Fröhlich bleiben!

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Ein Schokoladen-Osterhase in der Wiese Lächle, einige „Hasen“ sind auch in Ordnung!

Ich „lese“ die Lokalzeitung immer erst später, also so um eineinhalb bis zwei Monate zeitversetzt. Das hat Vorteile. Für mich kommt die Zeitung nie zu spät. Außerdem weiß ich schon was drin steht. Okay, nicht genau, aber so in groben Zügen. Gut ist auch, dass ich mich über einige Themen nicht mehr aufregen muss. Das habe ich schon Wochen vorher gemacht. Das alles wirkt beim Lesen manchmal so, als hätte ich das Mathelösungsbuch intus. Oder auch, als könnte ich die Zukunft voraussagen.

Gestern auf der Demenzstation im Seniorenheim fragte ich mich, was wohl die Bewohner-/innen gedacht hätten, wenn sie dieses Kapitel in ihrem Lebensbuch schon vor Jahren hätten lesen können. Wie hätten sie diese Info „verdaut“? Hätten sie etwas an ihrem Leben geändert?

Wer will schon gern an Demenz erkranken? Das zu „bekommen“ ist für viele ein gruseliger Gedanke. Aber was ist, wenn Dich das doch trifft? Was wünscht Du Dir dann?

Spoiler: Alle Macht, alles Materielle verliert sehr schnell seine Bedeutung. Und ich glaube, selbst kulturelle Schönheit ist dann nicht mehr relevant. Doch was zählt dann noch? Ich kenne nur zwei Antworten, und sicher bin ich mir nur bei einer.

Der eine Punkt ist, die meisten lieben Süßes – Milchreis mit Zimt zum Beispiel. Für meine Mom ist Milchreis mit Zimt wie ein Fünf-Gänge-Menü in einem Drölfsterne-Restaurant. Dann kann es sogar passieren, dass sie, wenngleich sehr ungeschickt, wieder selbstständig mit dem Löffel das Essen zum Mund führt. Das mag traurig klingen, sind aber für mich Momente großer Freude. Die Erklärung dazu lautet: Im Alter lässt der Geschmacksinn immer mehr nach. Was wir Menschen zuletzt noch herausschmecken können ist: Süßes.1

Die zweite Antwort ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Es ist etwas, was jeder von uns zwingend wie Nahrung benötigt. Wir möchten wertgeschätzt werden. Dazu gehört zunächst die Wahrnehmung, wir möchten wahrgenommen werden; außerdem sind da noch der Respekt und die Toleranz, die wir von unseren Mitmenschen erfahren möchten. – Und es gibt noch die Liebe.

Was für den Geschmacksinn das Süße ist, ist für die Wertschätzung die Zuneigung – und in ihrer ausgeprägtesten Form: die Liebe. Was Du Dir also wünschen solltest wenn Du an Demenz erkrankst ist, Zuneigung – so oft es geht. Denn die wirst Du immer spüren – egal wie krank Du bist.2 Wenn man so will sind Zuneigung und Liebe das Mehrgänge-Menü was Du bis zuletzt genießen kannst.

Fehlt noch eine Zutat? – Yes! Die Freude! Spass haben, fröhlich sein! Das darf man „sogar“ auf einer Demenzstation! Das geht auch dort. Und das ist sogar wichtig. Natürlich kommt es auf die Dosis an. Denn wer mit Fröhlichkeit seine Betroffenheit überspielen will, wird auch von dementen Menschen ob seiner mangelnden Authentizität enttarnt.

Es ist also überhaupt nichts verwerfliches daran, fröhlich zu sein, Humor zu haben, zu lachen. Und wenn ich Artikel in einer anderthalb Monate alten Tageszeitung lese, muss ich oft grinsen: »Soll ich dir was verraten? Es wird sogar noch schlimmer kommen.« Zugegeben, das ist dann Sarkasmus. Aber: Hätte ich an der Geschichte etwas ändern können?

Ich darf auch nach rechts und links gucken. Und wenn mir dort jemand solche Fotos zeigt

Ein Schokoladen-Osterhase guckt durch ein Loch Locker bleiben!

… kann ich mich – obwohl ich viele Dinge die sonst um mich herum stattfinden ganz schrecklich finde – trotzdem freuen. Ich kann und ich darf trotzdem Spaß haben!

In diesem Sinne: Lasst Euch nicht runterziehen! Habt eine fröhliche Osterzeit!


  1. Das ist mir im Seniorenheim mehrmals so verklärt worden. Ich habe das selbst noch nicht „nachgeschlagen“, aber vielleicht kann mir ja eine Leserin oder ein Leser entsprechende Fundstellen zuschicken. [return]
  2. Ja, das habe ich jetzt „einfach so behauptet“. Aber ich glaube, da ist eine Menge dran. Auch hier bin ich für Hinweise dankbar. Ich könnte mir vorstellen, dass hier in der Hospiz tätige Mitmenschen gute Hinweise geben können. [return]