Mehrwegbecher statt Einwegbecher für den Coffee-to-go. Aber welcher Becher soll es sein? (Update: 27.1.2019)

Dass die one-way Coffee-to-go Becher riesige Müllberge erzeugen, ist jedem bekannt. Viele machen sich daher auf den Weg, das Problem zu lösen. Was ich dabei beobachtet habe, und welche Lösung ich bevorzuge, dazu hier ein paar verschriftlichte Gedanken.
  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 7 Minuten

Akteure, die dem Einweg-Coffee-to-go-Becher ein Ende setzen wollen, gibt es auf allen Seiten.

Einige Mitmenschen kaufen sich einen Mehrwegbecher, um diesen beim Bäcker oder im Tankshop befüllen zu lassen. Das Problem: Nicht überall dürfen die Coffee-to-go-Anbieter einen Becher einfach so betanken – wegen der Hygiene und so.

Auch einige Coffee-to-go-Anbieter zeigen dem Einwegbecher die rote Karte. Es gibt Bäckereiketten, die ein eigenes Mehrweg-Becher-System eingeführt haben. In anderen Regionen haben sich unterschiedliche Coffee-to-go-Anbieter zusammengeschlossen, um ein gemeinsames Mehrweg-Becher-System zu etablieren.

Mitunter sind es auch Umwelt- und Klimaschutz-Behörden die nach Lösungen suchen, dem Einweg-Becher-Müll entgegenzuwirken.

Und dann gibt es noch einige Fairtrade-Steuerungsgruppen, die das Thema auf die Agenda genommen haben. Ich gehöre zu einer dieser Gruppen.

Bei uns im Ort haben wir vor etwa eineinhalb Jahren damit begonnen, einen Mehrweg-Becher einzuführen, den FairCup. Die Initiative ging übrigens von einer hiesigen Tankstelle aus1, die Coffee-to-go anbietet. Die Inhaberin sprach unsere Marketing-Chefin an, die das Thema sofort aufgegriffen hat. »Das ist doch auch ein Thema für euch Fairtradler«, meinte sie, und schon war ich im Boot.2

Wir haben zwischenzeitlich viele Sitzungen und Veranstaltungen von anderen Akteuren besucht, in denen es darum ging, einen Mehrweg-Coffee-to-go-Becher einzuführen. Dabei machen Frau und Mann so ihre Beobachtungen, und sich darüber einige Gedanken. Hier sind ein paar davon …

Ein geflügeltes Wort in meinem Beruf lautet: Immer erst die Zuständigkeit prüfen! Wer ist hier eigentlich zuständig? Wer ist zuständig, diesen Einweg-Becher-Müll abzustellen? Die Anbieter, der Staat oder die Coffee-to-go-Trinker?

Die unsichtbare Hand des Marktes regelt das, heißt es oft. Der Markt hat jedoch viel Müll produziert bevor er langsam erkannte, dass der ein Problem ist. Und Marktteilnehmer sind nicht nur die Anbieter, sondern auch die Nachfrager, also jeder von uns.

Ich erzähle das, weil es ein Beispiel dafür ist, dass auch der Markt sich mitunter sehr träge bewegt. Er ist nicht die Verheißung, wie das von einigen gern propagiert wird. Woran liegt das? Weil die jeweiligen Marktteilnehmer (ob Anbieter oder Nachfrager) grundsätzlich bequem sind und in erster Linie ihren eigenen Vorteil sehen, und nicht den der Allgemeinheit. »Ich will hier und jetzt meinen Coffee-to-go, und verzichte nicht, nur weil der Bäcker dafür Einwegbecher anbietet! Und dieser einzelne Becher macht den Kohl auch nicht fett!«

Spätestens jetzt kommt ein Klassiker. Die Verbraucher zeigen auf die Anbieter die nicht in die Puschen kommen, und die Anbieter sehen sich nicht in der Pflicht. Was kommt dann? Das: »Da muss der Staat doch was machen!« Die übliche Geschichte.3

Steigen wir weiter in das Thema ein. Da sind nun etliche Akteure – siehe oben – die eine Lösung herbeiführen wollen. Wenn ein Mehrweg-Becher einführt werden soll, sollte eine Frage vorweg beantwortet werden: Was soll es denn werden, ein Kauf- oder ein Pfandbecher?

