Die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 7 Minuten

Im Vordergrund grüne Felder im Hintergrund Berge Kurze Durchsage von hier: Natur pur.

Wir müssen mehr Parkflächen schaffen. Wenn wir, statt die Autos am Straßenrand entlang des Gehweges hintereinander parken zu lassen, den Gehweg beseitigen, einen Teil der daneben verlaufenden Grünfläche mitbenutzen, dann könnten die Autos schräg einparken und wir hätten mehr Parkplätze.

Das ist der Tenor eines Artikels, der vor einigen Wochen in einer hiesigen Lokalzeitung zu lesen war. Gesagt haben soll das der Leiter einer hier sehr bekannten Einrichtung. Die Straße von der die Rede ist, befindet sich im Zentrum jener Stadt und ist ein Blickfang, da sie schnurgerade verläuft. Von unten kommend führt sie auf eine Kirche zu. Es scheint fast so als könne man, oben angekommen, direkt in die Kirche hineinfahren.

Wir wollen noch mehr Besucher – zahlende Kunden – in unserer Stadt haben. Dafür müssen wir Parkgelegenheiten schaffen. Das ist das Motiv, welches hinter dem Vorschlag steht. Das kann ich nachvollziehen – wenn ich andere Motive ausblende. Ich habe mich beim Lesen des Artikels zum Beispiel sofort gefragt: Muss das sein? Noch mehr versiegelte Flächen für noch mehr parkendes Blech?

So lange es in diesem Land einfacher ist, aus einem Spielplatz einen Parkplatz, als aus einem Parkplatz einen Spielplatz zu machen, braucht mir niemand was von #Verkehrswende erzählen, nur weil auf dem Parkplatz jetzt eine öffentlich finanzierte Elektroladestation rumsteht.

— Matthias Oomen, twitter.com/oomenberlin, 18.6.2019

»In der Stadt sind viele ältere, oder kranke Menschen unterwegs«, gab man mir zu bedenken. »Wie wäre es denn mit alternativen Konzepten wie Elektro-Anrufsammeltaxis?«, fragte ich. Es gibt so viele alternative, umweltfreundlichere Verkehrskonzepte. Mann muss sie nur wollen. Und Mann muss endlich damit anfangen.

Manchmal frage ich mich, auf wen oder was warten die Menschen? Nur wir können das Klima „retten“! Es gibt keinen Messias der das für uns erledigt. Fangen wir endlich an zu handeln! Die Fakten liegen auf dem Tisch. Geredet wurde genug.

Und um einen Trugschluss vorzubeugen: Autos die mit Benzin oder Diesel fahren einfach gegen E-Automobile auszutauschen hilft zwar die Luftverschmutzung zu verringern – vollgestopfte Straßen und versiegelt Flächen aber bleiben. Für eine klimafreundliche Verkehrswende ist ein solcher „Tausch“ viel zu kurz gehupft. Er verzögert sogar das frühzeitige Umsetzen von langfristig guten Lösungen, da weiterhin massenhaft überflüssiges Blech erzeugt wird. Wir müssen stattdessen sofort damit beginnen gute Alternativen zu schaffen1 und die Zahl der Autos zu verringern.

In den vielen Diskussionen die ich zu diesem Thema geführt habe, wiederholen sich einige Argumente die ich nicht beseite schieben will. Erstes Argument: Wir leben hier auf dem Land. Bei uns ist das mit den Autos längst nicht so schlimm wie in der Großstadt. Das ist wahr. Aber auch hier ist zu erkennen, dass immer mehr Autos unterwegs sind.

Von rund 330.000 neu zugelassenen PKW in Mai 2019 waren etwa 100.000 SUV oder Geländewagen. Das mal zu: Wir brauchen keine Gesetze, weil die Menschen vernünftig genug sind. Spoiler: Sind sie nicht.

— Mario Sixtus, twitter.com/sixtus, 7.6.2019

Früher haben wir in den Sommermonaten hier auf den Nebenstraßen Federball gespielt. Selten wurden wir dabei durch ein Auto „gestört“. Heute kann man das schon wegen der vielen am Straßenrand parkenden Autos nicht mehr machen. Kurzum: Auch hier auf dem Land werden die Parkplätze zunehmend knapper.

Zweites Argument: »Ich bin Pendler. Ich muss jeden Tag mit dem Auto 30 Kilometer zur Arbeit fahren. Wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre, bin ich mindestens drei Stunden länger unterwegs.« Ja, in solchen Fällen lässt sich nicht mit einem Fingerschnipp eine alternative, umweltfreundliche Lösung finden. Das haben die Verkehrsplaner jahrelang, ganz im Sinne der Autobauerlobby, verpennt. Wir müssen auch hier anfangen, klimafreundliche Lösungen zu schaffen. Aber das wird dauern. Was aber keinesfalls heißt, dass wir an anderer Stelle nicht schon sofort Lösungen hinbekommen.

Wir setzen beim #Klimaschutz auf Anreize und Innovationen, statt grüner Verbote und Bevormundung.

„Öko muss Spaß machen. Das ist das Gegenteil grüner Verbotspolitik.“
– Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU im Bundestag

— CSU im Bundestag, twitter.com/csu_bt, 15.6.2019

Ja, Öko kann Spaß machen. Aber dann müsst Ihr die Voraussetzungen dazu schaffen. Ihr müsst dazu noch nicht mal etwas verbieten. Fangt damit an, Gleichberechtigung im Straßenverkehr sicherzustellen. Fahrradwege die als solche genutzt werden können und nicht als Parkplätze missbraucht werden zum Beispiel. Es muss Spaß machen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad durch die Stadt zu gehen, beziehungsweise zu fahren. Wenn in einer Stadt, zum Beispiel in einer Kurstadt, viele ältere und kranke Menschen unterwegs sind, dann sind diese Städte in besonderer Weise dazu aufgerufen breitere Gehwege zu bauen die sich barrierefrei mit dem Rollstuhl oder dem Rollator nutzen lassen. Denkt dabei auch an die jüngere Generation mit Kinderwagen, Kleinkindern und so weiter.

