Stolpertexte im Internet

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Bildbeschreibung

Wenn sich nahe unserer Wanderstrecken Friedhöfe befinden, nehmen wir uns oft die Zeit sie zu besuchen. Dafür gibt es viele Gründe. Die Gestaltung der Friedhöfe und Gräber, besonders die der Grabsteine finde ich interessant. Fragen wie: Wie lange trauern Menschen? Kann ich das an den Gräbern ablesen? Was sagen die Grabsteine über die Verstorbenen und/oder deren Angehörigen aus? Lässt sich an den Friedhöfen ablesen, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen – wie wir mit unserer Geschichte umgehen?

Vor ein paar Tagen entdeckte ich auf einem Friedhof einen Stein worauf eine Metallplatte befestigt ist. Der Stein ist rund 40 x 40 Zentimeter groß und sehr leicht zu übersehen. Er liegt halt ganz am Rand des Friedhofgeländes und ist schon sehr verwittert. Es ist eigentlich auch kein Grabstein. Es ist ein Gedenkstein, der erinnern soll. Auf der Metallplatte ist sinngemäß zu lesen: Auch in unserem Stadtteil hat es Zwangsarbeiter:innen gegeben. Unter der Einleitung sind Namen und Todesursachen aufgeführt.

Mitten auf dem Gelände des Friedhofs befinden sich auch kleine gepflegte Felder mit Kriegsgräbern. Dort wurden für jeden in den Weltkriegen „gefallenen“ Soldaten zirka 50 Zentimeter hohe Grabsteine in Kreuzform aufgestellt.

Schon komisch, dieser Unterschied bei der Erinnerungskultur, dachte ich. Da hinten am Rand, fast in die Ecke gedrängt, der kleine Gedenkstein für die Zwangsarbeiter:innen, und hier die Gedenksteine für die Soldaten. Ich finde es aber gut, dass die Kriegsgräber in dem Friedhof integriert wurden. Und ich finde es schön, dass sie nicht so protzig wirken, wie manche anderen Ehrenmale.

Dann ärgere ich mich. Denn die Gedanken an Kriegsgräber und Ehrenmale rufen bei mir Sätze in Erinnerung, die ich schon häufiger in dem Zusammenhang gelesen und gehört habe: „Sie starben für uns.“ Nein! Die Soldaten sind nicht für mich gestorben. Sie sind in den Krieg „gezogen“ weil sie es wollten. Ja, viele auch, weil sie nicht anders konnten.

Als Überfall auf Polen (genannt auch Polenfeldzug) wird der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschen Reichs gegen die Zweite Polnische Republik bezeichnet, mit dem Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg in Europa entfesselte. Die deutschen Streitkräfte griffen am 1. September 1939, unterstützt von slowakischen Truppen, unprovoziert an, unmittelbar nach dem angeblichen und zur Rechtfertigung angeführten Überfall auf den Sender Gleiwitz.1

de.wikipedia.org: Überfall auf Polen

Vor 80 Jahren haben wir Deutsche den Zweiten Weltkrieg unprovoziert entfesselt. Da gab es nichts zu verteidigen. Da gibt es auch nichts zu verherrlichen. Aber wir müssen uns daran erinnern. Immer. Denn aus Fehlern lernen wir. Vergessen wir die Fehler, vergessen wir das Gelernte.

Gedenksteine für die durch die Kriege verstorbenen Mitmenschen sind sehr schöne Möglichkeiten, die Gräuel und die Folgen der Kriege in Erinnerung zu halten. Nur sollte dabei kein Untersschied zwischen den Verstorbenen gemacht werden.

Warum gibt es so viele Kriegsgräber und pompöse Ehrenmale für die „gefallenen“ Soldaten, und so weinige und oftmals leicht zu übersehene Erinnerungsstätten für all die anderen Menschen die durch die Kriege verstorben sind: für die Menschen die in den Konzentrationslagern ermordet wurden, für die Zwangsarbeiter:innen, die sich zu Tode schuften mussten oder sich vor Verzweiflung das Leben nahmen, für die Kinder und Mütter die durch Bomben zerfetzt oder verschüttet wurden? – Warum?

Als ich mich niederkniete um den Text auf der kleinen Gedenktafel für die Zwangsarbeiter:innen lesen zu können fragte ich mich: Werde ich auf der Website der Stadt dazu Informationen finden?

„Wir dürfen nicht vergessen!“, ist an und um solchen Tagen wie den 1.9.2019 oft zu hören und zu lesen. Dann wäre es doch eine gute Sache, wenn jede Stadt auf ihrer Website an die Kriegsverbrechen erinnert:2 „Erinnerung an Kriegsverbrechen die in unserer Stadt ihren Anfang nahmen und an die, die in unserer Stadt begangen wurden.“3 Das wäre authentisch. Wir könnten diese Seiten in Anlehnung an die Stolpersteine, „Stolpertexte“ nennen.

Wie wichtig solche Stolpertexte sind, wird für mich beim Lesen von solchen Artikeln deutlich:

Die beste Demokratie, die wir je erlebten – unsere jetzige also –, wurde auf Lug und Trug und Meineid aufgebaut. Warum das klappte? Erst gehorchten die Deutschen der Nazidiktatur. Als Hitler und seine Verbrecherclique ausgemordet hatten, wurde uns von unseren Befreiern diese Staatsform befohlen. Wieder gehorchten wir. Doch nie von Herzen: Vergiftet waren die nachfolgenden Generationen von ihren Eltern und Großeltern, die Hitlers Diktatur mit aufgebaut und bis zum Ende unterstützt hatten.

Niklas Frank, Da spricht ja mein Vater!, www.spiegel.de, 6.9.20194


  1. Die Hervorhebungen sind von mir. [return]
  2. Einige Städte tun dies bereits mehr oder weniger ausführlich. [return]
  3. Je detaillierter, desto besser. Wie viele Kinder, Frauen und Männer waren das. Was haben sie vorher gemacht, wo haben sie gelebt und gearbeitet, warum wurden sie deportiert und was ist mit ihnen geschehen? [return]
  4. siehe www.spiegel.de: Sohn eines NS-Verbrechers über AfD-Rhetorik „Da spricht ja mein Vater!“ Mein Vater war Hitlers Generalgouverneur in Polen. Die Alliierten haben ihn in Nürnberg gehenkt. Oft betrachte ich sein Totenfoto. Zurzeit lacht er mich frech an. Von Niklas Frank, 6.9.2019 [return]