Du Opfer

Vielleicht kennt Ihr das ja auch. Ihr schlagt die Tageszeitung auf, lest einen Artikel aus dem Lokalteil und ärgert Euch: »Das ist doch falsch, was da steht! Der Verfasser des Artikels hat offensichtlich überhaupt nicht recherchiert!«
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Kürzlich las ich von jemanden dem es so ergangen ist, woraufhin er einen Experten des betreffenden Themas angeschrieben hat: Unter Umständen sollte in derselben Zeitung eine Klarstellung erfolgen, schloss er seine Ausführungen.1

Der betreffende Artikel im Lokalteil der Zeitung erweckt meiner Meinung nach tatsächlich den Eindruck, dass sein Verfasser ausschließlich auf die Ausführungen seines Gesprächspartners gesetzt hat, ohne diese zu hinterfragen.

Eine Frage die nach solchen Beiträgen oft gestellt wird ist: Darf eine Zeitung das machen?! – Warum nicht? Vielleicht setzt sie ja gerade darauf, dass sich nun andere „Experten“ bemüßigt sehen sich zu Wort zu melden. Das ist doch eine interessante Strategie eine Artikelserie zu initiieren: Heute lassen wir Partei A zu dem Thema zu Wort kommen, morgen Partei B und übermorgen Partei C.

Jeder einzelne Artikel dieser Serie muss für sich genommen nicht unbedingt neutral sein, erst die Serie in ihrer Gesamtheit vermag dann die von einigen Leser-/innen vermisste Neutralität wiederherstellen. Ob das zulässig ist, oder dem Codex der Vierten Gewalt gerecht wird, weiß ich nicht.

Als ich von der Geschichte über den besagten, „falschen“ Zeitungsartikel gelesen habe ging mir nur ein Wort durch den Kopf: »Ignorieren.« Womit ich meine: »Tja nun. Netter Versuch.« Dazu gehören jedoch noch ein paar Vorverknotungen in meinen Gehirnwindungen, die ich mal kurz beschreiben möchte.

Natürlich kocht das Gemüt noch höher, wenn hinter den Statements des zu Wort gekommenen Experten auch noch eine politische Ausrichtung steht und Mann selbst einer anderen Partei angehört und eher den Ausführungen anderer, aber in dem Artikel nicht zu Wort gekommenen Experten vertraut. Diesen politischen Aspekt von Artikeln dürfen wir nie übersehen, ich will ihn aber hier nicht weiter vertiefen.

Nun zum Stichwort „Klarstellung“. Auch das ist ein natürlicher Reflex. Meistens wird in solchen Situationen nach einer Gegendarstellung gerufen. Eine Gegendarstellung – „auch der andere Teil soll angehört werden“2 – zu erreichen, bedarf jedoch einiger Anstrengungen. Da ist es schon geschickter, zunächst um eine „Klarstellung“ zu bitten. Doch es ist wie immer: Der Ton macht die Musik. Denn die Zeitung muss der Bitte nicht folgen.

Die Sache hat jedoch einen Haken: Mittels einer Zeitung kann ich nur indirekt kommunizieren – senden. Denn eigentlich, primär geht es mir doch um die Leser-/innen des Artikels denen ich mitteilen will: Was in dem Artikel zu lesen ist, ist so nicht richtig. Aber was glaubt Ihr, wie groß ist die Chance, dass „Eure“ Tageszeitung all Eure Argumente in der richtigen Reihenfolge im Wortlaut so abdruckt wie Ihr Euch das wünscht?

Alternative? – Richtig, die eigene Website!3 Womit ich nicht Facebook & Co.KG meine. Facebook ist ein geschlossener Kreis von Nutzer-/innen. Ich bin, wie viele andere auch, aus guten und bestimmt bekannten Gründen nicht dort unterwegs. Wenn ich mit den Leser-/innen (oder meinen potentiellen Wähler-/innen) barrierefrei kommunizieren will, darf ich als erstes keine Netzplattformen wählen, die von meinen Leser-/innen Zugangsdaten erfordern.4

Noch mal zum Stichwort: „Klarstellung“. Das ist eine Reaktion auf etwas. Und im Wortlaut wirkt sie für mich wie „Mimimi!“: »Schnief, das ist nicht fair! Ich finde das total ungerecht weil falsch!« Das mag ja auch stimmen. Dennoch, wenn ich frotzeln wollte würde ich antworten: »Dann heul doch!« Eine Klarstellung macht für mich den Eindruck von: Kindheits-Ich appelliert an Eltern-Ich. Gewollt ist aber sicherlich: Erwachsenen-Ich spricht mit Erwachsenen-Ich.5

Rufen wir uns kurz in Erinnerung: Da erscheint in der Lokalzeitung „plötzlich“ ein Artikel, in dem falsch oder nicht neutral berichtet wird. Das verärgert einige Leser-/innen. Und sie überlegen sich, wie sie darauf reagieren sollen.

