Mitgefühl kennt keine Hierarchie

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 2 Minuten

Viele Pilze an einem Baumstumpf

In unserer Filiale fand eine große Feier statt. Etwas abseits hatte sich eine Kollegin gesetzt, deren Ehemann kürzlich gestorben ist. Ich setzte mich zu ihr und drückte ihr mein Mitgefühl aus. Sie erzählte mir, woran und wie ihr Mann gestorben ist. Sie war sehr traurig. Nach kurzer Zeit begann sie mir sehr eingehend von ihren Gefühlen zu erzählen. Mitten im Gespräch setzte sich meine Chefin aus der Vorstandsebene des Konzernes zu uns. Sofort änderte sich das Gesprächsthema. Nun ging es um die Firma, insbesondere um das Betriebsklima.

Diese Geschichte erzählte mir vor ein paar Tagen der Chef der Filiale. Ich halte ihn für einen sehr einfühlsamen, integren Mann.

So eine Situation kennen wir höchstwahrscheinlich alle. Der Chef setzt sich in die Runde und schon ändert sich das Gespräch. Spontan würde ich sagen: Oft ist das auch gut so. Aber bei dem oben skizzierte Fall sehe ich das anders. Ich konstruiere mal eine Variante, bei der ich die Situation zuspitze:

Jemand liegt mitten auf dem Gehweg und es ist offensichtlich, dass es ihm schlecht geht. Ich hocke mich zu ihm und versuche ihm zu helfen. Mein Chef kommt des Weges. Also stehe ich wieder auf, begrüße ihn und halte mit ihm einen Smalltalk.

Ja, die Szene ist eine andere. Alle können sehen, dass hier ein Mensch der Hilfe bedarf. Würde aber auch jeder helfen, der das sieht? Mein Chef würde sicherlich keinen Smalltalk beginnen wollen und ebenfalls versuchen zu helfen. – Wie dem auch sei, der Kern dieser Geschichte gleicht der eingangs geschilderten. Da ist jemand in einer Krisensituation und es wäre hilfreich für ihn, wenn ihm Mitmenschen zur Seite stehen.

In der ersten Geschichte ist es für Außenstehende nicht unbedingt erkennbar, dass die Frau bekümmert ist und dass sie der Zuwendung bedarf. Letzteres zeigt sie erst, als ihr jemand mit Mitgefühl entgegenkommt. Aber als sich die Chefin aus der Konzernspitze hinzusetzt ist es vorbei mit der Hilfe. Warum? Wäre das nicht auch eine Situation, in der wir Hierarchie Hierarchie sein lassen sollten? Eine Situation, in der wir deutlich sagen sollten: »Sorry, wir sind in einem wichtigen Gespräch. Bitte lassen sie es uns allein zu Ende führen.«?

Ich glaube, echtes Mitgefühl kennt keine Hierarchie. Und ich möchte der Hierarchie auch keinen Vorrang einräumen.