Was soll danach passieren?

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Eine Steinstatue, sie zeigt eine Urne

Diese Tatsache wird wohl niemand unter Fake-News abtun: Er wird kommen – der Tag an dem wir sterben. Doch wer mag sich schon gern mit seinen bevorstehenden Tod auseinandersetzen? Ich bin jedoch der Meinung, auch darüber sollten wir uns rechtzeitig Gedanken machen. Am besten zusammen mit den Angehörigen.

Eine wichtige Frage ist: Was soll danach passieren? Habt Ihr schon geregelt, wo und wie Ihr beigesetzt werden wollt?

Ende der 1980er Jahre war ich mal in einem Friedhofsamt tätig. In der Zeit habe ich auch an der Neufassung einer Friedhofssatzung mitgewirkt. Ein sehr kontrovers diskutiertes Thema kurz vor dieser, meiner Zeit dort war die Größe der Grabstellen. Um Friedhofsfläche zu sparen waren neue Grabfelder mit Grabstellen angelegt worden, die nur halb so groß wie ein klassisches Grab waren. Die obere Hälfte des Grabes konnte mit einem Grabstein versehen und mit Pflanzen bestückt werden. Die untere Hälfte wurde mit Rasen eingesäht und diente als Gehweg. Für viele verstießen die „halben“ Grabstellen gegen ihre Vorstellung von Pietät. »Jetzt muss ich immer über den Bauch und die Beine meiner Frau gehen!«

Jahre später waren die meisten froh, wenn sie ihre verstorbenen Angehörige auf solchen „halben“ Grabstellen bestatten lassen konnten. Denn sie mussten viel weniger Grabfläche pflegen. Von denjenigen die „ganze“ Grabstellen zu pflegen hatten, gingen im Laufe der Jahre viele dazu über, die zu bepflanzende Fläche des Grabes mit Steinmaterial, also Platten, Kies und dergleichen zu verkleinern. Solche „Versteinerungen“ sind nicht nur en vogue. Ich glaube, das Hauptmotiv der meisten Angehörigen ist, dass sie sich dadurch Pflege der Gräber erleichtern möchten. – Welche Folgen diese „Versteinerungen“ von Grabstellen, Vorgärten und so weiter haben, habe ich hier ja schon in mehreren Artikeln beschrieben. Ein Beispiel: Besteint, Teil 2.

Zu der Zeit, also Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre kam auch hier auf dem Land immer häufiger der Wunsch nach Feuerbestattungen auf. Die meisten aber standen einer Urnenbeisetzung sehr kritisch gegenüber. »Ich will nicht verbrannt werden!« Eine Statistik habe ich zwar nicht zur Hand, aber wenn ich mir die Friedhöfe hier so anschaue erkenne ich, es gibt mittlerweile sehr viel mehr und größere Grabfelder mit Urnengräbern.

Vor ein paar Monaten, ich war gerade dabei die Pflanzen auf dem Grab meines Vaters zu beschneiden, sprach mich eine Bekannte an. »Volker, du machst das immer so schön. Bestimmt werden deine Angehörigen das bei deinem Grab auch so machen.« Ich lachte: »Wer sollte das denn machen?« »Na, deine Nichten und Neffen.« »Ich glaube nicht, dass die dazu Lust haben.« »Warum nicht?« Ich schilderte ihr meine Beobachtungen. Immer weniger Menschen haben Interesse daran, 30 Jahre lang mehrmals im Jahr zum Friedhof zu laufen und die Gräber ihrer Angehörigen zu pflegen. Das war früher vielleicht mal so. Und ich mache das nur, weil ich von dem „Früher“ noch etwas im Blut habe.

Halten wir fest: Auch die Bestattungskultur und die Bestattungsformen unterliegen einem ständigen Wandel. Bevor ich meinen nächsten Gedanken verschriftliche, hier noch eine Geschichte aus der Zeit meiner Tätigkeit im Friedhofsamt.

