!« Wenn mir jemand meine Uhr klaut, dann habe ich die Uhr nicht mehr. Wenn mir aber jemand von meiner Website ein Foto „klaut“, dann ist es nicht weg. Er hat das Foto „nur“ kopiert. „Wir brauchen Lösungen mit und nicht gegen die Kopie“, schreibt Dirk von Gehlen daher in dem Artikel, auf den ich gleich zu sprechen komme.

Das heißt: Ja, wir müssen Regeln finden die den Urhebern gerecht werden, ohne dabei die Möglichkeiten des Internets massiv einzuschränken. Dazu muss man aber das Internet kennen.

Einschub: Häufig beobachte ich in meinem Umfeld Leute die sich über den „Diebstahl“ im Internet echauffieren: »Zeitungen müssen doch auch Geld verdienen!« Interessanterweise sind dass oft die, die nicht bereit sind, 3,50 Euro für eine App auszugeben. Oder sogar diejenigen, die sich lustig an meinen Fotos im Netz bedienen. Ich frage mich: Wie geht das? Sie denken in alten Strukturen, praktizieren aber eine vermeintliche Kostenlosmentalität des Internets.

Doch zurück zum Thema. Ich war bei dem Satz: Dazu muss man aber das Internet kennen. „Wer [jedoch] nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool.“ Wer nicht im Meer taucht, wer nicht im Meer schwimmt, wer nur am Ufer steht – der kennt das Meer nicht.

Die Frage, ob Wasser im Pool ist, spielt dabei nur für diejenigen eine Rolle, die auch reinspringen. Für sie ist es jedoch die zentrale Frage. Im Urheberrechtsstreit ist das Wasser das freie Internet. Der Pool verliert seinen Reiz, wenn er kein Wasser mehr hat. Wie soll man dann schwimmen? Menschen von der Randsitzer*innen-Fraktion verstehen diese Frage nicht, denn Wasser kennen sie kaum aus eigenem Erleben. Sie schwimmen nicht und sehen höchstens Mal die Wasserspritzer wenn einer der Schwimmer Arschbombe macht. Das ist dann vielleicht lustig, aber eine Ausnahme. Denn die Randsitzer*innen gehen nicht ins Wasser und verstehen deshalb auch nicht, warum die Schwimmer so einen Aufstand um das Wasser machen. Der Pool ist doch auch ohne Wasser schön – denken sie und wischen alle berechtigten Bedenken weg, die mit Uploadfiltern verbunden sind. Denn wer eh nichts hochlädt, kann sich vermutlich auch keine Probleme mit Uploadfiltern vorstellen.

— www.dirkvongehlen.de: Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool – vom Ende des freien Internet, 14.2.2019

Wer nur am Rand hockt, wer nur am Ufer steht – der kennt das Internet nicht. Und der sollte auch nicht darüber entscheiden.

Demokratie bedeutet, dass die Macht vom Volk ausgeht. Das Internet hat also dazu beigetragen, dem Volk mehr Möglichkeit zu geben, Macht auszuüben. – Das Internet gibt mir, einem ganz normalen Bürger, die Möglichkeit, zu informieren. Vielleicht auch Dich, wenn Du in Deiner Lokalzeitung von den Themen noch nichts gelesen hast.

Eine Grafik in einem Tweet von Martin Sonneborn, ebenfalls Mitglied des Europäischen Parlaments, zeigt, wofür die einzelnen Abgeordneten beim Thema „Uploadfilter“ gestimmt haben.

Am 26. Mai 2019 findet bei uns die Europawahl statt …

Update 24.2.2019:

Zu dem Thema wurde in den zurückliegenden Wochen sehr viel geschrieben. Hier eine kleine Auslese aus der vergangenen Woche:

Einen etwas älteren Artikel, 11 Tage alt, möchte ich Euch nicht vorenthalten:

AnneMarie Bridy fasst das Gedankenkonstrukt perfekt zusammen: Was Voss und die Konzerne fordern, ergibt gesellschaftlich nur Sinn, wenn man nur an die Bedürfnisse der großen Medienkonzerne denkt.
[…] Es geht um die großen Konzerne von Bertelsmann bis Axel Springer und alles basiert darauf, wie für diese Konzerne bessere Ramenbedingungen geschaffen werden können.

neunetz.com: Uploadfilter: Artikel 13 ist ein Konzerngesetz für eine Konzernwelt, 13.2.2019.