Realitätsverdrossenheit ist keine Lösung

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Eine alte Schreibmaschine steht auf einer Wiese

Realitätsverdrossenheit ist eine Wortschöpfung von Fefe.

Das ist analog zur Politikverdrossenheit gemeint, aber weiter gehend. Wenn die Leute gar nicht mehr hören wollen, was Trump heute schon wieder getan hat, oder wie sich Brexit weiter in den Schlamm reitet, oder wie es mit dem Berliner Großflughafen weitergeht, dann ist das Realitätsverdrossenheit.

– Felix von Leitner, blog.fefe.de, 14.10.2019

Ich nehme mal ein anderes Beispiel. Twitter. Schon seit einiger Zeit frage ich mich: Ab wann macht Twitter depressiv? Also schlechte Laune macht mir Twitter allemal. Okay, bis auf wenige Ausnahmen.

Wobei, Twitter ist ja nur ein Werkzeug, ein Angebot. Angebote muss ich nicht annehmen. Und schlechte Laune bereitet mir ja nicht das Werkzeug Twitter, sondern die Tweets der Leute in meiner Filterblase. Warum folge ich denen auch? Nun, das sind zumeist Leute die sich mit Themen auseinandersetzen, die mich interessieren. Und die meisten davon haben auch eine ähnliche Meinung wie ich zu diesen Themen.

Wenn man so will, ist meine Filterblase ein Spiegelbild von mir. Heißt das, dass ich von meinem Spiegelbild schlechte Laune bekomme, dass mich mein Spiegelbild depressiv werden lässt, wenn ich es zulange anschaue?

Wie die von mir ausgesuchten Leute in meiner Filterblase habe ich eine bestimmte Meinung zu bestimmten Themen: wie wir miteinander umgehen sollten, wie die Dinge laufen sollten – wie die Welt sich drehen sollte. Leider klappt das meistens nicht. Weil, es gibt ja einen Haufen Menschen, die anders ticken als meine Mitstreiter:innen und ich. Und je weniger sich die Welt in die von mir präferierte Richtung dreht, desto frustrierender ist das.

Schnell entsteht so der Eindruck, egal wohin ich schaue, es bewegt sich alles in die falsche Richtung. Die große Frage ist, wie reagiere ich darauf. Realitätsverdrossenheit wäre eine Möglichkeit. Digital Detox würde bei Twitter und Co. KG helfen. Aber das Internet ist auch „nur“ ein gigantischer Spiegel, in dem wir das reale Leben gespiegelt vorfinden.

Gehe ich vor die Haustür, kann ich allein vom Straßenverkehr schon schlechte Laune bekommen. Wie gehen wir eigentlich miteineander um? Warum nehmen wir so wenig Rücksicht aufeinander? Solche Fragen stelle ich mir im „richtigen Leben“ auch ständig.

Nun ja, was dann? Lasse ich den Kopf wirklich hängen und sage: „Ach lasst mich doch alle mit den Nachrichten zufrieden, ich verbringe das Wochenende mit Youtube und Netflix“1? Aber ist das eine Lösung?

Und was ist, wenn es stimmt was Fefe schreibt und was auch schon Hannah Arendt gesagt hat? Was ist, wenn dahinter auch Strategie steckt, wenn die Eliten genau das beabsichtigen? Wenn sie wollen, dass wir verdrossen vom komplizierten, nie zufriedenstellenden Input nicht mehr nachdenken und nachhaken? Dass wir einfach nur noch willfährig alles über uns ergehen lassen und überdies den „Brandstiftern“ auch noch zujubeln?

Mich erinnert das an die Frage: Warum schweigen die Lämmer?, und an den Vortrag von Prof. Rainer Mausfeld: „Wie sich die ‚verwirrte Herde‘ auf Kurs halten lässt“.

Klar, bei all dem Chaos noch ruhig zu bleiben und zu versuchen weiter einen Überblick zu behalten, ist schwer. Und ja, auch ich bin zwischendurch mal realitätsverdrossen. Aber ein willfähriges „Lamm“ will ich nicht sein.

Lasse das Verhalten anderer nicht deinen inneren Frieden stören.

Daila Lama


  1. Siehe blog.fefe.de, 14.10.2019 [return]