Inszenieren ist heute Pflicht

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Torbogen, großes Kunstwerk aus Stein.

„Die machen keine Politik, die machen Verwaltung. Und das machen sie auch noch schlecht“, las ich vor einiger Zeit bei Fefe. Wenn Politik keine Politik macht sondern Verwaltung, was macht dann Politik wenn sie Politik macht? Gestalten? Oder sind das Inszenierungen? – Ich finde es interessant zu beobachten, wo gerade verwaltet, gestaltet oder inszeniert wird.

Verwalten klingt total dröge. Wer braucht das schon? Antwort: Jeder. Wir waschen uns, wir putzen uns die Zähne, wir kleiden uns an und so weiter. Das machen wir aus hygienischen Gründen, für unsere Gesundheit – um uns zu pflegen, um uns zu erhalten. Aber schon kurz darauf wird es kniffeliger. Gestalte oder inszeniere ich, wenn ich mich schminke; oder wenn ich die Bekleidung auswähle die ich anziehe?

Was aber jetzt schon festzustellen ist, Verwaltung ist wichtig. Sie dient der Pflege und Erhaltung, sie sorgt dafür, das der „Laden“ läuft. Läuft? Wohin denn? Und wer bestimmt die Richtung? – Wer bestimmt, welche Richtung ich einnehme und wie ich durch das Leben gehe? Wie weit steht das wirklich in meiner Macht?1 Aber ich will mich nicht verzetteln.

Wo war ich? Ach ja, ich finde es mitunter nicht leicht zu unterscheiden: Wird da gerade etwas inszeniert oder gestaltet? Das Wikiwörterbuch erklärt, inszenieren bedeutet: „eine Bühnenaufführung vorbereiten; geschickt ins Werk setzen“. Der Duden ergänzt: „geschickt ins Werk setzen, organisieren, einfädeln“.

Zur Bedeutung des Begriffes gestalten schreibt der Duden: „einer Sache eine bestimmte Form, ein bestimmtes Aussehen geben“, und das Wikiwörterbuch: „einem Gegenstand oder Prozess eine Form oder ein Konzept geben“.

Interessant finde ich, dass sowohl der Duden als auch das Wikiwörterbuch dem Verb „inszenieren“ das Adjektiv „geschickt“ zuordnen. Geschickt bedeutet nach dem Wikiwörterbuch: „wohldurchdacht und erfolgreich handelnd“. Heißt das, dass wir beim Gestalten darauf weniger Wert legen, dass wir in der Regel weniger wohldurchdacht gestalten?

Wird eigentlich häufiger inszeniert als gestaltet? Meines Erachtens ist das so. Belege habe ich dafür jedoch nicht. Aber etwas zu inszenieren ist heute, mit den „neuen Medien“, viel einfacher und schneller möglich. Alles lässt sich inszenieren. Ich kann „sogar“ inszenieren, was ich gestalte. Auf jeden Fall scheint es eine neue Regel zu geben: Inszenieren ist heute Pflicht. Was nicht inszeniert wurde, hat nicht stattgefunden.

Ist das okay? Gibt es noch so etwas wie Zurückhaltung und Demut?

Was ist denn besser, inszenieren oder gestalten? Dazu fällt mir eine andere Frage ein: Was ist besser, die Dinge richtig tun, oder die richtigen Dinge tun? Und ich muss an einen Text von mir denken, in dem ich behaupte, dass heutzutage oft mehr Wert auf schön als auf gut gelegt wird. Das wiederum erinnert mich an ein „kleines“ Beispiel aus dem Strafrecht: „Schaffung von Bewusstsein“. Ist das inszenieren oder gestalten? – Tja, manches klingt gut, ist aber nicht mal schön.

Wie lässt sich denn eine Unterscheidung treffen? Ich versuche mich mal mit einer Antwort. Dazu verkläre ich einfach, welche Bedeutung die Begriffe für mich haben.