Dafür braucht ihr keine Grünflächen in Anspruch zu nehmen. Zwackt das einfach von den Straßenflächen ab. Die Blitzer werden sich dann erübrigen. Okay, dann macht das Autofahren weniger Spaß. Aber die Alternativen wie Fahrradfahren werden dadurch interessanter. Das ist doch das Ziel, weniger Autoverkehr – wegen des Lärms, wegen des Feinstaubs und so weiter. Oder?

Wir müssen mehr Grün in die Städte bringen ist jetzt häufiger zu lesen2. Ich finde das super! Aber wie wollt Ihr das hinbekommen, wenn Ihr gleichzeitig immer mehr Parkplätze baut? – Statt zusätzliche Parkplätze zu schaffen, müssen wir die Innenstädte von den Autos befreien! Ich versuche das mal mit einem plakativen Spruch auf den Punkt zu bringen: Erst wenn wir auf den Nebenstraßen wieder problemlos Federball mit unseren Kindern spielen können, sind die Städte wieder lebenswert.

»Und wie sollen die Leute zu ihren Häusern kommen?!« werde ich mitunter geradezu angegiftet. Ja, die Pendler können nicht von heute auf morgen auf ihr Auto verzichten. Und grundsätzlich ist es hier auf dem Land noch sehr schwierig ohne Auto auszukommen.

Dennoch: Wir müssen sowohl kurzfristig als auch langfristig denken und handeln. Was lässt sich kurzfristig umsetzen? Was müssen wir für die langfristigen Lösungen auf den Weg bringen? Dazu gehört zuallererst die Bereitschaft, der Wille von jedem von uns sich für den Klimaschutz einzusetzen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass das andere für uns tun. Jeder von uns steht in der Verantwortung!

Die Grünen im Höhenflug: politische Abstauber oder Volkspartei für einen neuen Zeitgeist?“ lautete das Thema der jüngsten Diskussionsrunde im Presseclub. In einem Beitrag wurde sinngemäß gesagt: Viele von denen die die Grünen wählen, verhalten sich alles andere als „grün“. Das ist wohl so.

»Wir müssen mit dem beginnen, worauf wir am einfachsten verzichten können«,3 ist so ein Satz, den ich in diesem Kontext häufig bringe. Zum Beispiel: Müssen wir wirklich mit dem Flieger oder dem Kreuzfahrtschiff in den Urlaub? Wir wissen alle um deren Umweltbelastung.4 »Nein! Das lasse ich mir nicht einreden! Ich verzichte nicht auf meine Urlaube mit dem Flieger oder dem Kreuzfahrtschiff!«, schleuderte mir neulich jemand entgegen, der sich für den Umweltschutz engagiert.

Dabei sollte gerade für uns, die wir hier in einer wunderschönen Landschaft wohnen können, dieser Verzicht möglich sein. Ich kann es nachvollziehen, wenn Menschen die in großen Städten in Hochhäusern wohnen sagen, dass sie „mal raus“ wollen. Für sie ist ein solcher Verzicht erheblich schmerzhafter. Aber diese Menschen können vielleicht eher auf ein Auto verzichten, weil es in den großen Städten oft viel leichter ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeitsstelle zu fahren und den Alltag zu bewältigen.

Es gibt eine große Diskrepanz zwischen Reden und Handeln. Den Satz habe ich aus einem Interview mit Jürgen Trittin aufgeschnappt. Es scheint wirklich so zu sein. Die meisten von uns lösen bei diesem Thema die kognitive Dissonanz mit der nicht „grünen“ Lösung auf.

Übrigens, den Tweet von der CSU kommentierte Rezo so:

Alter wie infantil ist dieses Verständnis von Leben? Das Überleben und den Lebensraum zu sichern war für die Menschheit nie “Spaß”. Erwachsen werden heißt, zu akzeptieren, dass man zum langfristigen Wohl hart arbeiten und Abstriche im “Spaß” machen muss. Werdet erwachsen, Union.

— Rezo, twitter.com/rezomusik, 16.6.2019

Vielleicht hilft es, wenn wir uns bei allem was wir tun einfach mal die Maslowsche Bedürfnispyramide vor Augen rufen. Wofür brauche ich jetzt das Auto, den Flieger, das Kreuzfahrtschiff? Welches Bedürfnis will ich damit decken? – Und auf der anderen Seite: Welche Bedürfnisse deckt eine intakte Umwelt, ein gutes Klima?


  1. Beispielsweise: Ausbau des Schienenverkehrs, Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs mit Bussen, Anrufsammeltaxen, Carsharing und so weiter. [return]
  2. Siehe zum Beispiel futurezone.at: „Was Städte gegen steigende Temperaturen tun können. Bäume, Grünflächen und Pflanzen agieren als natürliche Klimaanlage.“ 14.6.2019. [return]
  3. Siehe zum Beispiel auch: Die Schneeflocke und die Umweltverschmutzung, 27.4.2019. [return]
  4. Ein für mich sehr schockierender Beitrag ist zum Beispiel dieser hier: Dreckige Luft vom Traumschiff, www.ndr.de, 25.2.2019. Es ist unglaublich, wie weit der Ultrafeinstaub von den riesigen Schiffen ins Landesinnere geweht wird, und wie schädlich das für unsere Gesundheit ist. [return]