Ein Kaufbecher, der von Bäckereien, Tankstellen und so weiter angeboten wird, ist zunächst mal nichts anderes als ein Coffee-to-go-Becher, den ich mir im Supermarkt kaufe. Ich kaufe ihn, also gehört er mir. Das heißt, ich will ihn auch nicht wieder rausrücken.

Hole ich mir häufiger einen Coffee-to-go bei entsprechenden Anbietern, muss ich jedes Mal einen Becher kaufen. Es sei denn, der Coffee-to-go-Anbieter darf mir meinen mitgebrachten Kaufbecher wieder befüllen. Was jedoch aus hygienischen Gründen nicht überall möglich ist. Unterstellen wir mal, das ist überall möglich. Wenn ich aber meinen Becher nicht dabei habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder einen zu kaufen. Und ich behaupte mal, die meisten von uns werden nicht überall ihren Kaufbecher mit sich herumschlüren.

Ich stelle mir gerade vor, wie viele Pizzateller und wie viel Besteck ich im Laufe der Jahre schon hätte, wenn ich das Geschirr in den Restaurants jedes Mal gleich mitgekauft hätte.

Was passiert mit den vielen Kaufbechern die bei einem Kaufsystem in den Umlauf kommen?

Einige Anbieter haben ihre Kaufbecher besonders gestaltet, zum Beispiel mit einem Aufdruck: „Bielefeld-Kaffee, schmeckt wie die Stadt aussieht!“, oder so. In solchen Fällen können die Becher zu Sammlerstücken werden. Das ist eine nette Marketing-Aktion. Aber ist das eine gute Lösung im Sinne von Müllvermeidung? Wenn der Kaufbecher keinen Sammlerwert hat und auch nicht höherwertig ist, was geschieht dann mit solchen Bechern? Vermutlich landen auch sie relativ schnell im Müll.

Zwischenergebnis: Auch der Kaufbecher ist im Grunde nur ein Einwegbecher. Nachhaltig ist er nur bedingt.

Es braucht einen Anreiz, damit der Becher häufiger genutzt wird. Wenn ich ihn nicht nutze, könnte ihn aber ein anderer nutzen. Und schon bin ich beim Pfandsystem. Wenn ich beim Kauf eines Coffee-to-go’s Pfand für den Becher zahle, besteht ein Anreiz, den Becher dem Kreislauf wieder zuzuführen. Das heißt, es ist viel eher möglich, dass der Becher seine maximales Lebensalter, seine maximale Nutzungsdauer erreicht. Was ja wesentlich umweltschonender ist.

Bei vielen Sitzungen haben wir beobachtet, dass die Akteure sich gleich zu Beginn der Überlegungen dabei verzettelten, wie denn der Becher aussehen sollte. Aber: Wenn ein Pfand-Becher möglichst lange im Kreislauf bleiben soll, sollte der Becher eher hässlich als schön sein. Denn sonst wird auch der Pfand-Becher zum Sammlerstück – zumindest in der Anfangszeit. Das ist besonders für die Anbieter der Pfandbecher, also für die Bäckereien, Tankstellen und so weiter, problematisch. Stichwort: Pfandclearing.4

Halten wir fest: Der Pfandbecher ist eine nachhaltigere Lösung als der Kaufbecher.

Oft kommen auch Forderungen wie: Der Becher muss aber auch biologisch abbaubar sein. Ohne Frage, das wäre schön. Aber wäre es nicht viel wichtiger, erstmal die Einwegbecher-Problematik zu beseitigen?5 Je eher, desto besser! Wir könnten weiter sein, wenn wir uns nicht jedes Mal in den Details verheddern würden. Manchmal müssen wir halt Kompromisse eingehen.

Nebenbei: Das ist die gleiche Problematik wie ich sie dauernd, nein immer, bei den Diskussionen um eine neue Website erlebe6. Es wird sich in Nebensächlichkeiten verstrickt.

