Reibekuchentag

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Ein Statue aus Stein die einen Engel zeigt. Wie wird es weitergehen?

Es war so halb elf. Ich war gut gelaunt, denn ich hatte bereits mehr erledigen können, als ich mir vorgenommen hatte. Wie Mann das so macht, griff ich zum Smartphone: »Mal gucken, was Twitter an Neulichkeiten hat.«

Ich las diesen Tweet …

Heute sind mindestens 57 Menschen im Mittelmeer ertrunken. 38 Menschen wurden in Folterlager verschleppt.

— Claus-Peter Reisch, twitter.com/ClausReisch

Dann diesen …

Inzwischen bis zu 54,3°C in Teilen der betroffenen Region- enorm hohe Luftfeuchtigkeit macht die Situation umso gravierender. Das bedeutet akute Lebensgefahr, insbesondere f bereits geschwächte Menschen o jene, die mangelhaften Zugang zu Schutz u Wasser haben. #ClimateEmergency

„Teile Indiens und Pakistans werden von einer extremen und wahrscheinlich länger anhaltenden #Hitzewelle erfasst. In den heissesten Gebieten sind Tageshöchsttemperaturen um 50°C möglich. Auch in …“ von Michael Graf, twitter.com/michaelgraf81

twitter.com/souplemur

Das reichte mir. Beinahe geschockt ob dieser täglichen Wirklichkeit legte ich mein Smartphone beiseite und machte mich auf den Weg ins Seniorenheim. Auf der Demenzstation roch es herrlich nach frisch gebackenen Kartoffelpuffer.

»Sie kommen doch nur, weil wir hier heute Reibekuchen machen«, begrüßte mich lachend eine der Pflegerinnen die am Herd die ersten der Köstlichkeiten in der Pfanne wendete. Tatsächlich hatte sie mir von dem Plan einige Tage zuvor erzählt. Insofern war ihre Vermutung sogar naheliegend.

Mein Mom strahlte mich an. Zur Begrüßung streichelte ich ihr die Wangen und drückte meine Stirn an die ihre. »Wir machen noch eine kleine Spritztour«, verklärte ich und schob meine Mom im Rollstuhl hinaus. Wir cruisten durch die von der Vormittagsssonne aufgewärmten Seitengassen und genossen das Leben. »Gehts dir gut?«, fragte ich meine Mom. »Ja«, gab sie zurück. Die Frage stelle ich ihr oft. Und ihre Antwort ist meistens die gleiche. Auch dieses Mal schaute ich ihr dabei ins Gesicht. Und wieder sah ich, dass sie das auch so meinte. Ich fragte mich: Können an Demenz erkrankte Menschen noch lügen?

Bei unserer Rückkehr waren die Tische auf der Demenzstation bereits eingedeckt. Ich glaube, bei jedem der Anwesenden weckte schon der Geruch von Kartoffelpuffer Erinnerungen. Ich dachte an meinen Dad. Reibekuchen von meiner Mom gebacken waren seine Leibspeise. Irgendwie hat er das seinen Kindern vererbt. Und warum auch immer, es hatte Tradition: Karfreitag gab es bei uns Reibekuchen. Daher war bei uns Karfreitag immer volles Haus. – Mein Dad ist vor 21 Jahren verstorben und meine Mom hat seit Beginn ihrer Demenz vor über acht Jahren keine Pfannkuchen mehr gebacken.

Meine Mom schien überglücklich, als ich ihr die Reibekuchenstückchen mit Apfelmus anreichte. So sehr ich mich auch „dagegen wehrte“, ich „musste“ die Pfannkuchen probieren. Und ja, ich gestehe, sie schmeckten genauso gut wie die von meiner Mom. Wir waren glücklich und schwelgten in Erinnerungen.

Zwei Tage zuvor am selben Ort: ich reichte meine Mom das Essen an, im Hintergrund lief Radiomusik. Meistens registriere ich sie kaum. Doch dieses eine Lied drang in mein Bewusstsein. Und bis heute muss ich immer wieder daran denken …

We shall overcome,
we shall overcome,
we shall overcome some day.
Oh, deep in my heart
I do believe:
We shall overcome some day.

We Shall Overcome

Hier eine Version gesungen von Bruce Springsteen