Es war ein Gespräch mit Angehörigen. Sie beschwerten sich vehement, dass von einem Baum in der Nähe des von ihnen zu pflegenden Grabes sehr viel Laub auf das Grab fallen würde. Vermutlich war das alles andere als diplomatisch und klug, gleichwohl fragte ich: »Darf ich fragen wie alt Ihr Mann geworden ist?« »70 Jahre.« »Was glauben Sie wie alt der Baum ist?« Irritiert schaute mich die Witwe an. Zunächst sah sie verärgert aus. Aber dann beruhigte sie sich offensichtlich. »Älter. Ich schätze, er ist älter.« »Wie lange wird der Baum noch leben können? Länger als 30 Jahre?«1 Wir unterhielten uns noch eine Weile. Von der Witwe und den anderen Angehörigen hörte ich nie wieder etwas. Der Baum steht noch.

Laub ist Natur. Laub ist Dünger. Wie wichtig Laub ist, habe ich neulich mal versucht aufzuzeigen: Der Wald wird gefegt. – Ich habe diese Geschichte erzählt, weil sie eine passende Überleitung bietet. Es geht um eine „neue“2 Bestattungsform.

Erster Bundesstaat erlaubt Kompostieren von Leichnamen, titelte www.faz.net am 22.5.2019: „Es ist umweltfreundlicher und kostengünstiger: Im Bundesstaat Washington können Leichen bald auch kompostiert werden. Das Gesetz fand eine große Mehrheit.“

Sobald die Kompostierung einsetzt, werden die menschlichen Überreste binnen weniger Wochen mithilfe von Mikroben abgebaut. Übrig bleibt pro Leichnam etwa ein Kubikmeter Erde. Angehörige können den Boden mitnehmen oder in einem Naturpark verstreuen lassen.

www.faz.net, 22.5.2019

Ohne genauere Informationen über diese Art der Bestattung zu haben, für mich klingt das sehr interessant. »Ja, dann kannst der Natur zurückgeben, was du ihr im Laufe des Lebens genommen hast«, kommentierte das kürzlich jemand. Da ist was dran. Aber was ich der Natur genommen habe, was ich ihr auch nach meinem Tod koste, ist damit nicht aufgewogen. Dabei muss ich nur an den Plastikmüll denken, für den ich verantwortlich bin. Wie lange dauert es, bis eine Plastiktüte verrottet ist?

Und ich frage mich: Wie „umweltverträglich“ ist mein Körper überhaupt? Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich keine Medikamente einnehmen muss. Was aber wäre, wenn ich regelmäßig schwere Medikamente benötigen würde, weil ich an einer üblen Krankheit leide. Wie toxisch ist mein Körper dann? – Die Frage die als Überschrift vor diesem Gedanken steht ist: Welche Bestattungsform ist die umweltverträglichste?

Die meisten in meinem Umfeld runzelten die Stirn, als ich darüber mit ihnen sprach. Diese für uns neue Bestattungsform ging ihnen offensichtlich zu weit. Noch. Ich bin mir ziemlich sicher, auch daran werden sich die Noch-Skeptiker im Laufe der Zeit gewöhnen. Viele von Ihnen werden sich später vermutlich auch mit dem Gedanken anfreunden und beschließen: »Warum nicht?« – So wie damals mit der Feuerbestattung.

Ich finde es wichtig das wir uns auch über solche Dinge Gedanken machen: Was soll danach passieren? Und was ist umweltverträglicher?

Ich möchte weder der Natur noch Mitmenschen nach meinem Tod zur Last fallen. Klar, es geht dabei auch um ein Stück Erinnerungskultur. Jedoch: Wer sich erinnern will, wird das tun. Aber ich möchte niemanden zum Erinnern nötigen.


  1. 30 Jahre war die Ruhefrist der Grabstelle. [return]
  2. Leichen gezielt zu kompostieren ist kein neues Thema. Siehe zum Beispiel: Amerikaner wollen Leichen kompostieren, www.welt.de, 19.5.2015. [return]