Jenseits vom Fegefeuer der Eitelkeiten

Mittagspause. »Gehst du wieder rüber zu deiner Mutter?« Ich nicke. Dann gehe ich einige Häuser weiter zum Seniorenheim. – Eine kleine Geschichte über zwei Wirklichkeiten.
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Eine sehr große, schützende Hand, in der sich ein Kind ausruht.

Eine Mittagspause wie viele andere zuvor. Ich gehe in ihr Zimmer. Sie liegt im Bett. Manchmal ist sie noch wach. Dann strahlt sie mich an. Sie freut sich jedes Mal. Ich beuge mich zu ihr runter, ganz nah an ihr wieder kleines Köpfchen. Mit meiner Stirn berühre ich sanft die ihre. Behutsam streichele ich ihr mit der Hand über eine Gesichtshälfte. »Wie geht es dir, mein Herz?« »Och, mir geht es gut«, flüstert sie. Fast immer sagt sie das. Manchmal klagt sie ein wenig über Schwindel oder Schmerzen. Aber alles in allem freut sie sich mehr als dass sie jammert. Sie ist zufrieden. – Wer ist heute schon zufrieden?

Wir unterhalten uns ein wenig. Manchmal erzählt sie mir von ihren Gedanken, berichtet mir wen sie getroffen hat und wiederholt die dabei geführten Dialoge. Meine Mom ist dement. Sie lässt mich an ihrem Leben teilnehmen. Für sie haben die Gespräche stattgefunden – waren sie Wirklichkeit. Für mich auch. Obwohl sie meiner Interpretation von Realität nicht entsprechen.

»Ich bin so müde.« »Schlaf ruhig. Ich setze mich da vorne hin und passe auf dich auf.« Wieder strahlt sie mich an. Sie ist oft müde. Es kostet sie viel Kraft, längere Zeit im Rollstuhl zu sitzen. Deswegen ist sie glücklich, wenn sie im Bett liegen kann. Ich setze mich auf den Stuhl neben ihrem Bett. Keine drei Minuten später ist sie eingeschlafen.

Hier ist es ruhig. Ganz anders als das Leben da draußen. Ich schaue meine Mom an. In ihren dünnen Armen hält sie Putschemu, ihre Stoffkatze. Sie hat sie ganz nah an sich gedrückt.

Und dann kommen sie wieder, Fragen wie: Was ist wirklich wichtig? Was sind die Bedürfnisse eines frisch geborenen Menschenkindes? Worin unterscheiden sie sich von einem alten, erschöpften Menschen? Und was wollen wir, die wir „mitten“ im Leben stehen? – Und was brauchen wir wirklich?

Da draußen tobt ein ständiger Kampf um solche Dinge wie Macht, Geld, Ansehen, Recht haben, tolle Autos, tolle Urlaube, Materielles. Es ist das Fegefeuer der Eitelkeiten.1

Hier ist es ruhig. Meine Mom schläft. Sie ist zufrieden. Nach einer Weile stehe ich auf. Gern würde ich ihr noch mal über die Wangen streicheln. Doch ich möchte sie nicht wecken. »Ich habe dich lieb«, flüstere ich und gehe hinaus – und wieder hinein ins Fegefeuer der Eitelkeiten.


  1. Den Roman, Fegefeuer der Eitelkeiten, habe ich vor gefühlten drölfmillionen Lichtjahren gelesen. Der Roman, aber hauptsächlich der Titel, haben mich nachhaltig beeindruckt. Der Titel hat übrigens einen historischen Hintergrund. Er „wurde Savonarolas ‚falò delle vanità‘ entlehnt“ – Lagerfeuer der Eitelkeiten … [return]