Lebensstil-Terrorismus

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Eine verwitterte Sitzbank aus Holz auf einer Wiese

Wer nur den vorhergehenden Artikel liest könnte den Eindruck gewinnen: Der „junge“ Mann, also ich jetzt, steht auf Motorkraft. Das ist nur eine Seite der Medaillie, und zwar die mittlerweile schon sehr korrodierte Seite. Meine größere Liebe gilt schon seit einigen Jahren dem Fahrradfahren. Als Fahrradfahrer lebt es sich zuweilen gefährlich, jedenfalls gefährlicher als den Autofahrern.

Einige Zeit lang ging es mir daher extrem auf den PIEP!, wenn mich die Autofahrer behinderten oder mich um meine Verkehrsrechte beschnitten. »Dieser PIEP! hätte mich sehen können! Fahr zur Hölle!« Entsprechend habe ich auf Twitter & Co.KG alles geteilt, geherzt und unterstrichen, wenn fahrradfahrende Leidensgenossen von ihren Erlebnissen berichteten.

Ich will hier gar nicht die drölfmillionen Gründe aufführen, weshalb ich – nach wie vor – das Fahrrad grundsätzlich für das bessere Verkehrsmittel halte. Ich finde es zum Beispiel erschreckend, dass die Autos dennoch immer größer werden. Selbst von dem einst so knuffeligen Fiat 500 bekommst du heute eine SUV-Version. Und ein Tempolimit von 130? – Tabubruch! Ihr macht uns unseren Lebensstil kaputt!

Ich glaube, den Rückwärtsgang haben wir vergessen; möglicherweise sogar schon ausgebaut. Wer braucht schon ein Bremspedal oder einen Rückwärtsgang? Es geht vorran!

Keine Atempause
Geschichte wird gemacht
es geht voran!

Fehlfarben1

Aber irgendwann merkte ich, wie sehr mich das aufwühlte und wütend machte. Und da ist ja nicht nur der Straßenverkehr. Es gibt so viele Entwicklungen, die ich absolut PIEP! finde, bei denen ich aus der Haut fahren könnte. Eigentlich könnte ich ständig schlechte Laune haben. Dafür müsste ich fast nichts tun. Ich inhaliere all die Eindrücke die mir tagtäglich aus unzähligen Kanälen um die Ohren und auf die Augen geballert werden, vergleiche das mit meinen „hehren“ Zielen und stelle fest …

Und hier die Nachrichten:
Alle bekloppt geworden.
Das Wetter …

Ralph Ruthe

Was macht das mit mir? All dieser ganze Frust, weil die Welt es wagt sich nicht so zu drehen, wie ich das will. »Da muss man doch was machen!« Ja. Aber nicht sowas: „Der nächste Trend: Lebensstil-Terrorismus“. Thomas Knüwer schildert in dem Artikel sehr treffend Entwicklungen, wie auch ich sie beobachte – aber nicht vom Beckenrand. Ich treibe ebenfalls in diesem Teich der „unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins“2. Doch ich will da raus. Da hilft nur schwimmen – denken, nachdenken.

Wenn ich mich verfahren habe, fahre ich langsamer, bremse – und lege wenn es nötig ist, den Rückwärtsgang ein.


  1. Zitat aus dem Musikstück „Ein Jahr (Es geht voran)“ von Fehlfarben. [return]
  2. Bernhard Pörksen, siehe: re:publica 2018 – Bernhard Pörksen: Filter Clash. Die große Gereiztheit der vernetzten Welt, via. [return]