Einheitsbuddeln für das Klima

Der alte Mann erzählt vom Garten. Und warum das Einheitsbuddeln nicht nur am Tag der Deutschen Einheit Sinn macht.
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An einem Mammutbaum windet sich eine Klematis empor. Mammutbaum mit Schärpe.

Stell dir vor, am 3. Oktober würde jeder Mensch in Deutschland einen Baum pflanzen. 83 Millionen. Jedes Jahr. Ein neuer Wald. Von Nord nach Süd, von Ost bis West. Für das Klima. Und für dich und deine Familie. Für unsere Zukunft.
Lass uns zusammen diese Tradition ins Leben rufen!

einheitsbuddeln.de, Die große Baumpflanzaktion zum Tag der Deutschen Einheit

Ich finde die Aktion klasse. Allerdings muss ich gestehen, zum Tag der Deutschen Einheit habe ich keinen Baum gepflanzt. Aber ich hole das nach – im Frühjahr.

Kürzlich fragte jemand unter Twitter: »Wie viele Pflanzen habt Ihr in Eurer Wohnung?«1 Uhi, dachte ich, diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Es sind so unglaublich viele und ich habe es nicht so mit dem Rechnen. Du kannst mich aber morgens um 2:30 Uhr wecken und fragen: Welche Pflanzen stehen auf den Fensterbänken in deinem Haus; bitte von links nach rechts benennen?

Die gleiche Frage, nur bezogen auf die Anzahl der Bäume in meinen Garten, könnte ich ebenfalls nicht beantworten. Ich habe sie nie gezählt. Für ein so kleines Grundstück sind es jede Menge. Jedoch könnte ich dir auch hier jederzeit schildern, wo welche Pflanze und welcher Baum steht.

Ich liebe Bäume! Für fleißige Leser:innen von soheit.de ist das nicht neu. Vermutlich langweile ich sie bereits damit. Einige Bäume und Pflanzen habe bei mir sogar Namen, also neben dem botanischen Namen; zum Beispiel der Estherblattlümmelbaum.

Vor einer Woche war ich Gast bei einer großen Geburtstagsfeier. Es war toll. Viele der Gäste habe ich Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Ein Gast fragte mich nach kurzer Begrüßung: »Sag mal, sammelst du noch Kakteen?« Ich war von den Socken. Nach fast dreißig Jahren war das noch in seiner Erinnerung. Tatsächlich war meine erste Pflanze ein Kaktus, den mir meine Mom zum 10. Geburtstag geschenkt hat.

Aber zu der Zeit hatte ich schon meinen eigenen Garten – also eine Fläche von rund einen halben Quadratmeter im Garten meiner Eltern, die ich wie ein Park angelegt habe. »Züchtest du Unkräuter?«, bin ich mehrmals gefragt worden. Es waren winzige Pflanzen die mir gefielen und die ich an Wegesrändern aufgelesen hatte.

Das meine Eltern einen Garten hatten, war und ist für mich ein Geschenk. Natürlich habe ich das nicht immer so gesehen. Denn schon früh sagte mein Daddy: »Du bist für das Rasenmähen zuständig. Und du hilfst mir beim Heckeschneiden.« Warum nervte mich das damals oft? Heute habe ich doch weit, weit mehr Arbeit mit dem Garten und bin trotzdem glücklich damit. Die Antwort ist einfach: Ich gestalte ihn ja auch.

Das bringt mich mal kurz zum Thema Freude an der Arbeit, worüber ich unlängst schon mehrmals schrub. Es reicht nicht Zuständigkeiten zu vergeben – man muss auch die Möglichkeit der Ausgestaltung einräumen. Klar, einige Menschen wollen nur „abarbeiten“, also ein bis zwei Mal die Woche Rasenmähen ohne dabei zu überlegen: Sollte ich ihn vielleicht nicht so niedrig absemmeln, wegen der Trockenheit und so? Oder noch revolutionärer: Macht es vielleicht viel mehr Sinn, an dieser Fläche einen Gemüsegarten anzulegen – und dort noch einen Baum zu pflanzen?

Zurück zur Natur. Ich bin dankbar dafür, dass mich meine Eltern lernen ließen, die Natur zu lieben. Sie sind mit uns viel durch die Wälder gewandert, sie haben uns aber auch in die Gartenarbeit eingebunden. Und nach und nach haben sie uns den Raum gegeben, ihn zu gestalten.

Mit mir ist der Garten bereits in den Händen der dritten Generation. Ich sehe noch meine Großeltern, wie sie die schnurgerade gezogenen Gemüsebeete darin pflegten. Aber schon immer waren in dem Garten auch Bäume; vorwiegend Obstbäume. Unser Lieblingsbaum war der Zwetschgenbaum: »Scotty: volle Energie auf die vorderen Schilde!«

Der Baum als Spielplatzgerät. Das ist auch so ein Beispiel. Phantasie darfst du nicht vorgeben – du musst sie entfalten lassen. Dafür braucht sie Platz und Zeit. Ich sage oft: Phantasie oder Kreativität ist eine wunderschöne Pflanze. Aber sie ist auch sehr, sehr empfindlich. Steht sie in schlechter Erde, bekommt sie zu wenig oder zu viel Wasser, sind die Lichtverhältnisse falsch, wird sie von anderen Pflanzen bedrängt – wächst sie nicht, die Pflanze Kreativität. Kurzum: Man kann Phantasie und Kreativität nicht abrufen wie mechanische Arbeit.

Fällt mir gerade ein: Hochzeitfotos werden ja auch gern im Grünen gemacht. Natur ist ein sehr beliebtes Hintergrundmotiv. Oder wie ich es sage: Natur hat die schönsten Nebenwirkungen. Um sich für die Glückwünsche zu ihrer Hochzeit zu bedanken, verschickten meine Nachbarn Karten mit einem Foto, worauf sie in Hochzeitskleidung zu sehen sind. Im Hintergrund war meine Hainbuchenhecke und die Bäume die darüber ragten zu sehen. Das hat mich riesig gefreut.

Apropos Nachbarschaftshilfe: Ich habe keinen Teich in meinen Garten, dafür aber meine Nachbarn. Da mein Garten teilweise schon dschungelartig bewachsen ist, bietet er jedoch ausgezeichnete Rückzugsmöglichkeiten für Amphibien. Und daher treffe ich hier oft auf „Grenzgänger“. Tja, auch das ist eine Win-win-Situation.

Wo war ich? Ach ja, beim Einheitsbuddeln für das Klima. Was ich mit all den Ausführungen sagen wollte ist: Ihr müsst nicht bis zum 3. Oktober 2020 warten. Bäume, Sträucher – Grün, könnt Ihr jederzeit pflanzen. Wofür? Dafür:

  • als Luftfilter,
  • als Sauerstoffspender,
  • als Nahrungsquelle,
  • als Schutz und Nahrung für viele Tiere,
  • als Alternative für die Versiegelung von Flächen,
  • als Schallschutz,
  • als alternative zu Spielgeräten,
  • als Möglichkeit Phantasie und Kreativität zu fördern,
  • als schönste Nebenwirkung
  • und natürlich als natürliche Klimanalage.

Bestimmt habe ich etwas vergessen. Schreibt mir, was noch in die Liste gehört. Ich ergänze sie gerne.


  1. Dummerweise finde ich den Tweet nicht wieder. [return]