Insbesondere auf lokaler Ebene frage ich mich dann: Könnte es sein, dass an anderer Stelle adäquate Informationen fehlen? Möglicherweise gibt es eine zuständige Stelle die „Frau der Informationen“ ist, eine Stelle bei der die Fäden zusammenlaufen. Anders gefragt: Gibt es einen Informationsbedarf der nicht gedeckt und durch den Zeitungsartikel offensichtlich wurde?

Unterstellen wir mal, es hätte sich die eigentlich zuständige Stelle, eine Politikerin, oder eine interessierte und informierte Bürgerin die Mühe gemacht, auf der eigenen Website umfassend über das Thema zu informieren. In den Texten würden verschiedene Experten zu Wort kommen, es gäbe darin Deep Links zu weiterführenden Infos und so weiter. Was wäre dann? Dann könnten sich doch die von dem besagten Zeitungsartikel zunächst verärgerten Leute wieder entspannt in ihren Ohrensessel zurücklehnen und darauf verweisen: »Leute, das ist doch Blödsinn was in dem Zeitungsartikel steht! Lest doch einfach mal was dort bei XYZ ausgeführt wird!« – Oder?

Auch wenn ich mich wiederhole6: Wer zeitnah, umfassend und verständlich7 informiert, muss selten reagieren.

Wenn ich diese Dinge erzähle bekomme ich zu 90 Prozent zwei „Argumente“ zu hören. Das eine hat mit self-fulfilling prophecy und das andere mit Arbeit zu tun.

»Die Texte liest doch keiner! Die Leute lesen alle Zeitung!« Tja, so geht selbsterfüllende Prophezeiung. Auf den kleinsten nicht mehr teilbaren Nenner gebracht: Ich informiere nicht, weil es eh keiner liest. Die Relevanz der eigenen Website wird selbsterfüllend ins Unbedeutende abklassifiziert.8

Selbst wenn die Zeitung mehr Leser-/innen hat als meine Website – ich kann aber immer auf meine Website verweisen. »Ich habe auch über das Thema geschrieben. Lest drüben den Zeitungsartikel, dann lest meinen Beitrag zum Thema, und anschließend bildet Euch eine eigene Meinung.«

Und nun zum zweiten „Argument“: »Das macht Arbeit! Ich/wir habe/n keine Zeit regelmäßig zu schreiben!« Ja, das macht Arbeit. Davon kann ich ein Liedchen trällern. Eine Frage kann ich mir dennoch nicht verkneifen: Könnt Ihr es Euch in der heutigen Zeit leisten, unzureichend oder gar nicht über Eure Arbeit zu informieren?

Wir reden über Digitalisierung, wir reden über die großen Möglichkeiten des Internets und wir handeln, als müssten wir noch unter freiem Himmel und mit großer Körperkraft mittels eines Steinkeils Steine verkratzen um nachhaltig informieren zu können.

Wer anderen die Arbeit des Informierens überlässt obwohl er aufgrund seines Aufgabenfeldes es selbst auch tun müsste, dem kann ich nur sagen: Wenn du selbst nicht tätig bist, bist du Opfer.

PS: Diesen Artikel habe ich schon vor ein paar Tagen größtenteils fertiggestellt, jedoch nicht veröffentlicht, weil ich noch zwei, drei Sätze hinzufügen wollte.


  1. Interessant an dem Schreiben des mutmaßlich verärgerten Lesers ist, dass er den von ihm angeschriebenen, in dem Artikel nicht zu Wort gekommenen Experten nicht direkt auffordert eine Klarstellung herbeizuführen. Der betreffende Satz ist isoliert vom Kontext „nur“ eine Option. Mit Kontext suggeriert er jedoch: Der Experte möge das doch bitte veranlassen. Das zeugt von Sprachkunst; hier: Suggestion. Wie und wo eine solche Kunst angewandt wird, ist allerdings auch eine Frage der Moral. [return]
  2. Siehe de.wikipedia.org: Gegendarstellung. [return]
  3. Ja, das habe ich hier und „draußen“ schon unzählige Male angeregt. Einmal in der Woche bringe ich das bestimmt. [return]
  4. Passend dazu bin ich neulich auf diesen Artikel gestoßen: Darum solltest du auch 2019 ein Blog haben. [return]
  5. Ihr habt es bemerkt, ich habe mich mal kurz der Transaktionsanalyse bedient. [return]
  6. Mein ständiges Credo dazu: dokumentieren, dokumentieren, dokumentieren. [return]
  7. Damit meine ich insbesondere barrierefreie Texte.
    [return]
  8. Siehe auch: Von der Relevanz eigener Informationen. [return]