Infantilität hat viele Gesichter

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Felder mit verschiedenen Farben. So ein Raps!

»Mann, ist der arrogant! Unglaublich!« »Hochmut kommt vor dem Fall.« »Hast du beobachtet, wie der sich da auf dem Stuhl rumgefläzt hat?« »Ja. Man kann nicht nicht kommunizieren. Mit seiner Körpersprache hat er geradezu ‚geschrien‘.« »Ich finde das respektlos! Für einen Mann in den Positionen gehört sich das nicht!« »Das war vermutlich auch das, was er damit ausdrücken wollte: ›Euch kann ich nicht wertschätzen!‹.« »Der war bestimmt auch sauer, weil ihm der Termin nicht in den Kram passte.« »Möglich.« »Trotzdem! So benimmt man sich nicht! Schon gar nicht, wenn man aus mehreren Gründen Vorbild sein müsste!« »Das sehe ich auch so. Doch stattdessen hat er sich von seiner infantilen Seite gezeigt.«

»Ich finde das total bescheuert.« »Halten wir ihm zugute, dass das menschlich ist.« »Aber wieso hat er eigentlich opponiert? Das Vorhaben müsste ihm doch zusagen. Nur weil das nicht auf seinem Mist gewachsen und nicht von ‚seinen‘ Leuten geplant wurde?« »Möglich. Vielleicht mag er auch ‚nur‘ die Planer nicht.« »Klasse! Entscheidungen auf der Basis von Sympathie treffen!« »Das passiert doch oft.« »Weiß ich. Aber das ist doch albern!« »Albern heißt kindisch. Und ein Synonym von kindisch ist infantil.«

»Aber warum machen die das in solchen Runden? Das sind erwachsene Leute!« »Die Frage ist berechtigt. Gerade dann sollte es um die Sache und nicht um das eigene Ego gehen.« » Sollte! – Ich verstehe die nicht.« »Selbstkritisch zu sein, sich ständig zu beobachten und im Kontext zu anderen Menschen betrachten, heißt an sich selbst zu arbeiten. Das kostet Ressourcen und nicht selten kommen dabei keine schönen Erkenntnisse rum.« »Der Mensch ist halt weit mehr als nur Ratio.« »Genau. Und eine kognitive Dissonanz mit Vernunft aufzulösen, ist eine ziemliche Herausforderung.«

»Auch der Moderator war fies. Dauernd hat er versucht, die Gastrednerin vorzuführen. Und dann tut er noch so jovial dabei.« »Ja, fair war das nicht. Doch auch das Gönnerhafte kann, wie Arroganz, nur Fassade sein wenn es eine infame Absicht kaschieren soll.« »Du meinst, das war dann auch infantiles Verhalten?« »Duchaus. Infantilität hat viele Gesichter.«

»Das macht der immer. Er macht auf total freundlich. Wer ihn aber mal näher kennengelernt hat weiß, der hat immer ein ‚Messer im Ärmel‘ mit dem er dich meuchelt wenn du nicht auf seiner Linie tanzt.« »Perfidie.« »Er soll aber ein toller Familienvater sein, habe ich mal gehört.«

»Menschen nehmen, je nachdem in welchem Umfeld sie sich befinden, oft unterschiedliche Rollen ein. Vor kurzem habe ich eine Reportage über Reinhard Heydrich gesehen. Er ist katholisch erzogen worden und war sowohl sehr sportlich als auch sehr musikalisch. Außerdem war er verheiratet und hatte vier Kinder. Dennoch war er auch für zahlreiche Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich. ›Wie kann ein Familienvater so unendlich grausam sein?‹, fragt man sich da.« »Das ist aber ein sehr extremes Beispiel.« »Schon. Dennoch zeigt es sehr deutlich, wie unterschiedlich das Rollenverhalten von ein und demselben Menschen sein kann. In der einen Rolle der fürsorgliche Familienvater, im ‚Berufsleben‘ der skrupellose Mörder.«