Eine Nebensächlichkeit scheinen auch die Deckel von solchen Schnabeltassen Bechern zu sein. Sind sie aber nicht. Beim Kaffeetrinken während der Autofahrt sind sie durchaus von Vorteil, beispielsweise wenn man mit dem SUV in der unwegsamen Prärie unterwegs ist.

Es gibt auf dem Markt mittlerweile einige Anbieter, die Mehrwegbecher vertreiben. Aber nicht alle haben auch einen Deckel für die Becher im Programm. Dann wird gern auf die Möglichkeit verwiesen, notfalls einen Einweg-Deckel anzubieten. Das ist für mich schon ein Ausschlusskriterium. Denn ein Einwegdeckel konterkariert den Sinn und Zweck der Aktion – die Müllvermeidung. Auch ein Mehrweg-Deckel gehört als Option dazu, und sollte aus den gleichen, oben angeführten Gründen mit Pfand bepreist werden.

Soheit so gut.

Viele haben schon eine Lösung den Einwegbecher zu vermeiden, andere sind dabei eine Lösung einzuführen – hier sind es Bäckerei-Ketten, dort Tankstellen-Ketten, drüben Kreise und da vorn ein paar Städte. Und fast alle verfolgen einen anderen Ansatz. Mal ist es der Kaufbecher, dann ist es der Pfandbecher. Die Becher unterscheiden sich, und auch die Pfand-Systeme. Wäre es da nicht sinnig, das alles unter einen Hut zu bekommen um ein Durcheinander zu vermeiden?

Wäre es nicht schön, wenn in den Kreisen Höxter, Holzminden, Lippe und Hameln-Pyrmont die gleichen Pfand-Becher im Umlauf wären? Und wenn sie dann noch einen Aufdruck haben, der die Region aus der sie stammen kennzeichnet – irgendwann taucht der Becher mit dem Schloss Corvey dann in Hameln, der Becher mit dem Rattenfänger in Höxter und der Hermann in Holzminden auf. Wäre doch cool, oder?7

Wir haben uns schon den Mund fusselig geredet. Jetzt scheibe ich mir die Hände fransig. Mal schauen, wie weit wir kommen …

Update 27.1.2019:

Stichwort Pfand: Der Becherpfand sollte nicht zu niedrig bemessen sein. Es gibt Systeme, bei denen ein Euro pro Becher als Pfand vorgesehen ist. Der Anreiz den Becher dann zurückzubringen, im Kreislauf zu halten, ist dann geringer. Meines Erachtens sollte das Pfand für einen Becher mindestens zwei Euro betragen.

Stichwort Umlaufzyklen: Bei den Überlegungen welches System sich am besten eignet, sollten auch die Umlaufzyklen eine Rolle spielen. Bei weniger als 300 Umlaufzyklen müssen andere Argumente schon sehr stichhaltig sein. Beispielsweise: nachgewiesenes, vollständiges Recycling, oder/und der Becher muss vollständig biologisch abbaubar sein. Aber auch das sollte nachgewiesen sein.


  1. Was ich sehr lobenswert finde. [return]
  2. Lustig daran ist, ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Coffee-to-go getrunken zu haben. Kaffee gehört zu meinen Lieblingsgetränken. Aber ich mag ihn nicht hastig im Gehen zu schlürfen. [return]
  3. Der Abgasskandal lässt grüssen. [return]
  4. Das Pfandclearing, also die Abwicklung des Pfandausgleichs, ist der schwierigste Teil der Geschichte. Ich komme später darauf zurück. Vielleicht. ;-) [return]
  5. Bitte nicht falsch verstehen. Es wäre sehr gut, wenn die Becher aus Naturrohstoffen erstellt wurden und biologisch abbaubar sind. Nur, wo sind die Anbieter, die das garantieren und zudem über eine gut funktionierende Logistik verfügen? Wir brauchen die Pfandbecher jetzt, um jetzt die Müllberge zu verringern.
    [return]
  6. Oder beim Relaunch einer Website. [return]
  7. Naja, die Problematik mit dem Aufdruck habe beschrieben: Der Becher könnte ein begehrtes Sammlerstück werden. Dem Ziel, der Müllvermeidung, dient das nicht. Und ökologisch ist so ein Aufdruck auch nicht. Aber mit Speck fängt man Mäuse. [return]