Gestalten bedeutet für mich, ein Ziel (oder Ziele) vor Augen zu haben und mir zu überlegen, wie ich es erreiche. Dazu erfasse ich den Istzustand, versuche Strukturen, Stärken und Schwächen zu erkennen, ordne sie ein und erstelle mir ein Konzept, einen „Programmablaufplan“ um das Ziel zu erreichen. Anschließend mache ich mich ans Werk. Da ich mich nicht in einem Vakuum bewege, passieren ständig irgendwelche Dinge, die es vielleicht erforderlich machen, meinen Plan zu modifizieren. Doch solange wie ich das Ziel für wichtig und erreichbar halte, verfolge ich es.

Zum Gestalten gehört für mich untrennbar, dass ich mich selbst einbringe, mit anpacke. Zu fordern etwas so oder so zu gestalten und nur eine Richtung vorzugeben, hat meines Erachtens nichts mit Gestaltung zu tun. Reden reicht nicht. Ich versuche was ich gestalten will, auch im Alltag zu leben. Für mich zählt zum Gestalten das Verb „bewegen“ – ich bewege mich selbst entsprechend.

Inszenieren bedeutet für mich, etwas in Szene setzen, etwas ganz besonders „auszuleuchten“. Selbstverständlich sollte das „geschickt“ erfolgen. Wohldurchdacht sollte aber noch viel eher das Gestalten sein. Denn ich ordne dem Inszenieren das Adjektiv „statisch“ zu. Etwas zu inszenieren ist eine Momentaufnahme, ein Punkt. Gestalten ist für mich eine Linie. Ich inszeniere, um den Blick auf etwas zu lenken, um die Sichtweise, die Beurteilung der Betrachter:innen zu beeinflussen. Es geht darum, etwas bewusst heraus zu heben, abzusetzen, besser darzustellen. Letztendlich kann Inszenierung auch Ausgrenzung bedeuten.

Viele „Leuchtturmprojekte“ sind in meinen Augen Inszenierungen, besonders dann, wenn die Macher:innen des Projektes es so bezeichnen. Und weil ich jüngst viel darüber nachdenke, auch Kommunikation lässt sich sowohl inszenieren als auch gestalten. Dabei geht es darum wie ich mich ausdrücke, wie ich schreibe, wie ich mich gebärde, welche Kommunikationswege ich in den jeweiligen Situationen wähle und so weiter.

Wenn ich das Begriffspaar Altruismus und Egoismus den beiden Begriffen zuordnen sollte, würde ich den Altruismus eher dem Gestalten und den Egoismus eher dem Inszenieren zuordnen.

Update 14.12.2019: Wie sehr Inszenierungen heute zum Alltag gehören zeigt auch dieses Beispiel. Es geht um eine Gewalttat in Augsburg, bei der ein Mann zu Tode gekommen ist. Der Jurist, Prof. Dr. Thomas Fischer, kommentiert:

[…] der vorliegende Fall zeigt, dass die gesellschaftliche Verarbeitung solcher Ereignisse außer Rand und Band gerät: Den einen dienen sie als willkommener Anlass zur skrupellosen Hetze gegen die Institutionen des Rechtsstaats. Anderen als Mittel der Profilierung und Selbstförderung. Wieder anderen als Folie für die Begeisterung an ihren eigenen “Gefühlen”, als Beweis für ihre angebliche “Empathie”.

Thomas Fischer: Ein merkwürdiges Verbrechen, www.spiegel.de, 11.12.2019

Ein anderes Beispiel für Inszenierungen ist die Titelhuberei.

Die Bundesfamilienministerin darf ihren Doktorgrad behalten. Das eigentliche Defizit ihrer Dissertation sind allerdings keine schlampigen Quellenangaben, sondern ihr Thema: Giffey schrieb über sich selbst. Mit Wissenschaft hat das wenig zu tun. […] Universitäten sollten sich nicht mehr vor den Karren karriereambitionierter Politiker spannen lassen. Lehrstuhlinhaber sollten ausreichend Selbstbewusstsein besitzen, um von Promovierenden einen echten wissenschaftlichen Beitrag einzufordern - egal, wie prominent die angehenden Verfasser sind.

— Miriam Olbrisch, Legal, aber wertlos, www.spiegel.de, 31.10.2019