»Geht lernen!«, fordern und es selbst nicht wollen

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Dunkle Wolken über Häuser

Vielleicht bin ich naiv oder dumm. Und höchstwahrscheinlich erzähle ich nichts Neues. Trotzdem frage ich: Könnte es sein, dass die Welt eine bessere wäre, wenn Entscheidungsträger interessierter, wissensdurstiger wären?

Ich möchte meine Gesprächspartner verstehen – ich liebe Argumente, ich mag es Motive und Hintergründe einer Argumentation nachvollziehen zu können. Es macht mir Spaß, ja Freude, zu lernen. Getreu nach dem alten Spruch: „Niemand ist so doof, als dass ich nicht von ihm lernen kann.“

Der Spruch klingt böse, er hat aber eine klare Botschaft. Denn selbst wenn jemand anders drauf ist als ich, kann ich ihn trotzdem verstehen lernen – wenn ich wirklich interessiert bin und wenn er offen1 und ebenfalls neugierig ist. So kann ich nachvollziehen was ihn antreibt, und ich lerne zu verstehen warum er so ist wie er ist.

Wenn er jedoch zu macht – kann ich „nur“ interpretieren. Wobei auch das Interpretieren eine Form von Lernen, von Verstehen ist – allerdings indirekt. Es ist ein Lernen anhand von Idizien.

Aber was bringt das Lernen? Ich versuche das mal an einem Beispiel zu erklären. Wissenschaftler warnen: Das Klima wird uns auf die Füße fallen! Die Frage ist: wann? Vielleicht können wir die Zeit noch etwas hinauszögern. Das geht, sagen die Wissenschaftler, wenn wir schnell unser Verhalten ändern. Vorschläge dazu gibt es reichlich. – Und? Lernen wir von den Wissenschaftlern? Ändern wir unser Verhalten?

Aber wir haben ja noch andere Probleme. Wenn wir alle Probleme die Deutschland hat auf den Tisch legen: Was davon sind die Probleme mit der höchsten Priorität? An welcher Stelle auf der Prioritätenliste steht der Klimaschutz? An welcher Stelle steht die Wirtschaft – also unser „Wohlstand“?2

Ich will nicht zu weit ausholen: Eine ganze Generation geht auf die Straße, oder um es pathetisch auszudrücken: unsere Zukunft geht auf die Straße und bittet darum, den Klimaschutz auf der Prioritätenlisten ganz nach oben zu schieben (#FridaysForFuture) – und was macht die Politik? Sie ignoriert die Zukunft.

Ein anderes Beispiel: #Uploadfilter und Urheberrechte. Auch hier: Eine ganze Generation geht auf die Straße und kämpft für ein zeitgemäßes Urheberrecht und gegen Zensur – und die Politik? Sie ignoriert die Zukunft. Entschuldigung, wenn ich jetzt etwas frotzle: Liebe Politiker-/innen, ist das die Digitalisierung von der Ihr immer redet?

Okay, es ist ja nicht so, dass alle Politiker-/innen die Interessen der jungen Menschen ignorieren. Aber die Mehrheit der Politiker-/innen macht dies schon. Sie setzen andere Prioritäten. Und was sie nicht tun ist: das so zu begründen, dass für alle Wähler-/innen verständlich wird, welche Motive hier für sie überwiegen. Was genau sind die Gründe für ihre gegenteiligen Entscheidungen?

Zu beiden Themen habe ich in den zurückliegenden Wochen reichlich gelesen, aber nie habe ich gelesen, dass Politiker-/innen auf die jungen Menschen zugegangen sind und mit ihnen die Themen diskutiert haben: Kommt lasst uns mal gegenseitig updaten. Damit meine ich nicht Polit-Show Gespräche für die Kameras, für die Selbstinszenierung der Politiker-/innen. Damit meine ich regelmäßigen Austausch auf Augenhöhe.

Was die Poltik mit ihrer Ignoranz ausdrückt ist offensichtlich: Liebe Jugend, ihr interessiert uns nicht! Wir sind nicht wissensdurstig. Wir wissen schon alles. Daher brauchen wir unser Verhalten und unsere Entscheidungen nicht zu korrigieren. »Geht ihr zur Schule und lernt!«

Doch die Schüler-/innen haben auch davon reichlich gelernt. Ihre Demos sind wie eine Art Politik-Praktium. Politik und Demokratie in der Praxis. Was sie auch mitnehmen werden ist: Macht interessiert sich nur für Macht, nicht für Menschen.

Noch mal zurück zum Thema „Digitalisierung“. Alles was ich zu dem Thema weiß und mir nicht autodidaktisch angeeignet habe, haben mir jüngere Menschen beigebracht. Heute sind das oft Menschen, die altersmäßig meine Kinder sein könnten. Und es hat mir immer Spaß gemacht von ihnen zu lernen.


  1. Eben habe ich mich gefragt: Ist die Offenheit eine zusätzliche Bedingung, oder ist sie vielleicht wesentlicher Bestandteil des Interesses? Ich behaupte mal, wenn das Motiv des Interesses, der Neugierde, das Verstehen wollen, das Lernen ist, dann ist die Offenheit wesentlicher Bestandteil des Interesses – also keine zusätzliche Bedingung. Ja, auch Schaulustige oder Voyeuristen sind neugierig. Aber die Frage ist, was hier die Neu-Gier befriedigen soll. [return]
  2. Apropos Klima versus Wirtschaft: Vielleicht hilft da die Maslowsche Bedürfnishierarchie weiter … [return]