Distanzen kann ich letztendlich nur im Kopf überbrücken

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 3 Minuten

Der Turm der Sankt Marien Kirche in der Altstadt von Lügde

Urlaub für den Klimaschutz. Geht das?

»Und, wo machst du Urlaub?« Das ist ein Klassiker unter allen Fragen die in den Urlaubssaisonen gestellt werden. Bis vor einigen Jahren hat mich die Frage genervt. Denn ich hatte das Gefühl mich für meine Antwort rechtfertigen zu müssen. Und auch in diesem Jahr haben mich wieder mehrere Leute verdutzt angeschaut, als sie meine Antwort hörten: »Hier. Also zu Hause.«

Wenn du den Gesprächsfaden bei der Frage abreißen lassen willst, mit der Antwort klappt das bestimmt. Um das irritierte Schweigen des jeweiligen Gesprächspartners zu beenden, versuche ich es neuerdings auch schon mal mit: »Keine Angst, das tut nicht weh.«

Ja, es ist so. Seit 1997 habe ich einen Radius von 150 Kilometern1 nicht überschritten. Und das ist vermutlich schon hochgegriffen. Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Zwei Jahre zuvor habe ich das Häuschen meiner Eltern übernommen, meine Geschwister ausgezahlt und dann das Haus umfangreich saniert und isoliert. Irgendwie musste das ja finanziert werden. Hinzu kam, dass ich dabei einem Betrüger aufgesessen bin, der mich um sehr viel Geld betrogen hat. Wenn ich den eingeschlagenen Weg weitergehen wollte, blieb mir nichts anderes übrig: Ich musste mich einschränken und auch Verzicht üben. Also verzichtete ich unter anderem auf Reisen.

Mein Urlaubsparadies war und ist mein kleiner Garten. Und weil er geradezu vor Grün strotzt, ist er auch sehr pflegeintensiv.

Sicher, heute könnte ich mir eine kleine Reise wieder leisten. Doch seit ein paar Jahren habe ich Skrupel. Sogar wenn ich im Urlaub mit dem Auto zum Shoppen in die nächste Großstadt fahre oder ein kulturelles Ziel in der Nähe besichtigen möchte. Ihr wisst schon: das Klima und so.

Ich will nicht verhehlen, nach wie vor fahre ich gern mit dem Auto. Also hier über Land, nicht in der Stadt. Aber auch das verkneife ich mir wo es geht. In meiner Jugend bin ich auch gern Motorrad gefahren – kreuz und quer durch Europa. Das waren richtige Abenteuer. Ich würde mir gern wieder ein Motorrad kaufen, nur ein kleines. Aber es wäre falsch.

Manchmal, wenn die Rede auf Flugreisen in ferne Länder kommt, „muss“ ich gestehen: Ich bin in meinem Leben nur zwei Mal geflogen. Das erste Mal als kleiner Steppke, da hat mich mein Dad auf einer Geschäftsreise mitgenommen: Wir sind von Hannover nach Berlin, und nach dem Termin wieder zurück geflogen. Das war noch vor dem Mauerfall. Das zweite Mal, viele Jahre später, durfte ich einen Bekannten bei einem Tagesausflug mit einer kleinen Cessna begleiten.

Sicher, durch Länder zu reisen in denen das Leben ganz anders tickt als hier, kann zur Bildung beitragen – aber nicht zwangsläufig. Denn Distanzen kann ich letztendlich nur im Kopf überbrücken.

»Aber du musst doch mal den Kopf frei bekommen. Das geht am besten, wenn man mal was anderes sieht. Andere Länder, andere Leute, andere Sitten.« Da ist was dran. Aber das ist nur eine Methode; keine allgemeingültige.

Ich glaube, das wichtigste im Leben ist Zufriedenheit. Die entscheidende Frage dabei ist: Was brauche ich um zufrieden zu sein? Die Frage stelle ich mir sehr oft. Das Bild von der Bedürfnispyramide finde ich dabei sehr hilfreich.

Wozu zählen Urlaubsreisen? Für mich zählen sie zur Selbstverwirklichung – zum Luxus. Doch ich bin nicht allein auf dieser Welt. Es geht nicht nur um meine Bedürfnisse – Stichwort: soziale Bedürfnisse. Ich brauche auch Mitmenschen. Schnell bin ich dann bei der Frage:

Was ist mir wichtiger: meine Urlaubsreise oder der Klimaschutz, der für alle Menschen wichtig ist? Mir ist der Klimaschutz wichtiger.


  1. Ausgehend von meinem Lebensmittelpunkt. ;-) [return]