»Da ist was dran. Zu Hause benehme ich mich auch anders als hier. Aber ich bin deswegen hier nicht arrogant oder herablassend.« »Du hältst dich halt, egal in welcher Rolle du dich gerade befindest, stringend an die Goldene Regel. Das ist Größe.« »Hm. Und warum haben das die Diskussionsteilnehmer nicht gemacht? Niemand will doch gern ätzend behandelt werden.« »Wie gesagt, das setzt Selbstreflektion voraus. Aber warum sollte ich mich selbst hinterfragen, wenn ich mit meinem Verhalten durchkomme? Wenn mir alle den Raum geben so zu sein? Wenn ich dafür goutiert und sogar noch honoriert werde?«

»Und warum gibt man ihnen den Raum? Warum sagt denen niemand: ›Das ist Mist was du da machst!‹« »Die Frage stelle ich mir auch dauernd. Höchstwahrscheinlich ganz einfach weil es leichter ist, mit dem ‚Strom der Macht‘ zu schwimmen. Aber wer das tut, handelt wie ein Co-Abhäniger. Er macht es nicht besser. Im Gegenteil. Er trägt dazu bei, dass es so bleibt oder sogar schlimmer wird.« »Solche Leute prostituieren sich doch!« »So kann man es auch sagen.« »Gefühlt machen das aber die meisten Menschen.« »Wohl wahr.«

»Da war doch noch der Diskussionsteilnehmer, der zu jedem Punkt seine Meinung sagen musste. Würdest du das auch als infantil bezeichnen?« »Wenn solche Statements substanziell sind, wenn sie zur Bereicherung der Diskussion beitragen weil sie bislang nicht erwähnte Argumentationen aufzeigen, wenn sie zuvor nicht bedachte, aber wichtige Aspekte darlegen, dann ist das nicht infantil.« »Aber wenn die Statements nur die drölfzigste Wiederholung von bereits Gesagtem beinhalten, wenn sie nur aus Worthülsen und Gemeinplätze bestehen – dann schon?« »Ja, ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Selbstinszenierung würde ich durchaus unter: ‚infantiles Verhalten‘ einordnen.« »Dann war er infantil.« »Jepp. Sehe ich auch so.«

»Und dieser Chef war ja auch ‚lustig‘. Der ist ja auf kein Argument richtig eingegangen. Stattdessen redete er, als hätte er ein Sprung in der Platte. Ständig wiederholte er seine Thesen und trommelt dazu noch mit der Faust auf den Tisch.« »Stimmt. Sehr dogmatisch, der Typ.« »Das ist doch auch infantil!« »Ja, ich glaube, dogmatisches Auftreten deutet in vielen Fällen darauf hin. Interessant finde ich, dass sich das ebenfalls an den Bewegungsabläufen erkennen lässt. Sie sind weniger fließend und die Muskeln versteifen sich. Typisch sind: mit dem Fuß aufstampfen, in eine Art Stechschritt verfallen, oder, wie in dem Fall des Chefs, mit der Faust auf den Tisch hauen. All das ist Trotz und Abwehrverhalten, und will Alternativlosigkeit demonstrieren. ›Ich habe recht! Basta!‹«

»Das ist doch armselig!« »Man könnte das auch als Bankrotterklärung bezeichnen. Ich habe keine Argumente mehr mit der ich die der Anderen entkräften kann. Ich weiß, dass ich eigentlich ‚unterlegen‘ bin. Deswegen will ich auch nicht auf sie eingehen.«

»Wenn du nicht mit mir spielen willst, spiele ich eben mein Spiel!« »So ist das. Wer gewinnt, hat die Anerkennung. Es geht um das eigene Ego, es geht darum Sieger zu sein.« »Das Erwachen der Macht.« »Ja. Auch wenn das lustig klingt, darum geht es. Das Bestreben solcher Menschen ist Macht zu bekommen, zu erhalten oder zu erweitern. Um größtmögliche Bereicherung für alle geht es ihnen selten. Wenn überhaupt, nur dann wenn sich das für sie rechnet, wenn das für sie, gegebenfalls auch langfristig, die meisten Vorteile einbringt.« »Sage ich doch: Wer wirklich eine Win-Win-Situation haben will, handelt anders.«