Mein Geburtstag

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Eine Schnecke kletter an einem Getreidehalm herunter Eile macht blind

Ich freue mich sie zu sehen. Doch was ich dann sehe, ist nicht schön. Sie liegt in ihrem Bett, das Gesicht aschfahl, die Augen geschlossen und tief in ihren dunklen Höhlen gesunken, der Mund leicht geöffnet. Sie schläft, doch es scheint ihr nicht gut zu gehen.

Ich habe heute Geburtstag, denke ich neben ihr am Bett sitzend. Warum wird mir eigentlich gratuliert? Du hast mich geboren, nicht ich mich. – »Danke«, flüstere ich. Ein Staubkorn im Vergleich zu meiner Dankbarkeit. Meine Gedanken überschlagen sich.

Wie war das damals? Wie hast du dich gefühlt? War Dad dabei? Solche Fragen habe ich dir nie gestellt. Warum? Vermutlich geziemte sich das nicht. »Du bist ein Sonntagskind. Und du bist zur Hochamtszeit geboren«, hat sie mir als Kind ein paar Mal erzählt und mich dabei voller Freude angeschaut.

Ich kann mich noch genau an den letzten Geburtstag erinnern, an dem du dich noch erinnern konntest. Ich war auf dem Weg zur Arbeit und wollte dich vorher noch kurz begrüßen. Wie so oft hatte ich es eilig. Das glaubte ich zumindest. Du gratuliertest mich. »Möchteste du mich nicht umarmen?«, fragtest du. Den bittenden Ton in deiner Stimme habe ich vernommen. Wir umarmten uns. Du warst unsicher, ich irritiert.

Heute glaube ich zu wissen warum du unsicher warst, warum du dir gewünscht hast, mich zu umarmen. Die fortschreitende Demenz hatte dein Vertrauen in dich schon mehrmals verletzt. Du suchtest Halt. Ich habe das gespürt, konnte es jedoch nicht einordnen, wollte es wohl auch nicht.

Was ich mir nicht verzeihen kann ist meine Eile. Ich glaube, sie war nicht nötig. Wie so oft. Warum nehme ich mir im Alltag so selten Zeit für die Beobachtungen die mich irritieren? Warum reflektiere ich sie nicht häufiger? Warum überlasse ich solche Dinge dem „Müll“-Berg der unbearbeiteten Gefühle?

Ihr Gesicht hat sich entspannt. Sie atmet jedoch unregelmäßig. Wann haben wir uns das letzte Mal unterhalten? So „normal“, wie wir es nennen. Ich weiß nicht, ob ich dich wirklich verstehe. Und ich weiß nicht, was du von mir verstehst. Aber ich glaube es dir ansehen zu können, was du fühlst. Und ich bin immer glücklich, wenn ich dir ein Lächeln oder ein Strahlen entlocken kann.

Ach Mom, ich habe noch so viele Fragen an dich. Ich weiß, du wirst sie mir nicht mehr beantworten können. Und Schuld daran bin ich selbst. Aber ich habe gelernt, dass nichts selbstverständlich ist, dass das, was eben noch da war, im nächsten Moment verschwunden sein kann. Eile, Hektik machen blind. Verstehen, werde ich damit nichts.

Ich habe heute Geburtstag. Und weißt du was ich mir wünsche? Dass es dir gut geht. Und was ich dafür tun kann, will ich dafür tun.