Stell dich auf einen Tisch!

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Eine alte Kirche auf einem Friedhof im Hintergrund grüne Hügel Die Kilianskirche in Lügde

Pflücke die Knospe, solange es geht,
Und die Blüten, wenn sie noch prangen.
Denn bald sind die Rosenblätter verweht.
Wie schnell kommt der Tod gegangen.

Robert Herrick

Kennt Ihr das Buch oder den Film Der Club der toten Dichter? Daraus habe ich das Gedicht von Robert Herrick entnommen. Falls das Gedicht Euch nicht anspricht und Ihr weder das Buch gelesen noch den Film gesehen habt, winkt nicht gleich ab. Ich möchte Euch den Film ans Herz legen …

Das Gedicht heißt übrigens: „Rat an eine Jungfrau, etwas aus ihrem Leben zu machen“. Den entsprechenden Sinnspruch dazu kennt Ihr: Carpe diem – nutze den Tag. Und das ist auch schon die zentrale Aussage des Films: „Pflücke den Tag, solange es geht“.

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer Bekannten „gestritten“. Sie war der Meinung, dass der Frontalunterricht in der Schule die bessere Unterrichtsform sei und untermauerte dies damit, dass sie aus einer Lehrerfamilie stammt.

Ich bin da anderer Meinung. Meine Schulzeit habe ich nicht in guter Erinnerung. Und der Grund dafür ist der klassische Frontalunterricht. Überspitzt gesagt: Er hat mir die Luft zum atmen genommen. Dabei lerne ich gerne. Mir fällt dazu gerade ein Bild ein: Frontalunterricht fühlt sich für mich so an, als würde man eine Biene dazu verpflichten in den nächsten drei Monaten nur eine ganz bestimmte Blüte anzufliegen. Und es gab nur sehr wenige Lehrer, die mir im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Raum gaben die Scheuklappen des Lehrplanes abzulegen und auf Entdeckungsflug zu gehen.

Und darum geht es auch in dem Film. Ein ehemaliger Schüler eines konservativen Internates ist der neue Lehrer in selbiger Akademie. Und nun kommt John Keating, so heißt dieser Lehrer, daher, und möchte seine Schüler zu selbstständig denkenden Menschen machen.

„Er ermuntert sie, jeden Tag ihres kurzen, vergänglichen Lebens im Sinne des Horazischen Mottos Carpe diem! zu nutzen. Die Schüler beginnen, ihren bislang strikten Gehorsam zu hinterfragen, was letzten Endes zum Konflikt mit der Schulleitung führt.“ Dieser Absatz aus der Wikipedia wird vermutlich Wasser auf den Mühlen der Frontalunterrichts-Fans sein. Ich glaube jedoch, der Konflikt entsteht nicht dadurch, dass Menschen sich und ihr Umfeld hinterfragen, sondern dadurch, dass andere Menschen (hier die Lehrer) sie in ein ganz bestimmtes Schema – ihr Schema – pressen wollen. In dem Film sind es die Leitideen des Internats: Tradition, Ehre, Disziplin, Leistung.

John Keating, in dem Film wunderbar gespielt von Robin Williams, lässt sich allerlei einfallen um seine Schüler zu inspirieren die Flügel auszubreiten und zu fliegen. Ich möchte hier nicht spoilern und beschränke mich daher auf ein Beispiel. Es geht um Sichtweisen. Die Perspektive zu wechseln, ist immer hilfreich etwas in Gänze zu erfassen und verstehen zu können. Denn je mehr Sichtweisen ich von einer Situation kenne, desto adäquater kann ich darauf reagieren.

Die Methode von John Keating den Perspektivwechsel seinen Schülern zu veranschaulichen ist denkbar einfach. Er steigt dazu auf den Lehrerschreibtisch. Es ist eine Situation – dennoch gibt es darauf mehrere Blickwinkel. Hier nur zwei davon: Die Schüler müssen noch höher zu ihrem Lehrer aufblicken – er dagegen kann noch tiefer auf sie hinabblicken. Anschließend bittet Keating seine Schüler es ihm gleich zu tun. Nacheinander steigen sie auf den Lehrertisch und „erleben“ diese bislang unbekannten Ansicht.

Natürlich ist diese Auf-dem-Tisch-stehen-Szene nur ein Bild. Aber für mich ist dieses Bild wie ein Knoten in meinem Taschentuch. Immer dann, wenn ich dem öden Alltagstrott anheim falle, wenn mich der Frust packt, wenn mich der Ärger zu übermannen oder die Traurigkeit zu fesseln droht, soll mich das Bild daran erinnern: Stell dich auf einen Tisch! Versuche die Perspektive zu wechseln! Suche weitere Blickwinkel! Betrachte die Situation von mehreren Seiten!

Vergessen will ich dabei aber nicht eine andere, wichtige Perspektive. Eine Sichtweise, die nicht von der Auf-dem-Tisch-stehen-Szene erfasst wird und die dennoch immer vorangehen sollte: Schau in den Spiegel! Reflektiere dich selbst!

Buch wie Film enthalten aber auch eine wichtige Botschaft für LehrerInnen, Vorgesetzte und PolitikerInnen:

Wenn SchülerInnen, MitarbeiterInnen oder WählerInnen Eure Handlungen und Entscheidungen hinterfragen, ist das grundsätzlich kein Vorwurf und erst recht nicht Blasphemie. Das ist die Bereitschaft die andere Perspektive erfassen und verstehen zu wollen. Das ist Ausdruck des Willens zu lernen. Meistens auch verbunden mit dem Wunsch, mitgestalten zu wollen.

Der Club der toten Dichter ist ein ausgezeichneter Film voller Botschaften und Methoden. Methoden von denen wir Lehren wie Lernen lernen können.

Update 21.7.2019:

Übrigens: „Nach dem Tod von Robin Williams am 11. August 2014 wurde die Titelzeile des Gedichtes [O Captain! My Captain!] gemeinsam mit der Auf-dem-Tisch-stehen-Szene aus dem Film zu einem weltweiten Symbol für den Respekt und Trauer um den beliebten Schauspieler.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Hier die besagte Szene bei youtube: O Captain, my Captain! | Thank you to Robin Williams.

PS: Ja, es stimmt. Vor 10 Jahren habe ich den Film schon einmal „beworben“.